Wo sind die richtigen Ringe? Thomas Bach. Foto: AFP/Coffrini/Montage Tspp

Olympia in Rio Wie Thomas Bach das Image des IOC ramponiert

Nick Butler
39 Kommentare

Thomas Bach ist der mächtigste Sportfunktionär der Welt, doch im Fall Russland wirkt er ohnmächtig. Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele zerstört der Deutsche das Vertrauen in das IOC. Ein Essay.

Thomas Bach hat etwas geschafft, das ihm wohl nicht einmal seine größten Kritiker zugetraut hätten. Dem ersten deutschen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist es gelungen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wichtigste Sport-Organisation der Welt komplett zu zerstören. Die Entscheidung des IOC, nicht alle russischen Athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro auszuschließen, nachdem Staatsdoping bewiesen worden ist, wird das Ansehen des IOC nachhaltig ruinieren.

Schließlich hatten Bach und seine Mitstreiter nach den Untersuchungsergebnissen der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) deutliche Sanktionen angekündigt. Doch statt eines harten Schlages gegen die russischen Machenschaften wurde es dann eher ein Tätscheln am Oberarm. Seitdem ist Bach vollkommen zurecht einer ständig wachsenden Kritik ausgesetzt.

Die Reaktion des IOC gegenüber Russland erinnert in gewisser Weise an die Festina-Affäre im Radsport bei der Tour de France 1998. Damals entdeckte die Polizei ein mit Doping-Mitteln vollgestopftes Auto des Rennstalls. Der Skandal führte dazu, dass Radfahrer des Festina-Teams zugaben, Epo eingenommen zu haben – allerdings ergaben sich daraus keine Doping-Ermittlungen gegen den Rest des Pelotons. Zudem wurde die Tour 1999 als sauberer Neustart ausgerufen, doch gewann sie ein gewisser Lance Armstrong.

So erlebt nun auch das IOC seinen Festina-Moment - mit dem Radsport ging es danach bergab

Echter Wille zu einem klaren Schnitt ist beim IOC im Fall Russland ebenfalls nicht zu erkennen. So erlebt nun auch das IOC seinen Festina-Moment. Mit dem Radsport ging es danach bergab. Warum sollte es der olympischen Bewegung anders ergehen, nachdem das IOC solch eine schwache und gewundene Antwort auf das Staatsdoping in Russland gegeben hat. Zumal Richard McLaren, der den Wada-Bericht verantwortet, betont hat: Die Ergebnisse seien nur die Spitze des Eisbergs und es werde noch viel mehr herauskommen.

Der mögliche Kollaps des IOC wird immer mit Thomas Bach verbunden sein. Sein Status hat sich sehr verändert, seit er vor fast drei Jahren in Buenos Aires zum IOC-Präsidenten gewählt worden war – und sofort einen Glückwunsch-Anruf von Wladimir Putin erhielt. Zunächst war Bach ein Hoffnungsträger. Denn die letzten Amtsjahre seines belgischen Vorgängers Jacques Rogge waren geprägt von Stagnation. Der ehemalige Fechter Bach machte sich einen Namen als umgänglicher Sport-Diplomat. Dem Juristen trauten viele in der Sportwelt zu, die Olympischen Spiele neu zu beleben.

Und Bach konnte schnell Erfolge vorweisen. Er schloss Fernsehverträge ab, die dem IOC beeindruckende Einnahmen zusichern. Seine Reformagenda 2020 wurde innerhalb eines Jahres ohne Widerstände verabschiedet. Außerdem beeindruckte er die Sportwelt sowie die internationalen Medien mit seinen lockeren und zugleich gehaltvollen Auftritten.

Doch Bachs Flitterwochen mit dem IOC und die rosige Stimmung endeten bereits nach eineinhalb Jahren im Amt. Sein erster großer Rückschlag war das Rennen um die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022. Vier europäische Städte zogen sich zurück und es blieben nur zwei autokratische Kandidaten: Almaty aus Kasachstan und Peking aus China. Zudem häuften sich die schlechten Nachrichten aus Rio um Korruption, Probleme beim Bau der Sportstätten, eine mit den Spielen mehrheitlich unzufriedene Bevölkerung. Bach konnte all diese Schwierigkeiten nicht aus der Welt schaffen.

Im Jahr 2015 überstand Bach dann die erste offene Attacke – noch problemlos. Marius Vizer, damals Präsident der Vereinigung internationaler Sportverbände, warf Bach unter anderem Geldverschwendung vor. Kurz darauf trat der Rumäne zurück. Hinter den Kulissen muss großer Druck auf Vizer ausgeübt worden sein.

Ein Vorwurf fiel immer wieder: Bach würde den diplomatischen Status des IOC überbetonen

Überdies traute sich niemand im IOC, in Vizers öffentliche Kritik einzustimmen. Sprach man jedoch in Bars und Hotel-Lobbies mit den Funktionären, war deutlich zu spüren, dass sich das Unbehagen gegenüber Bach unter ihnen ausbreitete. Ein Vorwurf fiel hinter vorgehaltener Hand immer wieder: Bach würde den diplomatischen Status des IOC überbetonen. Lieber suche er den engen Kontakt zu politischen Größen und vernachlässige dabei den Fokus auf die primären sportlichen Aufgaben des IOC.

Zur selben Zeit wurde ein rücksichtsloserer Führungsstil Bachs innerhalb des IOC offensichtlich. Er bemühte sich bei öffentlichen Auftritten zwar noch immer um lockere Sprüche, allerdings wurden seine Pressekonferenzen immer konfuser. Sie waren geprägt von langen verschachtelten Erklärungen. Die wahren Hintergründe wurden stets hinter weichgespülter Rhetorik versteckt.

Dann folgte der nächste schwere Schlag für Bach und das IOC. Der russische Whistleblower Grigori Rodschenkow machte sein Wissen über die Manipulationen im Dopinglabor während der Winterspiele 2014 in Sotschi öffentlich. Bachs bisherige Taktik, null Toleranz zu Doping zu predigen, die meisten Fälle jedoch einfach an das Ethik-Komitee zu verweisen, konnte bei diesem Ausmaß eigentlich nicht mehr funktionieren. Aber das IOC wand sich weiter.

Der Druck auf Bach stieg mit den anschließenden Wada-Ermittlungen stetig. Und während der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) sowie die Wada eine harte Haltung gegenüber Russland einnahmen, wiederholte das IOC standhaft, Diplomatie sei das Wichtigste. So versicherte das IOC Russland bei vertraulichen Treffen sowie mit öffentlichen Mitteilungen, dass die russischen Athleten sicher bei Rio antreten könnten. Dieser Weg ist ganz klar Bachs Weg. Er setzte sich für diese Taktik ein und wurde dabei auch von der Mehrheit des Exekutivkomitees unterstützt. Viele wollten an den guten Beziehungen zu Russland festhalten. In diesem Kontext muss man sogar festhalten: Dass die russischen Athleten nicht komplett ausgeschlossen wurden, ist nicht überraschend.

Bachs Entscheidung war alles andere als einfach. Dabei gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, Bach musste auch die Schattierungen in seinen Beschluss einbeziehen. Zumal der Wada-Report auch hektisch fertiggestellt worden war. Sein Ermittler-Team musste unbedingt vor den Olympischen Spielen in Rio fertig werden. Wie viele Sportler aus dem russischen Olympia-Team also wirklich verwickelt sind, lässt sich so kaum mit Gewissheit sagen.

Allerdings waren die Anschuldigen allein schon schockierend. Dass die Russen bei ihren Heim-Spielen in Sotschi betrogen, indem sie nachts falsche Dopingproben durch ein Mauseloch in der Wand des Kontrolllabors schoben, ist erschütternd – sogar für erfahrene Journalisten, die seit Langem über Doping berichten. Natürlich widersprachen die Russen diesen Vorwürfen, doch sie haben in der Vergangenheit schon zu viele Volten vollzogen. Und so fällt es schwer, ihren Beteuerungen zu glauben. Weitere Beweise sind selbstverständlich unerlässlich, aber sie werden die Russen wohl eher stärker in die Bredouille bringen, als dass sie sie entlasten.

So liegt das IOC also nicht nur mit seinem Entschluss zu Russland daneben. Auch bei Julia Stepanowa verpassten die Funktionäre eine große Chance. Der Whistleblowerin, die den Dopingskandal in der russischen Leichtathletik überhaupt erst aufdeckte, eine Starterlaubnis in Rio zu verweigern, ist ein weiterer Fehltritt. Ihr die Teilnahme zu erlauben, wäre ein einfacher Schritt gewesen, um Kritikern entgegenzukommen und Whistleblower zu belohnen.

Jeder, der glaubt, das IOC verfolge ernsthaft einen Null-Toleranz-Ansatz gegenüber Doping, ist absolut naiv

Doch weil die Russen sie als Verräterin betrachten, wurde ein verschwurbelter Weg gefunden, sie nicht in Rio starten zu lassen. Dabei bezieht man sich vor allem darauf, dass die 800-Meter-Läuferin nur für ein Nationales Olympisches Komitee antreten dürfe. Doch das ist absoluter Quatsch! Schließlich geht auch ein Flüchtlingsteam an den Start. All dies verdeutlicht: Dunkle Machenschaften haben beim IOC erneut triumphiert.

Jeder, der glaubt, das IOC verfolge ernsthaft einen Null-Toleranz-Ansatz gegenüber Doping, ist absolut naiv. So lohnt sich ein kurzer Blick auf die Inkonsequenz, mit der das IOC zu Werke geht. So lobte das IOC über alle Maßen das Programm der unabhängigen Beobachter während der Winterspiele in Sotschi, obwohl man wusste, dass Unregelmäßigkeiten diese Olympischen Spiele vor zwei Jahren überschatteten. Oder die Gerüchte, IOC-Funktionäre setzten Doping-Ermittler unter Druck, den Fall Russland erst nach Rio zu untersuchen.

Ohne Zweifel hat das IOC auch schon früher Dopingprobleme einfach ignoriert. Vertuschen und Herunterspielen gehörte schon vor Thomas Bach lange zum Alltagsgeschäft innerhalb des IOC. Und aus Sicht der Funktionäre ist das sogar verständlich, solange sie damit davonkamen. Denn die Olympischen Spiele hätten nicht solch einen grandiosen kommerziellen Erfolg erzielt, wenn die Dopingproblematik früher schon so sehr im Fokus gestanden hätte. Es kursiert noch immer das Gerücht, der kanadische 100-Meter-Sprinter Ben Johnson wäre 1988 in Seoul nicht des Dopings überführt worden, wenn sich ein Funktionär nicht gegenüber einem hartnäckigen Journalisten verplappert hätte.

Aber nun, da das Scheinwerferlicht so stark wie nie auch auf das Doping im Hintergrund gerichtet ist, stehen das IOC und Thomas Bach vor ihrer schwersten Prüfung. Und für die Olympischen Spiele wird es immer schwieriger, ihren edlen Werten – Ehrlichkeit und Integrität – zu entsprechen, auf die sich die Sponsoren und Fernsehsender doch so gern beziehen. Und weil nicht damit zu rechnen ist, dass die Probleme während der Spiele in Rio kleiner werden, wird auch das Image des IOC und der Spiele weiter Schaden nehmen.

Radikale Veränderungen sind möglich, die das IOC und die Sportwelt erschüttern können. Noch scheint Bachs Position an der Spitze unangefochten. Rivalen muss er derzeit keine fürchten. Denn auch Scheich Ahmad al Sabah, der exzellent vernetzte Sportfunktionär aus Kuwait, kann sich derzeit nicht auf das Strippenziehen im IOC konzentrieren, weil er sich in seiner Heimat mit Interessenskonflikten in der Königsfamilie auseinandersetzen muss. Andere potenzielle Konkurrenten für Bach im IOC tuscheln nur hinter vorgehaltener Hand über ihn und überbieten sich öffentlich mit unterstützenden Worten für den Deutschen. Dennoch muss Bach auf der Hut sein. Der 62-Jährige wird immer deutlicher als derjenige IOC-Chef gesehen, der die große Gelegenheit verpasste, ein klares Signal gegen Doping zu setzen. Zumal die öffentliche Kritik seine Machtposition schwächen dürfte. Einflussreiche Funktionäre wie der IAAF-Präsident Sebastian Coe und der Wada-Chef Craig Reede sollen rasend sein angesichts von Bachs Vorgehen.

Bach selbst muss nun zeigen, dass der Sport für ihn wichtiger ist als die Politik – und er muss endlich konsequent gegen Doping vorgehen, erst Recht gegen Staatsdoping. Auf weitere Glückwunsch-Anrufe von Putin sollte er tunlichst nicht mehr spekulieren.

- Nick Butler berichtet seit vielen Jahren über das IOC. Der Brite arbeitet für das Internetportal insidethegames.biz.

Übersetzt von Johannes Nedo.

Foto: promop
Zur Startseite