Nimmt den DDR-Sport manchmal auf die leichte Schulter. Gustav-Adolf "Täve" Schur. Foto: dpap

Hall of Fame des deutschen Sports "Täve Schur lebt bis heute sportliche Ideale vor"

Friedhard Teuffel
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Die Radsportlegende Täve Schur war schon einmal für die Hall of Fame abgelehnt worden. Jetzt kommt es anders. Ein Gespräch mit dem, der ihn dafür vorgeschlagen hat.

Wer gehört in die von der Deutschen Sporthilfe ins Leben gerufene Hall of Fame des deutschen Sports? Darüber gibt es immer wieder lebhafte Debatten. Denn nicht nur die sportlichen Erfolge spielen eine Rolle, sondern auch politisches Verhalten oder die Einstellung zum Doping. Radrennfahrer Täve Schur gewann zweimal die Friedensfahrt und zwei Weltmeistertitel und wurde zum populärsten Sportler der DDR. Doch auch wegen seiner Glorifizierung des DDR-Sports lehnte ihn die Jury 2011 für die Hall of Fame ab. Nach Tagesspiegel-Informationen hat sich die Jury diesmal jedoch schon so gut wie sicher für eine Aufnahme ausgesprochen. Ein Gespräch mit Jurymitglied Andreas Silbersack, der Schur noch einmal vorgeschlagen hatte.

Herr Silbersack, von Ihnen stammt der Vorschlag, Radsportler Täve Schur in die Hall of Fame des deutschen Sports aufzunehmen, obwohl er 2011 schon einmal wegen seiner politischen Rolle in der DDR abgelehnt wurde. Warum?

Das hat auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Täve Schur hat schon meine Großeltern und Eltern in der DDR begeistert. Er ist auch Ehrenpräsident unseres Landessportbunds Sachsen-Anhalt. Aber der eigentliche Grund ist, dass seine sportliche Lebensleistung über Generationen geprägt hat.

Haben Sie Ihren Vorschlag abgestimmt?

Ich habe ihn in die Konferenz der Landessportbünde eingereicht. Und alle 16 Landessportbünde haben zugestimmt.

Gab es keine kontroverse Diskussion?

Die sportliche Lebensleistung wurde von allen so anerkannt.

Aber gerade von Dopinggegnern und Dopingopfern des DDR-Sports gibt es Kritik daran. Haben Sie Verständnis dafür?

Es gab auch immer wieder Gespräche, unter anderem vor zwei Jahren eines mit Ines Geipel

…der Vorsitzenden des Vereins Doping-Opfer-Hilfe…

…Täve Schur, der Sporthilfe und mir. Mir war klar, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde. Das wurde es auch nicht. Aber ich erwarte eine differenzierte Betrachtung der Person Täve Schur.

Wie differenziert sehen Sie ihn?

Zu seiner Zeit hat Doping noch keine Rolle gespielt. Sein Festhalten an der Überlegenheit des DDR-Sports kann man ihm zurecht vorwerfen. Ich selber bin zu DDR- Zeiten in den Westen geflüchtet und teile seinen Blick auf die DDR nicht. Aber er lebt bis zum heutigen Tag, und er ist jetzt 86, sportliche Ideale vor. Er begeistert. Er motiviert. Er ist authentisch. Er ist ein Vorbild.

Welche Aufgabe messen Sie der Hall of Fame zu?

Sie ist ein virtueller Raum, auch wenn virtuell schon wieder zu wenig empathisch klingt. Sie zeigt, wie der deutsche Sport sich mit seinen Idolen identifiziert. Sie ist also Zeitzeuge und beschreibt Zeitgeschichte. Sportler im historischen Kontext zu bewerten, macht ihre Wertigkeit aus. Das können eben nicht nur gleichlautende Lebensläufe sein.

Was ist mit Heike Drechsler, auch sie steht gerade auf der Vorschlagsliste?

Der Vorschlag kommt nicht von mir. Das Thema Doping spielt hier sicher eine Rolle. Aber ich würde sie auch aufnehmen, weil sie auch nach der Zeitenwende sportliche Leistung gebracht hat, aber mit ihr verbinde ich nicht wie bei Täve Schur das Verbindende über Generationen. Für ihn möchte ich kämpfen.

Noch einmal abschließend: Warum ist Ihnen Schurs Aufnahme so wichtig?

Es würde mich sehr traurig machen, wenn die Aufnahme bei ihm erst post mortem erfolgen würde. Wir müssen natürlich einen kritischen Diskurs führen, auch mit den Opfern. Dazu gehört, dass man Geschichte einordnet. Täve Schur jetzt aufzunehmen, wäre ein Brückenschlag. Es wäre ein Zeichen, dass die Hall of Fame eine wirklich gesamtdeutsche ist.

Andreas Silbersack, 49, ist Präsident des Landessportbunds Sachsen-Anhalt und Sprecher aller Landessportbünde. Er arbeitet als Rechtsanwalt in Halle an der Saale.

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