Immer weiter. Johannes Vetter ist mit 94,44 Meter Weltjahresbester. Am Donnerstag tritt er mit seinen Kollegen in der Qualifikation an, das Finale findet am Samstag statt. Foto: Sven Hoppe/dpap

Speerwurf-Bundestrainer im Interview "Wir werden nicht alle Medaillen mitnehmen"

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Bundestrainer Boris Obergföll über Teamgeist, die Bestleistungen der deutschen Speerwerfer –  und die Erwartungen, dass seine Athleten bei der WM alle Medaillen gewinnen.

Herr Obergföll, viele Medaillen hat das deutsche Team bislang nicht geholt bei dieser Leichtathletik-WM. Jetzt sollen Ihre Speerwerfer Thomas Röhler, Johannes Vetter und Andreas Hofmann Gold, Silber und Bronze gewinnen.

Nur weil drei unserer Werfer in der Bestenliste ganz oben stehen, werden wir nicht die Plätze eins, zwei, und drei belegen.

Genau genommen stammen die zehn weitesten Würfe in dieser Saison allesamt von ihren Athleten.

Und trotzdem werden wir nicht alle Medaillen mitnehmen. Es gibt einen Kenianer, einen Griechen, einen Tschechen, einen Polen – die haben alle schon in dieser Saison um die 88 Meter geworfen. Da wird schon einer mitmischen. Nicht falsch verstehen, natürlich ist es auch mein Ziel, dass wir Medaillen holen. Nach den bisherigen Ergebnissen wäre ich auch bekloppt, etwas anderes zu wollen.

Woran liegt das?

Es klingt vielleicht banal, aber wir sind erfolgreicher als jemals zuvor, weil wir nun als Team arbeiten. Ich habe das kürzlich einem finnischen Reporter erzählt. Der wollte es nicht glauben, meinte immer, dass es ein spezielles Geheimnis geben müsse. Aber es gibt keines außer eben das, dass wir eine tolle Mannschaft haben.

Was genau heißt das? Es hat ja immer noch jeder Werfer seinen eigenen Trainer. Und überhaupt: Speerwerfen ist eine Individualsportart.

Das heißt, dass sich jetzt die einzelnen Trainer an einen Tisch setzen, dass die deutschen Sportler miteinander und nicht gegeneinander antreten. Als ich selbst noch aktiv war und auch als ich vor acht Jahren den Job als Bundestrainer begann, war das noch anders. Da war die Rivalität noch viel ausgeprägter.

Wie muss man sich das vorstellen: Erklärt dann ein Johannes Vetter dem Thomas Röhler – oder umgekehrt – wie er den Speer am besten halten muss?

Nein, man sieht an den Ergebnissen, dass unsere Werfer den Speer richtig in der Hand halten. Aber es gibt in regelmäßig stattfindenden Workshops einen großen Austausch unter den Trainern und Sportlern. Es werden biomechanische Analysen untereinander geteilt, und dann kann schon jeder das für ihn wichtigste Ergebnis herauspicken. Zu Zeiten, als ich noch aktiv war, war dies undenkbar.

Boris Obergföll, 43, war unter dem Namen Boris Henry erfolgreicher Speerwerfer. 2004 musste er seine Karriere wegen einer Verletzung beenden. Danach trainierte er unter anderem seine Frau Christina. Foto: Michael Kappeler/dpap

Wie kommt's, dass das jetzt funktioniert?

Zum einen habe ich das schlichtweg eingefordert. Zum anderen verstehen sich die Jungs einfach gut. Das kann man nicht planen, da ist dann auch Glück dabei. Thomas Röhler, Johannes Vetter und Andreas Hofmann wertschätzen sich, sie gönnen sich den Erfolg, obwohl natürlich jeder selbst oben stehen will. Und das ist nicht gespielt. Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie sie sich gegenseitig pushen.

Aber mit Workshops allein stellt man nicht die drei zurzeit weltweit besten Werfer, oder?

Nein, die Grundlagen wie Kraft, Technik oder Sprint-Sprung-Fähigkeit in der Vorbereitung müssen natürlich optimal aufeinander abgestimmt sein. Dafür bietet Deutschland sehr gute Voraussetzungen, nicht nur im Speerwerfen, sondern auch in allen anderen Wurfdisziplinen. Einen sehr großen Anteil nimmt die biomechanischen Analyse beim Institut für angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig ein, welche maßgeblich am Erfolg der Werfer in Deutschland beteiligt ist. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es nur in Finnland.

Was ist beim Speerwurf wichtiger, die Technik oder die Kraft?

Eine Kombination aus beidem, aber mit der Technik kannst du schon sehr viel machen. Matthias de Zordo war das beste Beispiel. Der hatte im Vergleich zu den anderen Werfern katastrophale körperliche Voraussetzungen, aber eben auch die beste Technik – und wurde 2011 Weltmeister. Das Entscheidende ist letztlich die erzeugte Anfangs- beziehungsweise Abfluggeschwindigkeit des Speers. Eine um ein Meter je Sekunde erhöhte Geschwindigkeit beim Abwurf bringt beim richtigen Winkel knapp über vier Meter mehr Wurfweite.

Worin unterscheiden sich die drei deutschen WM-Teilnehmer voneinander?

Johannes Vetter ist mit Abstand der Stärkste und Geschmeidigste. Andreas Hofmann ist der Schnellkräftigste, seine Explosivwerte sind gigantisch. Und Thomas Röhler hat über Jahre hinweg eine sehr gute Technik akribisch weiterentwickelt und auf hohem Niveau stabilisiert.

Wie sieht für Sie der perfekte Wurf aus?

1996, Jan Zelezny in Jena, die 98,48 Meter. Das war ganz dicht dran am perfekten Wurf.

Können Ihre Athleten das auch schaffen?

Wir sollten den Ball flach halten und nicht über mögliche Rekorde reden, sondern weiter so gut und so hart arbeiten wie zuletzt. Alle zusammen.

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