Der Schweriner Dirk Schäfer (r.) stand kurz davor, sich für die WM 1982 in München zu qualifizieren. Foto: privat
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Wie die Stasi eine Karriere zerstörte Dirk Schäfer und der Blues des Boxers

Matthias Hufmann
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Dirk Schäfer war einer der besten Kämpfer der DDR – bis die Staatssicherheit ihm das Leben zur Hölle machte.

Dirk Schäfer ist Straßenmusiker. Er liebt Rock und Blues, spielt 50 Dylan-Songs. Der 56-Jährige hat seinen Stammplatz vor einem Kaufhaus in der Schweriner Altstadt. Hier kennt ihn jeder. Was viele nicht wissen: Schäfer war zweimal DDR-Meister im Bantamgewicht. Er war einer der besten Boxer des Landes. Was niemand ahnt: Die Staatssicherheit hat seine Boxkarriere zerstört. Das geht aus einer Dokumentation hervor, die an diesem Sonntag im NDR gezeigt wird (Sportclub Story, 23.45 Uhr). Zu den Spitzeln zählten vor allem Leute von Traktor Schwerin, Schäfers erfolgreichem Klub. In den 70er- und 80er-Jahren holten Traktor-Boxer 20 Medaillen bei Olympischen Spielen, bei Welt- und Europameisterschaften.

Dirk Schäfer stand damals kurz davor, sich für die WM 1982 in München zu qualifizieren. Die Staatssicherheit hatte damit ein Problem. Stasi-Akten zufolge sagte Schäfer: „In der DDR kann auch nicht jeder werden, was er gerne möchte.“ Sollte man tatsächlich jemanden in den WM-Kader berufen, der „provokatorisch und die gesellschaftliche Entwicklung in der DDR negierend“ auftrat? Der vielleicht versuchen würde, im Westen zu bleiben?

Der Boxer wurde systematisch überwacht. Seine Pakete wurden geöffnet, seine Briefe gelesen. Mindestens fünf inoffizielle Mitarbeiter (IMs) und drei weitere Spitzel waren auf ihn angesetzt. Schäfer war gerade 20 Jahre alt. Die Staatssicherheit warf ihm vor, dass er Kontakt zu Kirchenkreisen suchte und sich mit „negativen und asozialen Personen“ traf. „Ich war jung und wollte was erleben“, sagt Schäfer heute. Im Jugendklub einer Kirche hätte er Schmalzstullen gegessen, Tischtennis gespielt, Lieder gesungen. „Das waren für mich einfach nur junge Leute.“

IM "Frank" berichtet über Schäfer

Über Schäfer berichtete der Inoffizielle Mitarbeiter Sicherheit (IMS) mit dem Decknamen „Frank“. Registriernummer: II 278/70. Dieselbe Nummer befindet sich in der Klarnamenkartei. Der Klarname lautet: Fritz Sdunek. Der spätere Weltmeister-Macher und Coach der Klitschkos war früher Klubtrainer in Schwerin. „Die eigentliche IM-Akte zu ,Frank' existiert nicht mehr“, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. „Die Berichte aber lassen sich relativ eindeutig zuordnen. Wir können davon ausgehen, dass Fritz Sdunek als dieser IMS berichtet hat.“

Über Dirk Schäfer sagte IMS „Frank“, dass er mal ein ganz Großer werden könne. Er berichtete aber auch über Probleme in der Malerlehre, Konflikte mit dem Vater. Und: Schäfer habe „sehr engen Kontakt“ zu einem Arzt aus Schwerin. Dieser Arzt war ebenfalls im Visier der Staatssicherheit. Bei Treffen der beiden wurde laut Stasi-Akten über Fragen der Freiheit und der Menschenrechte in der DDR diskutiert. „Wir haben Tee getrunken und über den Sinn des Lebens gesprochen“, erinnert sich Dirk Schäfer. „Der Doktor sagte: ,Mensch werden, das ist der Sinn.’ Das war doch nichts Falsches.“

Dirk Schäfer ist heute Straßenmusiker. Foto: M. Kockot/NDR
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IMS „Frank“ sagte, dass der junge Boxer „idiotisch und überspitzt denken“ würde. In den Stasi-Akten über Traktor Schwerin sind mindestens 15 Fälle zu finden, in denen IMS „Frank“ Informationen geliefert hat. Er wurde bewusst eingesetzt, auch um Privates zu erfahren. Er berichtete über Elternhäuser und Westkontakte. Die Mutter eines Schülers würde als Friseurin angeblich Trinkgelder von „BRD-Personen“ erhalten, gab IMS „Frank“ zu Protokoll. „Dafür kauft sie dann Kosmetik im Intershop ein.“

Über Dirk Schäfer berichtete auch der IMS „Anton“. Dieser könne anhand der vorhandenen IM-Akte eindeutig zugeordnet werden, sagt Anne Drescher. Es ist: Richard Nowakowski, zweimaliger Europameister, Silber bei Olympia 1976 in Montreal, Bronze bei Olympia 1980 in Moskau. Im eigens erstellten Stasi-Maßnahmenplan gegen Schäfer taucht IMS „Anton“ dreimal auf. Unter Punkt 3, der Kontrolle des Freizeitbereichs. Unter Punkt 5, der Kontrolle im Boxbereich. Und unter Punkt 7, der Kontrolle bei Starts „im nichtsozialistischen Ausland“.

Viele Mosaiksteinchen

„Jeder IM im Fall Schäfer hat einzelne Mosaiksteinchen geliefert, aus denen die Staatssicherheit das Bild zusammensetzen konnte“, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte. Nowakowski selbst will sich zu seiner IM-Tätigkeit nicht äußern.

Fritz Sdunek schrieb in seiner Autobiografie „Durchgeboxt“, dass er der Stasi über „Auffälligkeiten in Trainingslagern“ und bei Wettkämpfen berichtet habe. IMS „Frank“ erwähnte er nicht. Seine Taktik sei es gewesen, „mit vielen Worten nichts zu sagen und den von ihm überwachten Sportlern so wenig wie „möglich zu schaden“.

Der Boxer wurde noch 1982 aus seinem Klub verbannt und „in Unehren“ ausdelegiert. Dirk Schäfer durfte nie wieder für Traktor Schwerin und die DDR boxen.

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