Das olympische Kommittee will Russland nicht ausschließen. Foto: dpap

IOC scheut Komplettausschluss Russland: Unter Sportsfreunden

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Das Internationale Olympische Komitee verurteilt Russlands Sommer-Olympioniken nicht kollektiv. Trotz Doping-Skandalen wird es keinen kompletten Ausschluss der russischen Mannschaft geben. Dopingfahnder kritisieren die Entscheidung.

Die Last der vergangenen Tage und Wochen war Thomas Bach anzumerken. Der Deutsche sprach stockend, die sorgfältig vorher zurecht gelegten Statements holperten dem sonst so selbstsicheren Sportpolitiker aus dem Mund. Er sprach von einer „schweren Entscheidung“, und ja: Es war wohl die schwerste seiner Amtszeit als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die entscheidende Frage stellte sich Bach im Verlauf der Telefonkonferenz am Sonntag selbst: „Wie sehr kann man einen einzelnen Athleten für Verfehlungen und Manipulationen eines ganzen Systems sanktionieren?“ Bachs Antwort ist ein sportpolitischer Balanceakt.
Russlands Leichtathleten und Sportfunktionäre bleiben zwar von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen. Vor der erstmaligen Verbannung einer ganzen Nation scheuten Bach und das IOC aber zurück. Laut der eigenen Regularien hätte der Verband die Möglichkeit dazu gehabt, Russland die Teilnahme in Gänze zu verwehren. Olympia ist eine Einladungsveranstaltung, Einladungen können ohne Grund entzogen werden. Und es hätte sogar einen ziemlich guten Grund dafür gegeben: In Russland wurde mindestens von Ende 2011 bis August 2015 staatlich angeordnetes, systematisches Doping“ durchgeführt. Zu diesem Schluss war der Bericht der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) gekommen, den der kanadische Jurist Richard McLaren erstellt hatte. Das Sportministerium in Moskau habe die Manipulationen demnach „geleitet, kontrolliert und überwacht“. Mehr als 600 positive Dopingproben russischer Athleten sollen vernichtet worden sein.

Bach führte nun am Sonntag vor allem „die Verantwortung des IOC für jeden einzelnen Athleten“ als Gegenargument für einen Komplettausschluss des russischen Olympiateams an. Jeder Sportler müsse das Recht haben, seine Sauberkeit zu beweisen. Die offizielle IOC-Argumentation stützt sich außerdem auf die Erklärung McLarens, wonach das Russische Olympische Komitee (ROC) selbst „keine aktive Rolle“ im Dopingsystem eingenommen habe.

Um die „ernsthaften Zweifel an der Unschuldsvermutung“ (Bach) auszuräumen, sollen Athleten aus Russland (und übrigens auch Kenia) konkret nachweisen, dass sie Dopingtests durch anerkannte und bestätigte Institutionen außerhalb ihres Landes bestanden haben. Die Prüfung überlässt das IOC den Fachverbänden der jeweiligen Sportarten und dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas). „Das IOC wird seine Einzelentscheidungen dann auf der Basis der Cas-Vorschläge treffen“, sagte Bach.

Mit diesem Manöver kam das IOC-Exekutivkomitee Wladimir Putin entgegen, einem Unterstützer Bachs. Der russische Präsident hatte zuvor ungewohnt demütig Reformen und die Bildung einer neuen Anti-Doping-Kommission angekündigt. Und Sportkamerad Putin darf sich als erster Olympiasieger des Jahres 2016 fühlen, ihm blieb die Schande des Komplettausschlusses erspart. Sportminister Witali Mutko, vom Wada-Report zumindest als Mitwisser des Dopingsystems bezeichnet, dankte dem IOC für das Entgegenkommen. „Das ist eine rechtmäßige Lösung“, sagte auch der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow. Aber auch der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zeigte sich zufrieden. Es sei eine „in mehrfacher Hinsicht konsequente Entscheidung“, sagte Alfons Hörmann. „Wer also systematisch gegen die Regeln verstößt, erhält die Rote Karte. Im Sinne der Chancengleichheit und des Fair Play können nun aber diejenigen Sportler, die den Nachweis von Kontrollen außerhalb Russlands erbringen, noch eine Teilnahme erwirken.“

Das IOC ist bemüht, diese Kriterien als besonders hart darzustellen. Dabei entsprechen sie näher betrachtet dem Minimum dessen, was man erwarten kann. Einmal positiv getestete Athleten und solche, die in McLarens Report verdächtigt werden, sind chancenlos. Die Testdaten der verbliebenen Sportler sollen die internationalen Fachverbände noch einmal genau analysieren. Zusätzlich müssen sich die Bewerber noch einmal einem „rigorosen zusätzlichen“ Testprogramm unter Obhut der Wada unterziehen. Mutko zeigte sich angesichts dieser Forderungen sicher, dass die meisten seiner Athleten in Rio starten werden. Der größte Gegner der Russen ist die Zeit. Die Spiele beginnen am 5. August – es drohen einige ungeklärte Fälle bis zur Eröffnungsfeier in Rio. „Wichtig ist nun, dass die internationalen Fachverbände mit dem Cas dafür sorgen, dass professionell und schnell geprüft wird“, sagte DOSB-Chef Hörmann.

Während die Vertreter des Sports sich überraschend gut mit der Lösung zu arrangieren scheinen, sind im Lager der Dopingbekämpfer kritischere Töne zu hören. Die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) zeigte sich enttäuscht, sie habe sich „ein klares Signal für sauberen Sport“ gewünscht, hieß es in einer Erklärung. Stattdessen sei das Anti-Doping-System geschwächt worden. Die Sportausschuss- Vorsitzende Dagmar Freitag, der frühere Wada-Chef Dick Pound und Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, kritisierten Bach und das IOC ebenfalls scharf. „Das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der Welt-Anti-Doping-Agentur ausgesprochen, in Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt“, sagte Freitag. Der Doping-Experte Fritz Sörgel sprach bei „Sky Sport News HD“ von einem „widerlichen, abgekarteten Spiel“: „Das IOC hätte endlich ein Exempel statuieren können, aber das war doch nie ernsthaft vorgesehen.“

Die Kritik an der Entscheidung versuchte Thomas Bach mit der Ankündigung harter Maßnahmen zu entkräften. „Das ist nicht das Ende der Geschichte“, erklärte der IOC-Präsident. Weitere Sanktionen für beteiligte Menschen oder Organisationen des russischen Dopingsystems „könnten folgen“. Man wolle deshalb mehr Informationen von der Wada: „Wer war involviert im Moskauer Labor, im Sportministerium?“ Diese Aufklärung soll aber in einer nicht näher definierten Zukunft stattfinden. Zunächst einmal will Bach seine zweiten Olympischen Spiele als IOC-Präsident über die Bühne bringen. Und wenn dann auch die russische Hymne für eine Goldmedaille gespielt wird, so will er dies als Zeichen des Aufbruchs verstanden wissen. „Die sauberen russischen Athleten können als Vorbild für den Kampf gegen Doping in Russland dienen“, sagte er. (mit dpa)

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