Hansas Michael Spies trifft per Flugkopfball zum 1:0 gegen den großen FC Barcelona. Foto: imago/Rainer Schulzp

Kolumne: Meine Champions League Hansa Rostock und der Abschied Ost

Sven Goldmann
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1991 gastierte der wichtigste Klubwettbewerb der Welt zum letzten Mal auf dem Gebiet der DDR. Hansa Rostock empfing Barcelona mit Pep Guardiola.

Pep Guardiola war auch dabei. Mit 20 Jahren, vollem Haar und der Rückennummer drei auf einem orange leuchtenden Trikot, mit dem der FC Barcelona Anfang der Neunziger Jahre bei Auswärtsspielen auflief. Damals, am 2. Oktober 1991, als die große Fußball-Welt nach Rostock kam. Mit Michael Laudrup, Hristo Stoitschkow, Ronald Koeman und eben Pep Guardiola, als er sich noch im defensiven Mittelfeld verdingte und nicht auf der Trainerbank saß, denn der Platz dort war an den Klubheiligen Johan Cruyff vergeben. Barça spielte nicht zu einer Benefizveranstaltung auf, sondern bei der letzten Ausspielung des Europapokals der Landesmeister, der ein Jahr später als Champions League neu erfunden wurde.

Es sollte für die folgenden 26 Jahre das letzte Mal sein, dass der wichtigste Klubwettbewerb der Welt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gastierte. Am Mittwoch empfängt RB Leipzig in der Champions League die AS Monaco, aber anders als Hansa stehen die sächsischen Brausekicker in keinerlei Tradition zum Fußball der untergegangenen Arbeiter- und Bauernmacht. Als letzter Meister der DDR-Oberliga hatten sich die Rostocker im Frühjahr 1991 für die auf 20 Klubs aufgestockte Bundesliga qualifiziert und dazu noch einen Platz auf der größten aller Bühnen ergattert. Die Rostocker hatten die Saison noch in der DDR begonnen, aber nach deren Auflösung in der Bundesrepublik beendet. Sie starteten offiziell als Meister der Oberliga Nordost, die es heute übrigens immer noch gibt, allerdings nur noch dem Namen nach, in der zweigeteilten Fünftklassigkeit mit den Tabellenführern, die Lichtenberg 47 und Bischofswerdaer FV heißen.

Hansa war zu Beginn der ersten gesamtdeutschen Vereinigungssaison eine große Nummer. Mit der Empfehlung von drei Siegen in den ersten drei Spielen – 4:1 gegen den 1. FC Nürnberg, 2:1 beim FC Bayern, 5:1 gegen Borussia Dortmund – reiste der Neuling zum Hinspiel ins Camp Nou. Trainer Uwe Reinders kündigte frech einen 2:0-Sieg an, aber davon war Hansa weiter entfernt als heute von der Bundesliga. Pep Guardiola machte sein erstes Europapokalspiel und fiel dabei nicht so sehr auf, anders als Michael Laudrup, der zwei Tore schoss, das dritte besorgten die Rostocker durch ihren Verteidiger Jens Dowe selbst.

Nur 8500 Zuschauer kamen gegen Barcelona ins Ostseestadion

Dieses 0:3 dämpfte ein wenig die Vorfreude auf das Rückspiel, was Hansas Vorstand aber nicht davon abhielt, Eintrittspreise zwischen 40 und 100 D-Mark aufzurufen. Um die Kaufkraft in Mecklenburg-Vorpommern war es in der Nachwendezeit nicht besonders gut bestellt, und entsprechend bescheiden lief der Vorverkauf. Am Spieltag reduzierte Hansa die Preise um 50 Prozent, aber da war es schon zu spät. Ganze 8500 Zuschauer verloren sich im Ostseestadion, was die kickende Prominenz aus Katalonien doch ein wenig irritierte.

Hansa war in der Bundesliga mittlerweile auf Platz elf abgefallen. Uwe Reinders definierte seine Ziele diesmal ein wenig bescheidener und hoffte auf einen ehrenvollen Abschied. Der gelang, allerdings unter großzügiger Mitwirkung der Gäste. Barça hielt sich vornehm zurück und war vor allem darauf bedacht, die Heimreise ohne Verletzten anzutreten. Es dauerte eine schüchterne Halbzeit lang, bis Hansa merkte, dass da was ging. Michael Spies schaffte dann das Tor um 1:0-Sieg, mit einem spektakulären Flugkopfball, auf den er heute noch angesprochen wird. So wie Hansa auch in grauen Drittligazeiten gern mit dem spektakulärsten, am Ende aber nutzlosen Sieg der Klubgeschichte in Verbindung gebracht wird.

Barcelona schaltete in der zweiten Runde auch den Deutschen Meister (West) 1. FC Kaiserslautern aus und zog weiter bis ins Finale im Londoner Wembleystadion, wo Ronald Koeman in der Verlängerung das Tor zum 1:0 über Sampdoria Genua schoss. Und Hansa? Stieg am Saisonende aus der Bundesliga ab, trotz eines finalen 2:1-Sieges über die Frankfurter Eintracht, die damit den Gewinn der Deutschen Meisterschaft verspielte. Auf die internationale Bühne haben es die Rostocker nie wieder geschafft, aber zwischendurch immerhin zweimal zurück in die Bundesliga. Seit fünf Jahren kickt Hansa nur noch drittklassig, erfreut sich aber bemerkenswerter Beliebtheit. Zum letzten Heimspiel gegen Preußen Münster kamen 12.900 Zuschauer ins Ostseestadion, 50 Prozent mehr als 1991 gegen Barcelona.

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