Der gebürtige Potsdamer Rico Freimuth machte einen starken Wettkampf in London. Foto: REUTERSp

Leichtathletik-WM Zehnkämpfer Freimuth und Kazmirek holen Medaillen für Deutschland

0 Kommentare

Großer Erfolg für Deutschlands Zehnkämpfer in London: Rico Freimuth holt Silber vor seinem Mannschaftskollegen Kai Kazmirek.

Am Ende des 1500-Meter-Laufes konnte er kaum mehr die Arme hochhalten vor Erschöpfung. Aber die Freude war größer als die Müdigkeit. Der Zehnkämpfer Rico Freimuth hat bei der Leichtathletik-WM in London die Silbermedaille gewonnen. Und es war auch deshalb ein schöner Erfolg, weil sein Landsmann Kai Kazmirek sich am Samstag noch die Bronzemedaille schnappte. Gold gewann der überragende Franzose Kevin Mayer.
Über Freimuth kann man sagen, was man will, aber langweilig ist der 29-Jährige nicht. Ein paar Beispiele.

Ob er denn als Jahresbester im Zehnkampf eine Medaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London anstrebe, war er wenige Tage vor den Wettkämpfen gefragt worden. „Nö, will ich nicht“, sagte er. „Ich habe zu gut trainiert, um mich so einem dummen Druck auszusetzen.“ Wenig später sagte er dann aber zum innerdeutschen Duell mit Kai Kazmirek: „Bester Deutscher zu sein, ist mir scheißegal, ich will der Beste der Welt sein.“ Auch in London gab er schon einige bemerkenswerte Dinge von sich. Die deutsche Nationalhymne könne er nicht auswendig, sagte er stolz und vor den Wettkämpfen habe er richtig asoziale Gedanken, er sei dann ein Narziss.

Rico Freimuth also ist ein Mann, der gerne reichweitentaugliche Sätze sagt. Es gibt Menschen, die sagen, dieser Freimuth habe eine viel zu große Klappe. Das mag sein, auf der anderen Seite: Ein Großmaul zeichnet sich häufig dadurch aus, dass den Worten keine Taten folgen.

Die Silbermedaille war für Freimuth der größte Erfolg in seiner Karriere. Überraschend kam er aber nicht. Freimuth hatte sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. Seine Stärken waren von jeher die Sprintdisziplinen, inzwischen aber hat er auch bei den Sprungdisziplinen kaum mehr Ausreißer nach unten. Aus Freimuth ist ein richtig guter Allrounder geworden und sein größtes Plus dürfte seine Nervenstärke sein. Die besten Leistungen ruft er meist dann ab, wenn es wichtig wird. In London erreichte er 8564 Punkte und blieb nur knapp hinter seiner Bestleistung von 8663 Punkten, die er in diesem Juni in Ratingen schaffte.

Viele Saisonbestleistungen für Freimuth und Kazmirek in London

In London lief er über 100, 400, 1500 Meter sowie über 110 Meter Hürden seine persönliche Saisonbestleistung, Selbiges galt auch für das Speerwerfen. Auch sein deutscher Rivale Kazmirek war auf den Punkt fit und kämpfte zusammen mit Freimuth um eine Medaille. Kazmirek trumpfte im Hochsprung mit 2,11 Metern auf, über 400 Meter war er in 47,19 Sekunden Bester des Feldes.

Die beiden deutschen Zehnkämpfer scheint die innerdeutsche Konkurrenz anzuspornen, wie Freimuth in den Tagen vor der WM in London erzählte: „Seit Jahren habe ich dieses Duell mit Kai. Das ist für beide sehr gut, wenn in dem eigenen Lager jemand ist, der dich immer mehr fordert, der immer ein paar Prozentpunkte mehr aus dir herausholt.“

Der gebürtige Potsdamer Freimuth stammt aus einer sportlich außerordentlich veranlagten Familie. Sein Vater Uwe Freimuth war zu DDR-Zeiten genauso wie sein Onkel Jörg Freimuth eine Größe im Mehrkampf. Jörg Freimuth gewann 1980 in Moskau sogar die Olympia-Bronzemedaille. Und Rico Freimuths Mutter Anke wurde einst Junioren-Europameisterin im Siebenkampf. Und wie das häufig im Sport der Fall ist, hat so eine erfolgreiche Familie manchen guten Rat für den Sprössling. Rico Freimuth wurden vor allem die Tipps von seinem Vater zu viel, wie er im Vorbereitungslager in Kienbaum berichtete.

„Mein Vater war ein Typ der Superlative, er forderte immer mehr. Es ist einfach dämlich, wenn du 8300 Punkte gemacht hast, dann zu sagen, du musst jetzt 8700 machen.“ Irgendwann habe es ihm gereicht, dann habe es geknallt, dann habe er eine Medaille geholt und jetzt sei Ruhe, erzählte Freimuth. „Er hat es sicher nur aus Liebe zu seinem Sohn getan. Nun ist alles gut zwischen uns.“

Uwe Freimuth dürfte die Leistungen seines Sohnes in London mit viel Stolz verfolgt haben. Und er wird sich vielleicht auch gedacht haben, dass das bisschen Antreiben seinem Rico offenbar nicht geschadet hat – auch wenn dieser davon genervt war.

Zur Startseite