Comeback einer Fußballnation. Vor mehr als 100.000 Zuschauern setzte sich Deutschland mit 1:0 gegen die Schweiz durch. Nicht alle Nationen waren von der Wiedereingliederung der deutschen Nationalmannschaft in den Länderspielkalender begeistert. Foto: imago/RDB
p

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft Herbert Burdenski und das erste Spiel nach dem Krieg

2 Kommentare

Am 22. November 1950 trug die deutsche Nationalelf ihr erstes Länderspiel nach dem Krieg aus. Das einzige Tor erzielte Herbert Burdenski – dem eine große Karriere versagt blieb.

Es regnet an diesem Buß- und Bettag nicht nur. Es schüttet, als wollte der Himmel auf seine Weise die 103.000 Zuschauer zur Demut mahnen. Im überfüllten Stuttgarter Neckarstadion, das vor nicht allzu langer Zeit noch Adolf-Hitler-Kampfbahn hieß, tritt die Nationalelf am 22. November 1950 gegen die Schweiz zu ihrem ersten Länderspiel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an. 67 Jahre ist das auf den Tag genau her.

Damals war Deutschland gerade erst wieder in den Weltverband Fifa aufgenommen worden, wofür sich besonders die Schweizer einsetzte. Die waren auch schon 1908 Gegner im ersten Länderspiel einer deutschen Auswahl sowie 1920, als Deutschland wegen des Ersten Weltkriegs noch international geächtet war.

Unter frenetischem Jubel laufen die Spieler am 22. November 1950 ein. Bei den Deutschen sind neun Debütanten dabei. Herbert Burdenski hingegen zählt zu den Erfahrenen, obwohl der 28-jährige Angreifer von Werder Bremen erst sein viertes Länderspiel bestreitet. Nicht gerade viel für einen, der bereits mit 17 Jahren mit Schalke 04 Deutscher Meister wurde. Doch wie so viele seiner Generation hatte er das Pech, dass ihm der Krieg seine besten Jahre als Fußballer geraubt hat.

Am 22. Juni 1941, dem Tag, als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfiel, hat Burdenski noch in Berlin Fußball gespielt. Mit Schalke 04 verlor er das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen Rapid Wien. Im Herbst kam er mit 19 Jahren zu seinem ersten Länderspiel. Zwei weitere folgten, dann musste er an die Ostfront, wo ihn die Rote Armee letztlich gefangen nahm. Ein sowjetischer Soldat erkannte den deutschen Nationalspieler. Statt nach Sibirien ging es für ihn daher bald zurück nach Hause. Dann kam schon das erste Länderspiel nach dem Krieg.

„Europa blutet noch aus tausenden, durch die Deutschen geschlagenen Wunden.“

Burdenski ist stolz, wieder dabei zu sein. Doch nicht alle sind davon begeistert. So hat etwa die niederländische Tageszeitung „Het Vrieje Volk“ die Schweizer scharf kritisiert: „Europa blutet noch aus tausenden, durch die Deutschen geschlagenen Wunden.“

Bundestrainer Sepp Herberger stellt Burdenski als halbrechten Verteidiger auf, obwohl der eigentlich Angreifer ist. „Mensch, ich bin doch kein Verteidiger“, sagt er zum Bundestrainer. Der schätzt Burdenskis technische Fähigkeiten, dessen Schusstechnik und -kraft sind hervorragend, die Freistöße gefürchtet. Nur die Einstellung missfällt Herberger. „Budde, schlaf drüber“, antwortet der Trainer, „wenn nicht, kannste morgen nach Hause fahren.“ Budde bleibt.

42 Minuten sind gespielt, als Ottmar Walter im Strafraum frei zum Schuss kommt. Die Zuschauer wähnen den Ball schon im Netz, doch im letzten Augenblick reißt ein Schweizer reflexartig die Hand hoch – Elfmeter. Der Boden ist vom Regen völlig aufgeweicht. Keiner will Verantwortung übernehmen – außer „Budde“. Um nicht auszurutschen, nimmt er nur zwei Schritte Anlauf und hält voll drauf. 1:0. Dabei bleibt es.

„Ich wusste, dass ich ihn reinhauen würde. Deswegen bin ich ohne Aufregung hingegangen“, sagt er nach dem Spiel zu den Reportern, die wegen des überraschenden Sieges schon wieder in Euphorie verfallen. Auch die ausländische Presse ist angetan. „Diese Deutschland-Elf“, schreibt das Schweizer Magazin „Sport“, „wird nicht nur den Tag, sondern sicherlich eine längere Periode ihres Wiedereintritts in die internationale Wettkampf-Arena erfolgreich bestreiten.“ Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass Deutschland vier Jahre später im Regen von Bern Weltmeister wird.

Unter ihnen waren fünf Spieler aus der Elf vom 22. November 1950 in Stuttgart, nicht aber Herbert Burdenski. Der hatte seine Karriere kurz vor der WM beendet. Am 15. September 2001 verstarb Burdenski in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen.

Zur Startseite