Drechsler Foto: dpa
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Magische Momente Heike Drechsler: Sprung in ein neues Land

Frank Bachner
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Heike Drechsler besiegte in Sydney Marion Jones – und ihre eigene Vergangenheit als DDR-Sportlerin.

Morgen beginnen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin. Bis dahin haben wir uns in unserer Serie den besonderen Momenten der Leichtathletik gewidmet. Heute der letzte Teil: Heike Drechslers zweiter Olympiasieg 2000 in Sydney.





Alles war ideal abgestimmt, jede Bewegung synchron, diese Vorstellung, einfach perfekt. Die Cheerleader, die ihre USA-Fähnchen schwenkten, sie stellten die ideale Fassade dar. Das Problem lag hinter dieser Fassade. Die gestylten Teenager tanzten auf der Tribüne des Olympiastadions in Sydney, sie tanzten, während Marion Jones aus North Carolina, USA, anlief und sich am Weitsprungbalken abdrückte. Sie tanzten, während Jones durch die Luft schwebte, um ihre Mission zu veredeln. Sie wollte fünf Goldmedaillen gewinnen bei diesen Olympischen Spielen 2000. Eine davon im Weitsprung. Aber Marion Jones hatte übertreten, in ihrem letzten Versuch, die Mission war gescheitert. Die Fähnchen sanken asynchron Richtung Boden.

Und die Frau, die diesen Versuch verfolgte, den Kopf zwischen die angezogenen Beine gezwängt, diese Frau hatte gewonnen. Heike Drechsler gewann Gold im Weitsprung. Mit 6,99 Metern. Mit 35 Jahren. Eine Sensation.

Drechsler hatte bis dahin 408 Sprünge über sieben Meter geschafft, sie wurde 1983 und 1993 Weltmeisterin und 1992 Olympiasiegerin, sie wurde vier Mal Europameisterin, sie war schon vor Sydney sportlich eine Legende. In Sydney ging’s um mehr als um Sport. Dort erfüllte Drechsler ihre politische Mission.

Diese Mission begann mit kräftigen Armbewegungen. Heike Drechsler musste die Zuschauer erst einmal zum Beifall animieren. Es gab Fans, die den Weitsprung verfolgten, aber vor allem wegen Marion Jones. Die hatte schon die 100 Meter und 200 Meter gewonnen, die hatte den Weitsprung bisher beherrscht, die war vom US-Fernsehsender NBC zum medialen Superstar aufgebaut worden. Aber jetzt lag sie nach dem dritten Versuch mit 6,92 Meter noch hinter dieser Deutschen. Die war, auch im dritten Versuch, bei 6,99 Meter gelandet. „Wenn ich das Brett treffe, muss ich nur noch einen großen Sprung machen“, sagte Marion Jones vor dem Finale. Sie traf das Brett aber nicht – vierter, fünfter, sechster Versuch, alle ungültig. Am Ende blieb Platz drei hinter der Italienerin Fiona May. „Jedes Mal, wenn Fiona oder Marion gesprungen sind, habe ich weggeschaut und mir vor Aufregung in den Hintern gekniffen“, sagte Drechsler. Außer bei Jones’ letztem Versuch.

Nach dem letzten Versuch der US-Amerikanerin tanzte Drechsler ungelenk über den Rasen, sie sah mit ihren langen Beinen aus wie eine Puppe, an deren Fäden ein Puppenspieler unkoordiniert zog. „Wahnsinn, dass ich noch mal dahin zurückkomme – es waren ja schwere Jahre dazwischen.“

Sie meinte die Verletzungen. Die körperlichen auch, klar, aber vor allem die seelischen. Sie spielten eine bedeutsame Rolle für die politisch-moralische Mission der Heike Drechsler. Die hochgewachsene Frau aus Gera trat auch immer gegen ihre eigene Vergangenheit an.

1983, da war sie zum ersten Mal Weltmeisterin. Sie war 18, erst 18, aber sie sprang schon 7,27 Meter. 1983, da war sie ein Opfer des DDR-Dopings, ein Opfer des politischen Systems, ihrer Naivität. 1983, da hinterfragte sie nichts. Sie war eine Diplomatin in Uniform und erfüllte diese Rolle. Sie wollte einfach, das sagte sie später, ihre Ruhe haben. 1986 gewann sie die Europameisterschaft, sie hatte ihre Privilegien, sie hatte ihre Ruhe.

Bis zum Mauerfall. Da sprang Heike Drechsler unverändert weit, so weit, als hätte es in der DDR nie das Standard-Dopingmittel Oral-Turinabol gegeben. Eine Flut von Doping-Dokumenten kam über den Sport, und Heike Drechsler wurde darunter mitbegraben. Was sind ihre Doping-Weiten zu DDR-Zeiten wert, weshalb springt sie denn jetzt immer noch so weit, obwohl sie doch angeblich keine verbotenen Mittel mehr nimmt? 1992 erzielte Drechsler die größte Weite ihrer Karriere: 7,48 Meter.

Die Fragen überforderten die sensible Frau, die sich nur über ihren Sport definierte. Sie verlor vor Gericht einen Prozess, bei dem es um Doping ging, sie musste mit bleichem Gesicht berichten, dass ein einstmals enger Freund als Stasi-Spitzel auf sie angesetzt war und sie ihm naiv viel ausgeplaudert habe.

Heike Drechsler kämpfte immer gegen das Bild einer Frau, die nur mit verbotenen Mitteln so weit gekommen war und sich vom DDR-System hatte instrumentalisieren lassen. Sie kämpfte um das Bild einer Athletin, die kraft ihres überragenden Könnens auch ohne Doping Weltklasseweiten erzielen kann und im gesamtdeutschen System angekommen ist.

Der WM-Titel von 1993 war ein Riesenschritt auf diesem Weg, aber sie war noch im besten Weitsprung-Alter. Dieses Besondere, dieses Sensationelle, es fehlte. Bis Sydney.

Die Masse der Fans feierte sie deswegen. Aber es gab auch Beobachter, die bohrend fragten: Mit 35 Jahren 6,99 Meter? Ohne Doping? Wie soll das gehen? Es waren Stimmen, die Heike Drechsler überhörte. Für sie zählten ihre Empfindungen. Vor den Olympischen Spielen hatte sie gesagt: „Ich will in Sydney die Atmosphäre aufsaugen.“ Es ist gelungen.

In der Serie erschienen: Jesse Owens 1936 in Berlin, Armin Harys Sprintrekord 1960, Ulrike Meyfarths Olympiasieg 1972, das Weitsprung-Duell Powell – Lewis 1991.

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