Ihre Liebe war der Korb. Als Rollstuhlbasketballerin gewann Annika Zeyen (links) 2012 in London bei den Paralympics die Goldmedaille im Finale gegen Australien. Foto: Thilo Rückeisp

Paralympics: Leichtathletik-WM Annika Zeyen: Umgestiegen auf die große Bahn

David Hock
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Rollstuhlbasketballerin Annika Zeyen startet bei den paralympischen Meisterschaften in London als Rennrollstuhlfahrerin.

Es war der 18. September im vergangen Jahr, im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. 80.000 Menschen schauen auf Annika Zeyen. Die 32 Jahre alte Bonnerin rollt auf die Mitte des Feldes zu. In dem weltbekannten Stadion läuft die Abschlussfeier der 15. Paralympischen Sommerspiele. Die Fahnenträger ziehen ein, Annika Zeyen ist für Deutschland an dritter Stelle dabei. Ihre Augen leuchten. „Das war ein krasses Gefühl“, sagt sie danach.

Der deutsche Verband würdigte mit der Nominierung Zeyens ihre erfolgreiche Karriere: Für die deutsche Nationalmannschaft hat die Rollstuhlbasketballerin 382 Einsätze absolviert und in zwölf Endspielen gestanden. Beides ist Rekord. Ihr größter Sieg ist der Goldmedaillen-Gewinn bei den Paralympics 2012 in London. In Rio wurde es zum Abschluss Silber. „Jetzt ist Schluss mit Rollstuhlbasketball“, hat Zeyen danach gesagt.

Sie hat Wort gehalten und ist umgestiegen, in den Rennrollstuhl: Im Juni erreichte sie im Schweizer Nottwil über 800 Meter Platz drei beim World Para Athletics Grand Prix. Es war Zeyens erste internationale Podestplatzierung in der Leichtathletik – und deutsche Bestzeit in 1:52,63 Minuten. Auch die 1500 Meter (3:28,65 Minuten) und Fünf-Kilometer-Distanz (12:12,05 Minuten) ist nie zuvor eine deutsche Frau schneller gefahren als Zeyen. Dennoch: Die Normzeiten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), die für die Nominierung zur WM in London erforderlich sind, erfüllt Zeyen nur auf den 200 Metern.

In London ist sie unter den vier deutschen Rennrollstuhlfahrern die einzige Frau

Da diese Strecke bei den Paralympics 2020 in Tokio nicht mehr zum Programm gehört, war zunächst nicht klar, ob die 32-Jährige mit nach London fahren darf. Am 8. Juni, drei Tage nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz, erfährt sie per Mail, dass sie darf: Die Liste der 23 nominierten Leichtathleten enthält auch ihren Namen. Unter den vier Rennrollstuhlfahrern ist sie die einzige Frau.

Dass sie zwar mit dem Basketball, aber mit dem Sport nicht aufhören wollte, war Zeyen immer klar. „Ohne Bewegung geht bei mir so gar nichts. Allein aus gesundheitlichen Gründen würde es mir dann nicht so gut gehen“, sagt sie. Seit einem Reitunfall im Alter von 14 Jahren ist sie querschnittgelähmt. Behindertensport kennt sie nicht nur als Athletin; in 24 Arbeitsstunden pro Woche setzt sich die studierte Werbe- und Grafikdesignerin in der Marketingabteilung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) dafür ein, dass große Turniere größere Aufmerksamkeit erhalten. Für die Paralympics-Vorbereitung hatte Zeyen ihre Urlaubstage für 2016 allesamt einsetzen müssen. So setzte sich das Wechselspiel aus Arbeit und Sport nach der Rückkehr aus Brasilien nahtlos fort. Nur auf Basketball war sie fortan nicht mehr fixiert: Zeyen fuhr Wasserski, und mit dem Handbike nahm sie am Bonner Halbmarathon teil. Sie gewann.

„Die Technik hat mir noch komplett gefehlt – doch der Ehrgeiz war geweckt“, sagte sie.

Im Oktober 2016 entdeckte Zeyen ihren neuen Leistungssport: Im Rennrollstuhl fuhr Annika Zeyen über der Tartanbahn des Bonner Sportparks. Das Gefährt hatte sie sich von einem Arbeitskollegen beim IPC ausgeliehen. Es besteht aus leichten Materialien, die hinteren beiden Antriebsräder sind größer als bei handelsüblichen Rollstühlen, um zusätzliche Stabilität zu verleihen. Die inneren Greifringe haben einen geringeren Durchmesser und ermöglichen so einen schnelleren Antritt mit den Händen. Das kleinere Vorderrad dient der Steuerung, für gerade Kurzstrecken auf einer Bahn kann es auch festgestellt werden. Wie Zeyen mit alldem gut umgehen sollte, war der erfahrenen Rollstuhlbasketballerin nach ihrer ersten Einheit noch nicht klar. „Die Technik hat mir noch komplett gefehlt – doch der Ehrgeiz war geweckt“, sagte sie. Und muskulöse, an explosive Antritte gewöhnte Oberarme hatte sie.

Ihr großes Potenzial, dass Zeyen nun zu den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London führt, haben Experten damals sofort bemerkt. „Ihre Ausdauerwerte sind extrem hoch, hinzu kommen sehr gute Kraftwerte“, sagt Alois Gmeiner. Der Athletik- und Rennrollstuhltrainer aus Leverkusen betreut auch die Bundesliga-Mannschaft der Fußballerinnen von Bayer Leverkusen. Die Spielerinnen dort hätten „bei Weitem nicht so gute Werte wie Annika“, betont er. Zum Rennrollstuhltrainer wurde Gmeiner 2012, nachdem er Paralympics-Teilnehmer Alhassane Baldé im Bonner Sportpark beim Training beobachtete und mit ihm ins Gespräch kam.

Am Dienstag flogen Baldé und Zeyen vom Flughafen Düsseldorf in Richtung Leichtathletik-Weltmeisterschaften ab. Die Wettkampfbühne des Londoner Olympiastadions wird für beide neu sein: Alhassane Baldé nahm an den Paralympics in Athen (2004), Peking (2008) und Rio (2016), nicht aber in London (2012) teil. Und die Londoner Paralympics-Siegerin Annika Zeyen erlebte die zentrale Wettkampfstätte zwar bei der Eröffnungsfeier und der Abschlusszeremonie, nicht aber während der Leichtathletik-Wettkämpfe. „Die Leichtathleten schwärmen bis heute von einer super Atmosphäre“, sagt Zeyen. „Und für die WM sind ja auch schon viele Tickets verkauft.“

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