Philipp Pflieger zeigte beim Berlin-Marathon lange eine starke Leistung. Doch dann verließen ihn die Kräfte. Foto: imago/Andreas Gora
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Berlin-Marathon Wie Topläufer auf die Signale des Körpers hören

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Die Aufgaben von Philipp Pflieger und Wilson Kipsang beim Berlin-Marathon zeigen, wie sensibel Spitzenläufer reagieren.

Es ging nichts mehr. Regungslos hing Philipp Pflieger in den Armen eines Zuschauers am Streckenrand, vollkommen kraftlos. Allein hätte er sich nicht mehr auf den Beinen halten können.

Pflieger ist einer der derzeit besten deutschen Marathon-Läufer, umso außergewöhnlicher war dieses Bild, das er am Sonntag beim 44. Berlin-Marathon etwa drei Kilometer vor dem Ziel abgab. Eigentlich wollte der 30-Jährige aus Regensburg persönliche Bestzeit laufen und hatte eine Zeit von 2:11:30 Stunden angepeilt, stattdessen musste er entkräftet und niedergeschlagen aufgeben. Eine wirkliche Erklärung für den Schwächeanfall hatte Pflieger auch einige Stunden nach dem Rennen nicht. Sein Trainer Kurt Ring vermutete Magenprobleme.

Was auch immer die Ursache für Pfliegers jähes Ende beim Berlin-Marathon war, es muss mehr als nur plötzliche Erschöpfung gewesen sein – davon geht Matthias Krüll aus. Der 49-Jährige ist Medizinischer Direktor des Berlin-Marathons und er betont: „Diese Erschöpfung ist bei einem Profi wie Pflieger eher ungewöhnlich. Da muss auch eine akute Situation wie ein Infekt dazugekommen sein.“

Topathleten wie Pflieger laufen mindestens 200 Trainingskilometer pro Woche und wenn sie eine schwächere Phase während eines Rennens haben, laufen sie meist für kurze Zeit einfach langsamer. Doch so wie Pflieger eingebrochen ist, glaubt Krüll: „Es steckt dann meistens ein Infekt dahinter.“ Zumal rund um den Berlin-Marathon einige hundert der mehr als 43 000 Teilnehmer über Magen-Darm-Beschwerden geklagt hätten, berichtet Krüll.

Selbst Kleinigkeiten beeinflussen die Läufer

Neben Pflieger mussten am Sonntag auch Topfavoriten wie der Kenianer Wilson Kipsang und der Äthiopier Kenenisa Bekele aufgeben. Das ist laut Krüll vor allem auch auf die schwierigen äußeren Bedingungen zurückzuführen: Regen, kühle Temperaturen und nasse Straßen. Sieger Eliud Kipchoge sprach davon, wie unangenehm es sei, wenn das Wasser vom Asphalt an die Waden spritze und dann die Muskeln auskühle.

Selbst diese scheinbaren Kleinigkeiten können die weltbesten Läufer stark beeinflussen, weil sie durch die Nässe etwa mehr Energie für den Wärmehaushalt verbrauchen. Bei Profis wie Kipchoge, Kipsang oder Pflieger ist jedoch jedes Detail entscheidend für ihre Topleistung. Umso sensibler reagieren sie dann auf äußere Faktoren. „Das ist wie bei einem Formel-1-Auto“, sagt Krüll. „Wenn da der Spoiler nur um einen Zentimeter verändert wird, verändert das die Fahrweise immens. Ähnlich ist es bei den Spitzenläufern.“ Hinzu komme, dass die Topathleten ein ungeheures Körperbewusstsein besäßen, betont Krüll. „Sie kennen jede ihrer Fasern in- und auswendig.“

Sportmediziner Krüll sieht einen Silberstreif

So erklärt der Sportmediziner auch Kipsangs plötzliche Aufgabe am Sonntag. Bei Kilometer 30 beendete der Zweite des Vorjahres abrupt das Rennen. Der 35-Jährige hatte offenbar ebenfalls Magenprobleme, denn am Streckenrand musste sich Kipsang übergeben. „Das ist auch ein Zeichen von Erfahrung. Kipsang weiß, wenn er noch weitermacht, passiert etwas“, sagt Krüll. „Wobei man als Profi auch lernt, ein höheres Level an Schmerz zu ertragen.“ Doch auch wenn die Topläufer länger als Hobbysportler gegen den Schweinehund ankämpfen könnten – wie Pflieger –, irgendwann komme immer der Punkt, an dem sie auf ihren Körper hörten, betont Krüll.

Aus Fällen wie Pfliegers Aufgabe könnten Hobbyläufer deshalb viel lernen, findet er. „Man muss eben auf alle Signale hören, die der Körper aussendet“, sagt Krüll. „Und wenn man sich unwohl fühlt, ist es besser zu pausieren, als etwas zu erzwingen.“ Seit 15 Jahren ist Krüll beim Berlin-Marathon tätig. Und zu seiner Freude hat er während dieser Zeit beobachtet, dass die Hobbyläufer bewusster mit ihrer Gesundheit umgehen. Zu den Gesundheitskonsultationen, die auf der Läufermesse direkt vor dem Berlin-Marathon angeboten werden, kämen immer mehr Teilnehmer. Und wenn Krüll und seine Kollegen dann auch wegen eines Schnupfens vom Marathonstart abraten, stoßen sie damit auf mehr Verständnis als noch vor einigen Jahren. „Das ist ein Silberstreif, aber wir müssen bei diesem Thema auch noch viel tun“, betont Krüll.

Etwas weniger zu tun hatte das medizinische Team am Sonntag, rund 650 sogenannte Hilfeleistungen mussten sie erbringen – 250 weniger als im Vorjahr. „Wenn es kühler ist, verausgaben sich die Teilnehmer nicht so sehr wie bei warmen und trockenen Temperaturen“, sagt Krüll. Pflieger war also ein wirklich dramatischer Sonderfall.

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