Händeschütteln ist auch beim Rollstuhltennis Pflicht. Die Chilenin Macarena Cabrillana (links) und die Dänin Malene Olesen vor ihrem Spiel. Foto: Julien Duezp

German Open im Rollstuhltennis Schnell und koordiniert in Zehlendorf

Julien Duez Hugo L'Abbate
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Die 29. German Open im Rollstuhltennis locken ein internationales Teilnehmerfeld nach Berlin. Das Turnier ist eines der wichtigsten weltweit.

Auf den Tennisplätzen der Zehlendorfer Wespen waren zuletzt viele Spieler mit Handschuhen unterwegs. Nicht ungewöhnlich – denn bis Sonntag fanden dort die 29. German Open im Rollstuhltennis statt. Handschuhe sind im Rollstuhltennis ein wichtiges Accessoire, sie erleichtern einiges. So lassen sich die Anstrengungen für die Spieler, also das Beschleunigen der Räder und dann das Schlagen des Balls, besser meistern. Wie aus einem Guss sieht der Bewegungsablauf dann aus.

Seit sieben Jahren ist Berlin Gastgeber des größten Rollstuhltennis-Turniers in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurde es beim BTTC Grün-Weiß in Lichterfelde ausgetragen, nun waren die Zehlendorfer Wespen Gastgeber. Leider machte der Berliner Sommer den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung, so dass das Finalwochenende komplett in die Halle des BTTC Grün-Weiß verlagert werden musste. Dennoch änderte dies nichts an der Bedeutung der Veranstaltung: „Die German Open gelten als eines der wichtigsten Turniere weltweit“, sagte Martin Melchior, der seit diesem Jahr Turnierdirektor des Events. Insgesamt 64 Frauen und Männer nehmen daran teil, am Ende setzten sich in den Einzelwettbewerben Yui Kamiji aus Japan bei den Frauen und bei den Männern ihr Landsmann Takashi Sanada durch. Ausgespielt wurden allerdings auch Sieger im Doppel und im Quad, wo Athleten mit mindestens drei eingeschränkten Extremitäten am Start waren.

Rollstuhltennis unterscheidet sich nicht so sehr vom Tennis der Fußgänger. Die einzige Ausnahme ist, dass die Spieler den Ball vor dem Schlag zweimal aufspringen lassen dürfen. Ansonsten ist die Anstrengung mindestens genauso hoch. Besonders unter während des ersten Spieltags nach sengenden Sonne auf den Sandplätzen in Zehlendorf.

„Ich fühle mich, als wäre ich zu Hause“ hatte der brasilianische Spieler Ymanitu Silva da noch erzählt. Der 34-Jährige, der nach einem Autounfall an beiden Beinen und am linken Arm behindert ist, nimmt am Quadturnier teil und ist an warmes Wetter gewöhnt. Er kommt aus dem Süden Brasiliens. „Ich bin ein bisschen überrascht, dass es so warm hier in Deutschland ist. Es ist mein erstes Mal in diesem Land und ich erwartete es viel kälter“, sagt Silva. Dass Berlin auch anders kann, sollte Silva im Laufe der Woche noch erfahren.

Rollstuhltennis unterscheidet sich nicht so sehr vom Tennis der Fußgänger

Trotzdem hat der 16. der Weltrangliste schon viele internationale Turnier bestritten. „Während meiner Vorbereitung auf die Paralympics im vergangenen Jahr in Rio de Janeiro hatte ich die Möglichkeit, sechs Länder zu besuchen. All meine Reisen verdanke ich dem Rollstuhltennis“, sagt er.

Auch Daniel Rodrigues hat mit den hohen Temperaturen kein Problem. Der Rollstuhltennisspieler, der sein linkes Bein ebenfalls bei einem Verkehrsunfall verlor, ist auf Nummer 31 der Weltrangliste abgerutscht. Auch weil er es sich nicht leisten konnte, zuletzt an allen wichtigen Turnieren teilzunehmen. „Ich habe aber ein gutes Gefühl für die German Open“, sagt er.

In Berlin und danach in Brüssel und Birmingham will der 30-Jährige weitere wichtige Weltranglistenpunkte sammeln. „Aber das Niveau in Europa ist immer sehr hoch, besonders die German Open sind stark besetzt“, betont Rodrigues. „Schon in der zweiten Runde kann man auf einen der besten Spieler der Welt treffen.“

Trotz des hochklassigen Teilnehmerfeldes und des freien Eintritts kommen zum Rollstuhltennis kaum Zuschauer - egal ob draußen oder drin gespielt wird. Wer sich rund um die Plätze versammelt, ist entweder Trainer, Organisationsmitglied oder einfach die Teilnehmer. So wie Charlotte Famin. Die Französin, Weltranglistenelfte, ist ohne Unterstützung nach Berlin gereist. „Meine Familie arbeitet in einer Gaststätte in der Normandie. Im Sommer ist es schlecht das Geschäft zu schließen. „Aber für mich ist es das letzte Turnier dieser Saison. Ich möchte mich hier einfach nur testen“, sagt die 44-Jährige.

Nach einem Verkehrsunfall 2008 wurde ihr linkes Bein amputiert. Ihre Rettung hat sie im Sport gefunden. Seit 2012 nimmt sie an internationalen Rollstuhltennis-Turnieren teil. Bis zu den Paralympics 2020 in Tokio will sie ihre Karriere noch fortsetzen. Dann wird sie definitiv aufhören. „Doch mein größter Traum bis dahin ist es, die French Open zu gewinnen“, sagt sie.

„Meinen vorigen Job im Controlling habe ich aufgegeben. Denn man braucht viel Zeit, um ein akzeptables Rollitennis-Niveau zu erreichen“, betont Famin. „Was ich am schwierigsten finde, ist die Koordination zwischen Schlag und den Bewegungen. In diesem Bereich muss ich mich immer noch verbessern.“

Spannende Ballwechsel sind beim Rollstuhltennis aber die Regel, nicht die Ausnahme. Turnierdirektor Martin Melchior ist besonders von den Doppel-Spielen begeistert. „Das ist wirklich spektakulär“, sagt er. „Wie sich die Sportler zusammen bewegen, wie schnell und koordiniert sie sind, das ist beeindruckend.“ Es ist eben eine rollende Weltklasse.

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