"Schäubles Fall: Innenansicht einer Affäre", ein Phoenix-Film

Joachim Huber
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Phoenix, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, muss sich aktuell den Vorwurf gefallen lassen, wochenlang politisch brisante Aussagen des scheidenden CDU-Chefs Wolfgang Schäuble nicht veröffentlicht zu haben. In dem Dokumentarfilm "Schäubles Fall - Innenansicht einer Affäre", heute um 21 Uhr im Phoenix-Programm, spricht der Politiker, der am 16. Februar den Rücktritt von seinem Amt ankündigte, in bitterem Ton von "Intrigen mit kriminellen Elementen". Auf die Frage der Autoren, ob er sich vom ehemaligen CDU-Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl im Kontext der Partei-Spendenaffäre im Stich gelassen fühle, sagt Schäuble: "Im Stich gelassen wäre viel zu wenig."

Alexander von Sobeck, der ZDF-Programmgeschäftsführer, wies darauf hin, dass die Planungen und die Vorgespräche der Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz mit Schäuble vor sechs Monaten begonnen hätten. "Geplant war eigentlich ein Porträt des kommenden CDU-Kanzlerkandidaten Wolfgang Schäuble", sagte von Sobeck. Erst im Lauf der Ereignisse ab November 1999 hätte sich das Schäuble-Porträt in den Schäuble-Fall gedreht.

Die Interviews in den vergangenen drei Monaten fanden bis in die erste Märzhälfte hinein statt. Die bekannt gewordenen Aussagen stammen aus einem Interview vom 24. Februar. "Wir haben einen Dokumentarfilm nach einem klarem künstlerischen Konzept gedreht", sagte ARD-Programmgeschäftsführer Klaus Radke über den Film, den heute auch die ARD um 23 Uhr zeigt. "Die Autoren brauchten für ihre Arbeit die nötige Ruhe und den nötigen Schutz."

Ähnlichkeiten mit Theo Waigels (CSU) aktuellem Interview im Bayerischen Fernsehen im August 1997 sehen Phoenix und die Autoren nicht. Damals kündigte der Bundesfinanzminister seinen Rücktritt an, das Gespräch mit ihm schlummerte jedoch ein paar Wochen in den Archiven des Bayerischen Rundfunks (BR). "Um die Brisanz des ganzen Films zu erhalten und der journalistischen Sorgfaltspflicht nach zu kommen, war es dringend geboten, die Geschichte zu Ende zu recherchieren und erst nach Abschluss aller Interviews zu veröffentlichen", sagte Autor Lamby gegenüber einer Agentur. Auch Radke und von Sobeck betonten die Notwendigkeit der "Endabnahme", die erst Ende letzter Woche erfolgt sei. Wer den Film sieht, wird nicht unbedingt von den Aussagen selbst überrascht sein, sondern von dem Ton, in dem Schäuble sie vorbringt. Der Politiker wirkt bis ins Innerste verletzt, nur unter großer, auch körperlicher Kraftanstrengung scheint er sich von einer weitergehenden Abrechnung mit Kohl und den Kohlianern abhalten zu können.

Autor Stephan Lamby rechnet Schäuble hoch an, dass dieser angesichts der politisch schwierigen Phase seine Interviewversprechen trotz einiger "Unterbrechungen" hielt. Lamby erinnert sich, dass Schäuble für die Tage zwischen Weihnachten und Silvester mit dem TV-Team in seiner Heimat Gengenbach (Baden) reden wollte, aber damals schon offenbar über seinen Rücktritt nachdachte und absagte.

Schäuble schildert in der Dokumentation, wie er im Zuge der Spendenaffäre von Parteifreunden massiv unter Druck gesetzt wurde: "Das Maß, wie hier gelogen wird, wie mit Falschaussagen und Unterstellungen operiert wird, das war ein Kampf zur Vernichtung mindestens einer Person", sagt er im Film, ohne jemals den Namen Kohl zu nennen. Sein Bruder Thomas, Innenminister in Baden-Württemberg, geht einen Schritt weiter: "Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen."

Der ehemalige Ehrenvorsitzende wollte in der Dokumentation keine Stellung nehmen zur Spendenaffäre und sein Verhältnis zu Schäuble. "Wir haben vier Mal bei Herrn Kohl angefragt, er hat jedes Mal aus Zeitgründen absagen lassen", sagte Lamby. Und Schäubles designierte Amtsnachfolgerin Angela Merkel musste innerhalb der ARD ihrem Vorgänger ein letztes Mal weichen. Die Chefredakteure der Anstalten beschlossen, den für Donnerstag eingeplanten Beitrag "Kohls Mädchen - Kohls Erbin" auf Mittwoch vorzuziehen, um den "Fall Schäuble" am Donnerstag auszustrahlen. Die Phoenix-Produktion dauert 67 Minuten, für das heutige Fernsehen eine ungewöhnliche Länge. Von Sobeck: "Eigentlich war eine Stunde gedacht, aber dann wollten Klaus Radke und ich noch zwei Ergänzungen." 67 Minuten - das funktioniert bei Phoenix und - siehe da - auch in der ARD.

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