Gleiche Farben, andere Beleuchtung. Beim Weihnachtssingen ist das Stadion An der Alten Försterei seit Jahren restlos ausverkauft. Foto: Hannibal Hanschke/Reuters
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Weihnachtssingen beim 1. FC Union Berlin „Wir Unioner ticken einfach anders“

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Initiator Torsten Eisenbeiser über die 15. Auflage des Weihnachtssingens, die Anfänge mit 88 Leuten und einem Herthaner sowie den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten.

Herr Eisenbeiser, beim ersten Weihnachtssingen des 1. FC Union waren 89 Menschen dabei, am Samstag bei der 15. Auflage werden es 28.500 sein. Hätten Sie sich das 2003 vorstellen können?

Nein. Ich hatte nicht mal über ein zweites Weihnachtssingen nachgedacht. Für mich war das damals eine relativ spontane, einmalige Sache. Dann haben aber so viele Leute davon gehört und waren begeistert. Die wollten im nächsten Jahr alle mitmachen. 2004 kamen dann 400 Leute, im Jahr darauf 1000. Den Gedanken an eine Massenveranstaltung hatte ich aber nie.

Wie entstand 2003 denn die Idee dazu?

Die sportliche Situation war damals nicht gut. Wir hatten in der Zweiten Liga einige Spiele in Folge nicht mehr gewonnen – das war deutlich schlimmer als jetzt – und wir waren alle sehr frustriert. In den Tagen nach dem letzten Heimspiel habe ich dann bemerkt, dass ich mich nicht mal von den Jungs, die auf der Tribüne neben mir stehen, verabschiedet hatte. Da kam mir die Idee.

Wie haben Sie das Event damals rein praktisch organisiert?

Ich habe erst mal meine Jungs von den „Alt-Unionern“ angehauen. Den Fanklub hatten wir erst ein Jahr vorher gegründet. WhatsApp gab es damals noch nicht und per Telefon war das nicht so leicht. Es hat sich aber ganz gut rumgesprochen. Dann habe ich mit den Platzwarten geredet. Die waren damals nicht beim Verein angestellt, sondern beim Bezirksamt. Im Herzen waren das aber Unioner. Die haben gesagt, wir stellen euch zwei Mülltonnen hin, macht das alles wieder ordentlich.

Und was hat Union dazu gesagt?

Die wollten nichts davon wissen. Ich habe mit Oskar Kosche gesprochen, der damals schon auf der Geschäftsstelle gearbeitet hat, und der hat gesagt: Macht doch, was ihr wollt.

Und wie sind Sie ins Stadion gekommen?

Ich habe damals nur 50 Meter entfernt gewohnt und neben der Abseitsfalle gab es ein Tor, das war immer offen. Ein paar Leute, die davon nichts wussten, sind über den Zaun geklettert. Wir standen dann auf Höhe der Mittellinie und haben bei Kerzenschein etwa eine Stunde Glühwein getrunken, Weihnachtslieder gesungen und gequatscht. Wir waren aber nicht nur Unioner.

Wer war noch dabei?

Am Tag darauf habe ich beim Aufräumen einen Mitgliedsausweis von Hertha gefunden. Der Kerl war mit zwei Kumpels auf der Bahnhofstraße unterwegs, hat uns auf dem Weg ins Stadion gesehen und ist einfach mitgekommen.

Gab es einen Moment, in dem sich die Entwicklung verselbstständigt hat?

Der richtige Sprung kam von 2007 bis 2009, als die BSR angefangen hat, das Weihnachtssingen zu sponsern. Dadurch wurde es erstmals in der Stadt promotet und es gab natürlich viel mehr Öffentlichkeit. Dann hat alles seinen Lauf genommen. Nach dem Stadionumbau kam der nächste Sprung.

Torsten Eisenbeiser, 54, ist Initiator des Weihnachtssingens beim 1. FC Union und organisiert die Veranstaltung zusammen mit dem Verein. Er ist Mitglied im Fanklub „Alt-Unioner“. Foto: Julian Graeber
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Wie erklären Sie sich diesen Zuspruch?

Auf der einen Seite kann man das sicherlich nicht ganz getrennt vom sportlichen Erfolg sehen. Der Verein wächst und wir sind in der Zweiten Liga oben dabei. Das ist aber nicht alles. Wir Unioner ticken einfach etwas anders.

Wie meinen Sie das?

Union, das ist eine große Familie, und gerade in der Weihnachtszeit gibt es ja allgemein ein großes Bedürfnis, sich zu treffen. Außerdem ist das für viele hier auch ein Zeichen, wenn sie am 23. Dezember um 20.30 Uhr aus dem Stadion kommen: Jetzt wird nicht mehr eingekauft oder organisiert, jetzt ist Weihnachten.

Solch eine Veranstaltung zu organisieren, ist sicher aufwendig. Wie viele Tage im Jahr beschäftigt Sie das Weihnachtssingen?

Es klingt vielleicht blöd, aber: 365. Letztes Jahr habe ich am 21. Dezember, also zwei Tage vor dem Weihnachtssingen, die erste Anfrage für 2017 bekommen.

Wünschen Sie sich da manchmal 2003 zurück?

Damals konnte ich noch mit allen Leuten reden, das ist heute utopisch. Mich sprechen andauernd Menschen an, viele kenne ich gar nicht. Wenn nach 20, 30 Minuten die Last von mir abfällt und alles läuft, kann ich es aber schon genießen.

Beim Weihnachtssingen ist es mittlerweile auch sehr schwierig, an Tickets zu kommen. Wie nehmen die Fans das auf?

Es ist jetzt das erste Jahr, dass keine Karten in den freien Verkauf gegangen sind. Es gibt immer wieder Leute, die sich ärgern, dass sie trotz Dauerkarte keine Tickets bekommen. Aber was sollen wir da machen? Es reicht ja nicht mal mehr, damit jedes Mitglied eine Karte für sich und seine Familie bekommt.

Andere Vereine wie Borussia Dortmund und der 1. FC Köln haben Ihre Idee übernommen. Macht Sie das stolz?

Ich finde es sehr schön. Auch in Berlin und Brandenburg machen viele kleine Vereine mittlerweile ein Weihnachtssingen. Im Prinzip ist das einfach eine Art Weihnachtsfeier der Fans.

Ist das Weihnachtssingen in einer Situation wie der aktuellen, wo es sportlich nicht besonders gut läuft, noch wichtiger als sonst?

Ich gehe seit 1969 zu Union und hier – aber eigentlich bei jedem Verein außer bei den Bayern – kriegt man als Fan mehr auf die Gusche, als dass man gewinnt. Momentan sind wir vielleicht sogar etwas verwöhnt. Wenn uns vor zehn Jahren einer gesagt hätte, dass wir ohne finanzielle Sorgen in der Zweiten Liga stehen und sogar um den Aufstieg kämpfen, hätten wir den für verrückt erklärt. Außerdem zeichnen sich die Fans hier besonders bei Niederlagen aus. Wenn wir in den Siebzigern 0:4 verloren haben, war es am Bahnhof Köpenick noch viel lauter als sonst. Das ist bei Union einfach so.

Das Gespräch führte Julian Graeber.

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