Rauschendes Fest. Sir Philip Craven bei der Abschlussfeier der Paralympischen Spiele 2012 in London. Der ehemalige britische Rollstuhl-Basketballer ist seit 2001 Chef des IPC. Foto: Thilo Rückeisp

Internationales Paralympisches Komitee (IPC) 25 Jahre für die Paralympics

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Angefangen hat alles mit einem kleinen Non-Profit-Team. Heute macht das IPC in Bonn als Veranstalter der Paralympics Millionenumsätze - und treibt eine wichtige gesellschaftliche Debatte voran. Gefeiert wurde in Berlin vom 3.-5. Oktober. Auch Barack Obama und die Band Coldplay sendeten ein Grußwort

Es ist immer ein feierlicher Moment, und zugleich kommt er einigen Beobachtern etwas befremdlich vor: Wenn bei den Eröffnungsfeiern zu den Paralympischen Spielen die Flagge des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) im ausverkauften Stadion hochgezogen wird, die militärischen Vertreter teils im Rollstuhl vor der Flagge salutieren und dann die Menschen, „die dazu in der Lage sind“, vom Ansager gebeten werden, als Ehrerweisung aufzustehen. Das wirkt, als sei das IPC eine Nation, mit eigener Fahne. Aber irgendwie stimmt es auch, denn das IPC überblickt eine Welt für sich, und zwar eine, die immer mehr Menschen anzieht.

Am 22. September wird das Internationale Paralympische Komitee, Zusammenschluss internationaler Behindertensport-Verbände und nationaler Sportorganisationen, ein Vierteljahrhundert alt. Das Pendant zum IOC im Behindertenleistungssport organisiert die Olympischen Spiele der Menschen mit Behinderungen. Als internationaler Dachverband für neun Sportarten koordiniert und organisiert es zudem auch deren Weltmeisterschaften und andere Großevents.

Scholz & Friends erdachten das Logo

Die drei roten, grünen und blauen Wellen auf weißem Flaggengrund hat sich die deutsche Werbeagentur Scholz & Friends erdacht. Jedes Halbrund „Agito“ (Lateinisch für: ich bewege mich voran) soll Ansporn und Antrieb sein für Leistungssportler mit Behinderung. Und für alle in der Gesellschaft, diese gleichberechtigt anzuerkennen.

„Das IPC ist nicht nur eine sportpolitische Organisation, es führt auch eine gesellschaftspolitische Debatte“, sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), einer der derzeit 170 Nationalen Paralympischen Komitees im IPC. Beucher ist einer der größten Bewunderer – und einer der größten Kritiker des Weltverbandes des Behindertensports.

Der Sozialdemokrat schüttelte kürzlich im Stadion in Sotschi den Kopf, als der schon mehrere Wahlperioden wiedergewählte und generell hoch geschätzte IPC-Präsident Sir Philip Craven in Anwesenheit von Wladimir Putin seinen immergleichen Spruch herunterratterte von „den besten Spielen in der Geschichte“. Und das, obwohl die Winterspiele 2014 hochgesichert und -belastet vom Ukraine-Konflikt waren. Zum Fall Oscar Pistorius ließ das IPC gerade verlauten, dass es dazu nichts weiter verlauten lassen werde, außer, dass man zwischen dem Privatmann und dem Sportler unterscheiden müsse und man ihn daher auch wieder zurückkehren lassen würde.

Zahl der Mitarbeiter in nur vier Jahren verdoppelt

Dass die Stimme des IPC einmal solch ein Gewicht haben würde, ahnte niemand, als das Internationale Paralympische Komitee am 22. September 1989 in Düsseldorf gegründet wurde, als Non-Profit-Organisation, mit Räumlichkeiten in Brügge. 1999 begannen zehn Vollbeschäftigte am Sitz in Bonn, heute arbeiten 70 Mitarbeiter aus 17 Ländern am Rhein in nunmehr zwei Gebäuden. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in nur vier Jahren verdoppelt. „Es ist eine Ehre, dass diese Weltorganisation ihren Sitz in Deutschland hat“, sagt DBS-Präsident Beucher.

In den vergangenen Jahren, so loben Sportler, Trainer und Marketingfachleute, hat es das IPC mit dem früheren Rollstuhlbasketballer, Motivator, Sympathieträger und Vordenker Sir Philip Craven an der Spitze geschafft, die Paralympischen Spiele zu einer faszinierenden Marke auszubauen. Bei jedem Event gibt es mehr Teilnehmer, steigen die Zahlen bei den Zuschauern und die TV-Übertragungszeiten, bestätigt IPC-Sprecher Craig Spence. Das IPC, loben auch Vertreter der Sponsorenpartner, habe den Behindertensport weiter professionalisiert. Jetzt schauen alle nach Rio 2016.

Dabei sind die Klassifizierungen der einzelnen Behinderungen zur Vergleichbarkeit in den Sportarten sowie die Antidoping-Regularien eine Wissenschaft für sich. Das IPC ist auch Profi im Gebrauch moderner Medien, mit dem Internetsender „Paralympic Sports TV“, auf Facebook und Twitter. 2001 unterzeichneten IPC und IOC eine Vereinbarung zu „One bid, one city“: kein Olympia ohne Paralympia danach. 2003 wurde Craven zum IOC-Mitglied gewählt. Behindertenleistungssport soll längst nicht allein faszinieren und mitreißen, sondern auch Umsätze und Imagegewinn bringen bringen. Davon profitieren auch die internationalen IPC-Partner. Dank deren Gelder, aber auch mithilfe von Mitgliedsbeiträgen und Staatsgeldern sowie IOC-Zuwendungen kann das IPC seine Arbeit finanzieren. Lagen die IPC-Einkünfte 2006 noch bei fünf Millionen Euro, waren es 2012 doppelt so viel. Das Geld wird gebraucht, es muss weltweit in Infrastruktur und Ausbildung investiert werden.

Behindertensport in Lateinamerika und Afrika fördern

„Die vergangenen Sommerspiele in London waren ein unglaublicher Erfolg“, sagte Philip Craven dem Tagesspiegel. „Aber die wenigsten wissen, dass insgesamt nur zehn Länder fünfzig Prozent aller teilnehmenden Athleten stellten. 46 Länder waren nur in der Lage, einen einzigen Sportler zu entsenden.“ Wenn sich das IPC also etwas zum Geburtstag wünschen könnte, dann wäre das, dass gerade in benachteiligten Ländern in Afrika oder Lateinamerika mehr Sport zur Rehabilitation und Inklusion auf Leistungsniveau betrieben werden kann. Projekte dafür werden mit der „Agitos-Stiftung“ gefördert.

Außerdem wünscht sich das IPC zum Geburtstag, der mit einer Mitgliederversammlung und Zukunftstagung vom 3. bis 5. Oktober in Berlin gefeiert wurde, mehr öffentliche Aufmerksamkeit bei den Meisterschaften zwischen den Paralympics. Grußworte kamen von Ban Ki-moon, Barack Obama, Angela Merkel, David Cameron, Thomas Bach und auch der Band Coldplay - sie war bei den Spielen in London 2012 aufgetreten.

. Das treueste und als Ausrüstungsunterstützer auch wichtigste Gründungsmitglied der Bewegung, Hans Georg Näder vom Medizintechnikunternehmen Ottobock, wünscht den IPC-Offiziellen: „Dass jetzt, während der kurzen Zeit bis zu den dann sicher größten Sommerspielen aller Zeiten in Rio 2016, der Spirit der Spiele von Menschen mit Empathie, Emotionen und Mut getragen wird.“

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