Bei der Rückkehr in seine Heimatstadt schoss Kevin-Prince Boateng das entscheidende Tor. Foto: REUTERS/Axel Schmidt
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Fußball-Bundesliga Boateng schießt Frankfurt zum Sieg bei Hertha BSC

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Ausgerechnet Kevin-Prince Boateng: Hertha BSC geht früh in Führung, doch der ehemalige Herthaner entscheidet das Spiel für Eintracht Frankfurt mit dem Siegtreffer zum 2:1.

Rune Jarstein versuchte erst gar nicht, sich zu strecken. Er hatte ohnehin keine Chance, an diesen Ball heranzukommen, das war dem norwegischen Nationalspieler und Torhüter von Hertha BSC schnell klar. Und so konnte er dem Schuss nur noch hinterhersehen, den ein gewisser Kevin-Prince Boateng in der 81. Minute des Bundesliga-Spiels zwischen eben Hertha und Eintracht Frankfurt aufs Berliner Tor abgab. Der Treffer des gebürtigen Berliners Boateng war der Höhepunkt in einer an Höhepunkten äußerst armen zweiten Halbzeit und zugleich die Entscheidung in einem Spiel, das eigentlich gut verlaufen war für die Gastgeber. Frühe Führung, dominante Anfangsphase mit guten Chancen – so lautete zunächst das Skript. Am Ende stand jedoch eine 1:2-Heimniederlage vor 38.781 Zuschauern im Olympiastadion in den Büchern. Damit verpassten die Berliner die Gelegenheit, in der Tabelle an den Frankfurtern vorbeizuziehen und sich im halbwegs gesicherten Bundesliga-Mittelfeld festzusetzen. Stattdessen muss sich Hertha nun wohl wieder nach unten orientieren, Richtung Relegationsrang. 

„Das fühlt sich gut an, weil der Sieg wichtig für uns war“, sagte Boateng. „Persönlich muss ich sagen, dass das das schlechteste Spiel meiner Karriere war. Aber zum Glück habe ich getroffen.“

Ganz anders war die Gefühlslage bei Herthas Trainer Pal Dardai. „Die Frage ist bei uns: Warum haben wir aufgehört, Fußball zu spielen? Warum haben wir uns zurückgezogen? Das war so nicht abgesprochen“, analysierte er. „Wir hatten genug Chancen zum 2:0, aber dann haben wir die Frankfurter mit einem Geschenk aufgebaut“, ergänzte er, „wenn man so ein naives Tor kassiert, wie das erste, wird es sehr, sehr schwer.“ Torschütze Davie Selke sah es ähnlich. „Das tut richtig weh, so ein Spiel dürfen wir niemals verlieren, erst recht nicht nach so einem Start.“

Im Vergleich zum 2:0-Auswärtssieg in Köln vor einer Woche nahm Dardai zunächst keine personellen Wechsel vor. Darüber hinaus blieb sich der Ungar auch in seiner taktischen Herangehensweise treu; wie schon in den letzten beiden Spielen gingen die Berliner erneut mit zwei echten Stürmern ins Spiel, mit Vedad Ibisevic und Davie Selke. 

Entsprechend energisch begann die Gastgeber. Nach 50 Sekunden bot sich Vedad Ibisevic bereits die große Chance zur frühen Führung: Nach einem kapitalen Aussetzer von Frankfurts Mijat Gacinovic kam der Bosnier im Strafraum zum Abschluss, Eintracht-Keeper Lukas Hradecky konnte den Ball aber gerade noch um den Pfosten lenken. Gegen abwartende und defensiv eingestellte Gäste gehörte den Berlinern auch die folgende Phase: Davie Selkes Schuss von der Strafraumgrenze fehlte noch die Kraft, vier Minuten später war es jedoch geschehen um die Frankfurter: Mathew Leckie lupfte den Ball über die gegnerische Abwehr genau in Selkes Lauf und der Stürmer hatte keine große Mühe, zum 1:0 zu vollenden – ein zu diesem Zeitpunkt längst überfälliges Resultat. 

"Ein Witz" – Dardai ärgert sich über das 1:1

Frankfurts bis dahin auffälligste Szenen gehörten einem alten Bekannten, der den Großteil seines (Fußballer-)Lebens in Berlin verbracht hat: Kevin-Prince Boateng ging in der Anfangsphase gleich zwei Mal so beherzt zur Sache, dass er sich bereits nach acht Minuten eine Verwarnung eingehandelt hatte. Nach einer knappen halben Stunde wurde die Mannschaft von Nico Kovac dann ein wenig mutiger – und kam wie aus dem Nichts zum Ausgleich. Weil die Eintracht aus dem Spiel rein gar nichts zu Stande brachte, musste eine Standard-Situation Abhilfe schaffen; Jetro Willems schlug eine scharfe Ecke in den Berliner Strafraum, die Marius Wolf per Direktabnahme zum 1:1 im Tor unterbrachte. Man musste kein gelernter Lippenleser sein, um die Reaktion von Coach Dardai an der Seitenlinie zu dechiffrieren: „Ein Witz“, kommentierte der Trainer und schüttelte ungläubig den Kopf. Angesichts des Spielverlaufs eine korrekte Einschätzung.

Bis zum Halbzeitpfiff verflachte die Partie dann zusehends und näherte sich dem Punkt, den die Temperaturen im Olympiastadion längst erreicht hatten. Als der Pausenpfiff ertönte, gab es vereinzelte Pfiffe von den Rängen. 

Es ist nicht überliefert, was die Profis in der Besprechung zu hören bekamen, aber nach dem Seitenwechsel agierten beide Vertretungen wesentlich giftiger und aggressiver als noch in Durchgang eins; nahezu jeder Zweikampf barg Konfliktpotenzial. Für den Spielfluss war das nicht eben förderlich: die erste ernsthafte Gelegenheit ergab sich erst nach einer Stunde. Dabei hatte Hertha Glück, dass der Ball nach einer tollen Parade Jarsteins gegen Torschütze Marius Wolf nicht direkt vor die Beine des einschussbereiten Ante Rebic fiel, sondern wenige Zentimeter daneben. 

Lustenberger trifft nur die Latte

Pal Dardai hatte genug gesehen, um intervenierend tätig zu werden: 30 Minuten vor dem Abpfiff brachte er in Valentino Lazaro (für Mittelstädt) und Fabian Lustenberger (für Arne Maier) frische Kräfte für die Schlussphase. Am Gesamteindruck konnten aber auch diese Umstellungen nichts ändern: Mit jeder Minute verlor die Begegnung an Niveau und gewann an Ruppigkeit, mit professionellem Fußball hatte das Geschehen auf dem Feld nur noch herzlich wenig zu tun. Beide Mannschaften vermieden erhöhtes Risiko und verwalteten das Resultat in der Hoffnung auf eine Punkteteilung. Dieses Szenario wusste Boateng mit seinem Tor zum 1:2 allerdings zu verhindern. Auf der Gegenseite wäre Hertha nach einem Distanzschuss von Fabian Lustenberger beinahe noch zum Ausgleich gekommen. Der Ball sprang jedoch an die Latte und von dort ins Aus. 

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