Vedad Ibisevic erzielte sein bislang letztes Tor in der Bundesliga im April beim 1:0 gegen den VfL Wolfsburg. Foto: dpa
p

Hertha BSC Vedad Ibisevic und die Sehnsucht nach dem Tor

Sebastian Schlichting
5 Kommentare

Kapitän Vedad Ibisevic ist nach seiner Sperre beim Spiel am Sonntag in Freiburg wieder dabei. Doch er sucht noch nach seiner alten Form.

Es dauerte nur 13 Minuten. Vedad Ibisevic, in der zweiten Hälfte der Partie bei Sorja Luhansk (1:2) eingewechselt, sah Gelb. Als Salomon Kalou am Boden lag, war das Spiel nicht unterbrochen worden. Ibisevic hatte deswegen etwas zu angeregt das Gespräch mit dem Schiedsrichter gesucht und wurde von ihm wegen Meckerns verwarnt. Gelb gegen Bilbao, Gelb gegen Östersund, Gelb gegen Luhansk – der Kapitän von Hertha BSC wird das Rückspiel gegen die Ukrainer in der Europa League Anfang November verpassen.

Nach vier Niederlagen in den vergangenen fünf Partien besteht derzeit kein Anlass zur Hochstimmung beim Fußball- Bundesligisten, doch Ibisevics neue Sperre kommentierte Trainer Pal Dardai sehr locker. „Das ist Vedads Temperament“, sagte Dardai, „ihn ganz zu ändern ist schwierig.“ Wahrscheinlich, vermutete Dardai lächelnd, führe der Stürmer zu Saisonbeginn immer ein Gespräch mit seiner Frau darüber, dass eine gewisse Summe seines Einkommens für solche Aktionen wie jetzt beim Spiel in Lemberg Richtung Mannschaftskasse wandere.

Ibisevic und sein Temperament, immer mal wieder geht es mit ihm durch. Doch seitdem er vor der Saison 2016/17 das Kapitänsamt übernommen hatte, war der Bosnier ruhiger geworden. Er verzettelte sich seltener in Diskussionen mit dem Schiedsrichter. Schoss dafür viele Tore, insgesamt zwölf in der abgelaufenen Bundesligasaison.

Hadern mit vielen Dingen

Zuletzt war es eher andersherum: Ibisevic steht in der Liga bei null Toren, traf nur im DFB-Pokal bei Hansa Rostock. Dafür haderte er häufiger auf dem Rasen. Mal mit seinem eigenen Abschluss vor dem Tor, mal mit der Qualität der Zuspiele, mal mit den Schiedsrichtern.

Bei der 0:1-Niederlage in Mainz machte er das unschöne halbe Dutzend in Sachen Bundesliga-Platzverweise voll. Obwohl er gegenüber Schiedsrichter Tobias Stieler nur das Wort „schlecht“ verwendet habe, wie Ibisevic beteuerte. Stieler hatte dagegen ein Schimpfwort mit „sch“ am Anfang wahrgenommen. Folge: zwei Spiele Sperre, er verpasste die Ligaspiele gegen den FC Bayern und Schalke. Beim SC Freiburg darf der 33-Jährige an diesem Sonntag wieder auflaufen (15.30 Uhr/live bei Sky). Die Begegnung ist eminent wichtig: Schafft Hertha einen Befreiungsschlag oder muss sich der Klub noch eingehender mit den dunklen Regionen der Tabelle befassen?

Vor dem Spiel gegen Luhansk war Ibisevic angeschlagen, kam erst spät rein. Er hatte eine gute Chance zum 2:1. Das hätte es sein können, das Tor auf das er so lange wartet. Auf das sie auch bei Hertha sehnlichst warten. Im Augenblick sind es eben nicht die Tore, die Ibisevic wichtig machen. Und die früher mitunter selbst aus einer halben Chance fielen. Dardai hebt dessen Führungsqualitäten hervor. Einer wie Ibisevic sorge dafür, dass das Team funktioniere. „Das fängt in der Kabine an. Er geht voran, an ihm richtet sich die Mannschaft auf.“

Kleines Wagnis

Derzeit ist Ibisevic ein Torjäger auf der Suche nach dem befreienden Treffer. Und auch Kalou war schon erfolgreicher. Der Ivorer hat aber zumindest zuletzt gegen Bayer Leverkusen und die Bayern jeweils ein Tor erzielt. Beide sind inzwischen jenseits der 30, in einem für Bundesligafußballer fast schon biblischem Alter. Mit beiden verlängerte Hertha im vorigen November (Ibisevic) und im März (Kalou) langfristig die Verträge. Ein kleines Wagnis. Doch noch sind sie unverzichtbar, also Gegenwart. Wenn sie nicht treffen, wird es eng für Hertha. „Sie sind nicht mehr die Jüngsten. Da müssen wir sehen, wie sie uns helfen können“, sagt Dardai, der das Duo in der Ukraine gemeinsam einwechselte: „Die Chancen waren für beide da. Es hat leider nicht geklappt, da kann ich ihnen keine Vorwürfe machen.“ In Freiburg werden sie spielen.

Freuen konnte sich Dardai bei der ansonsten freudlosen Europa-Reise aber über einen, dem die Zukunft gehören soll: Davie Selke, der im Sommer für 8,5 Millionen Euro von RB Leipzig gekommen war. Der 22-Jährige fehlte zunächst verletzungsbedingt, ist aber jetzt schon für viele Hertha-Fans der große Hoffnungsträger. Gegen Luhansk erzeugte er zwischenzeitlich Hoffnung, erzielte das Tor zum 1:1. Es war im zweiten Einsatz für die Berliner sein erster Pflichtspieltreffer. Nicht zuletzt wegen Selke nimmt Dardai die Sperre von Ibisevic in der Europa League – in der ohnehin das Aus nah ist – recht entspannt. Viel wichtiger wäre erst einmal ein Erfolg in Freiburg. Und mal wieder ein Tor von Ibisevic. „Er braucht dieses Tor. So wie jeder Stürmer“, sagt Dardai.

Zur Startseite » Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!