Saarbrücken von oben. Foto: saarbruecken.de
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Saarbrücken Lääwe unn lääwe losse

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Sie sprechen komisch, aber auf den Mund gefallen sind sie nicht. Hier verraten die Saarbrücker, was sie bewegt – auch jenseits der heutigen Landtagswahl

1. Mir sinn Saarbrigger unn spiele Kligger,
Mir stemme Blutwurschd mit ähner Hand!
Dass mir Saarbrigger sinn, siehd jedes Kind,
Mir reiße Bähm aus, wo gar kenn sinn.
Das Lied sangen schon meine Großväter. Die Verse treffen das Wesen des Saarbrückers: seine Unbekümmertheit, den Witz in eigener Sache – und die Nähe zu Frankreich. Wer nicht Boule spielt, spielt mit Klickern, ist halt alles kleiner hier im kleinsten aller Bundesländer. Der Saarländer pflegt seinen Minderwertigkeitskomplex wie ein kostbares Erbstück, der Saarbrücker paart ihn mit gutmütigem Stolz.
167 Quadratkilometer, 175 000 Bewohner, der siebte Längengrad zieht sich durchs Nauwieser Viertel. Festungsstadt, Barockstadt, Hüttenstadt, Industriestadt, Kohle und Stahl, ein Fluss, ein Schloss, ein Marktplatz, eine Zeitung, acht Brücken. Berühmtester Bewohner: der Filmemacher Max Ophüls, der der Kamera Flügel verlieh. Nach dem Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Leopold Oppenheimer ist ein Platz benannt – und das Nachwuchsfilmfest im Januar.

2. Nix geschafft han mir schnell.
Meine Großväter arbeiteten in der Burbacher Hütte, im E-Werk, der Elektromotorenzentrale. Der eine wartete die Turbinen, der andere passte als Waagenschlosser die Stahlwaagen dem Eichmaß an. Es war der lauteste Ort der Welt. Hier wurde aus den fabrikeigenen Abgasen der Strom für die Hütte erzeugt, hier standen die Generatoren und die Bessemerbirne, in der das Eisen zu Stahl geschmolzen wurde, bei über 1000 Grad Hitze.
Die Familien kannten sich. In den Arbeiterbezirken Burbach und Malstatt liefen sich meine Eltern schon als Kinder über den Weg. Mittags brachten sie ihren Vätern das Essen ins E-Werk; noch Jahre später fegte meine Großmutter auf ihrem kleinen Balkon in der Burbacher Brunnenstraße täglich eine Kehrschippe voll Ruß zusammen. Als Kind wischte ich mit Inbrunst die klebrig-schwarze Schmiere von den Blättern ihrer Topfpflanzen. In den 60ern war Saarbrücken eine schmutzige, hässliche Stadt. Heute ist die Luft im Saarland sauber. Die Völklinger Hütte hat es auf die Weltkulturerbe-Liste geschafft, im E-Werk treten BAP und Jonas Kaufmann auf. Nach dem jüngsten Bergbauerdbeben 2008 (Stärke 4!) schließen demnächst die letzten saarländischen Steinkohlegruben.
Nix geschafft han mir schnell: Der Spruch stand im Januar sogar auf der Titelseite der „FAZ“, als die saarländische Jamaika-Koalition platzte und Annegret Kramp-Karrenbauer, die christdemokratische Ministerpräsidentin „mit dem längsten Namen und der kürzesten Amtszeit“ (Volksmund) Neuwahlen für den heutigen Sonntag ausrufen musste. Sieht ja auch beschaulich aus, ihr Amtssitz am Ludwigsplatz mit der barocken Ludwigskirche und den Palais' rund um den Platz, den Baumeister Friedrich Joachim Stengel im Auftrag des nassauischen Fürsten Wilhelm Heinrich angelegt hat. Für Berliner: Stengel ist der Schinkel Saarbrückens, von ihm stammen auch das Schloss hoch oben auf dem Saarfelsen sowie die katholische Kirche St. Johann.

3. Nur nit huddeln.
Saarbrückerisch gehört zu den rheinfränkischen Dialekten, andere Saarländer sprechen moselfränkisch, das ist langsamer. Huddeln heißt verheddern, die Saarbrücker verheddern sich leicht mit den Wörtern. Sie sagen „holen“ statt „nehmen“ (Kannst du mich mitholen? Seit der Diät hab’ ich abgeholt!) und „Ich hab’ kalt“ statt „Mir ist kalt“, wofür der Rest der Nation sie belächelt. Dabei liegt es nur an der Nähe zu Frankreich. J’ai froid, so frieren auch die Franzosen.
Bei den Schlendriansprüchen handelt es sich ohnehin um reines Understatement. Der Saarbrücker mag seinen Schwenkbraten schwenken oder rund um den Rokoko-Brunnen auf dem St. Johanner Markt in der Sonne sitzen und schwätzen, aber er krempelt auch die Ärmel hoch und schafft was weg. Nach dem Krieg war die Stadt zu 70 Prozent zerstört, Familien und Kumpels taten sich zusammen und schufteten nach Feierabend gemeinsam auf dem Bau. Ganze Bezirke sind so entstanden. Proletarisch, solidarisch, katholisch – das ist bis heute die soziokulturelle Saarbrücker Melange, auch wenn die Katholiken zu Barockzeiten weit in der Minderheit waren.
Markus Lenzen wohnt im Nauwieser Viertel, dem Prenzlauer Berg von Saarbrücken. Früher gutbürgerliche Wohngegend, dann sozialer Brennpunkt, besitzt es heute echten Kiezflair, mit Hausbesetzervergangenheit, sanft gentrifizierter Ausgehmeile, dem Programmkino „Achteinhalb“, dem Theater in der Alten Feuerwache, Szenekneipen wie „Feinkost Schmitt“, „Karateklub Meier“ oder der „100-Tage-Bar“ (weil im Sommer eine Eisdiele), mit Jugendzentrum, Fahrradwerkstatt und Stadtteilfest. Markus Lenzen ist Ur-Nauwieser, hier ging er zur Schule, hier betreibt er sein Tam-Tam-Zaubertheater, von hier startet er seine Tourneen als Magier. Kürzlich hat er für Diplomaten in Berlin das Saarland hergezaubert, die Landesvertretung wollte mal was anderes als den immergleichen Infofilm über die Region.
Bevor Lenzen die seit 30 Jahren in Berlin lebende Saarbrückerin einen halben Tag durch ihre alte Heimat führt, räumt er mit ein paar Vorurteilen auf. Erstens: Saarbrücken mag als ärmste Landeshauptstadt Deutschlands gelten, aber die Pro-Kopf-Verschuldung von 12 000 Euro liegt immer noch unter der von Berlin und Bremen. Zweitens verzeichnete das Saarland 2011 das bundesweit zweithöchste Wirtschaftswachstum. Wir haben Nanotechnologie, Forschungsfilialen wie die vom Fraunhofer Institut!, erklärt Lenzen. Bis heute werden in Saarbrücken Bleche und Drähte gefertigt, Ford baut den Focus, Peugeot hat hier seine Deutschlandzentrale, hinzu kommen die Motorenwerke in Brebach, Ideenschmieden für digitale Zukunftstechnologien – und das Einkaufsparadies rund um die Bahnhofstraße. Die von Martin Gropius in der Grubenboomzeit errichtete stolze Bergbaudirektion ist inzwischen in eine Shoppingmall integriert. Man möchte weinen ob des lieblosen Umgangs mit dem Architekturerbe. Aber das Gebäude verrottete, als Konsumtempel zieht es nun die Kundschaft aus dem Umland in Scharen an, auch die Franzosen.

4. Geh fott!
Zu Deutsch etwa: Ach, geh! Der Saarbrücker, sagt Lenzen, ist schnell woanders. In der Stadt mag er die kurzen Wege, zur Bürgermeisterin Charlotte Britz ins neugotische Rathaus oder in die Staatskanzlei am Ludwigsplatz. Auch nach Luxemburg, Metz oder Trier dauert es nur eine Stunde, der Zug nach Paris braucht 110 Minuten. Verkehrsknotenpunkt ist Saarbrücken seit Menschengedenken.
Auch wenn der Name der Stadt nicht von „Brücke“ stammt, sondern vom keltischen Briga – auf dem Briga, dem Saarfelsen, thronte vor dem Schloss eine Festungsanlage –, ist Wendigkeit doch unverzichtbar für die Saarbrücker. Armutsbedingte Auswanderungswellen halten sich historisch die Balance mit Zeiten der Zuflucht. Dazu gehören die kurzen Jahre des saarländischen Sonderstatus, als sich die Juden unbehelligt hierher flüchten konnten, bevor die Einheimischen 1935 für den „Anschluss“ an Nazideutschland votierten. Und, wichtigstes Indiz für die Liebe zur Mobilität: Saarbrücken hat die älteste Stadtautobahn Deutschlands.

5. Alleh hopp!
„Nebenfluss der Saar mit 13 Buchstaben?“, fragt Markus Lenzen. Genau, Stadtautobahn. Alter Witz, kurzer Segen, langer Fluch. Barockbaumeister Stengel hatte den Flusslauf für die Schlossmauer verlegen lassen, für die 1963 eröffnete Autobahn wurde die Saar um knapp 20 Meter wieder zurückverlegt. „Alleh hopp!“, ruft der Saarbrücker an Fassenacht, das kommt vom französischen allez hop und beweist einmal mehr: Der Saarbrücker hat’s oft eilig. Aber er ist auch genervt vom ewigen Verkehrslärm und den Abgasen, die vom Betonband der vier- bis sechsspurigen Trassen direkt neben der Saar herüberwehen. Ruhe herrscht nur, wenn die A620 wegen Hochwasser mal wieder geschlossen ist.
Wir stehen auf der Alten Brücke. Markus Lenzen weist auf die zahlreichen freien Flächen der Stadt hin: vor der Feuerwache, rund um die Ludwigskirche oder auf dem Platz vor dem wiederaufgebauten Schloss. Mut zur Leere, bloß nicht zu viel Grün: auch eine Art, das Barockerbe mit der Industriegeschichte kurzzuschließen. Dann zeigt Lenzen Richtung Westen, zur Berliner Promenade an der Rückseite der Shoppingmeile. Er mag die Vision von Baudezernentin Rena Wandel-Höfer (Rathaus, Staatskanzlei, Bauamt: Noch sind in Saarbrücken überall Frauen am Zug). „Stadtmitte am Fluss“ heißt der kühne Plan von der Wiedererfindung der Innenstadt. Eine Freitreppe zum Wasser ist im Bau, eine echte Flanierpromenade soll’s werden.
Typisch Saarbrücken: Man werkelt zwar ungeduldig, bloß fertig wird’s nie. Die wichtigste Voraussetzung für echte urbane Atmosphäre, die Übertunnelung der Autobahn vis-à-vis, bleibt vorerst unbezahlbar. Da kann Oskar Lafontaine, in seinen SPD-Jahren Landesvater der Herzen, für die Linke im aktuellen Wahlkampf getrost mit dem Spruch „Sanieren will gelernt sein“ werben. Schließlich verdankt Saarbrücken seiner SPD-Zeit die Verwandlung des Rotlichtbezirks in das beliebte Altstadt-Gassenviertel rund um den St. Johanner Markt. Dass die ebenfalls von ihm protegierte Umnutzung des früheren Kohlehafens zum „Bürgerpark“ bis heute nicht angenommen wird, straft den Linke-Slogan jedoch wieder Lügen.

6. Uff die Bääm, die Pälzer komme.
Die Pfälzer sind für den Saarländer das, was der Düsseldorfer für den Kölner ist: mit Wonne verballhornte Nachbarn. Das liegt zum einen an der Weißwurstgrenze, die mitten durchs Saarland führte – 1815 wurde das Saarbrücker Gebiet Preußen zugeschlagen, Bayern lag gleich vor der Haustür. Und es liegt am pfälzischen Gauleiter Josef Bürckel, der nach 1935 die Juden emigrieren und die Saarländer kuschen machte.
Das vermutet jedenfalls Elfriede Grimmelwiedisch, die im Vorort Dudweiler, oder genauer, im dortigen Stadtteil „Kaltnaggisch“ lebt und als Kabarett- und Karnevalsfigur Kult ist an der Saar. Im wirklichen Leben heißt sie Ewald Blum und arbeitet im Kulturamt. Blum erklärt, woher der despektierliche Ortsname stammt. Die Bezeichnung „Herrensohr“ für ihren adeligen alten Stadtteil mochten die Dudweiler nicht, wegen der Erinnerung an jene Zeiten, als die feinen Grafen hier auf die Jagd gingen. Und als im Zuge der Industrialisierung Hessen und Pfälzer (!) angesiedelt und ihretwegen die Wälder abgeholzt wurden, wurde Herrensohr kahl und nackt, „kaltnaggisch“.
Nein, untertänig ist der Saarbrücker nicht. Aber ein Revoluzzer steckt auch nicht in ihm. Als Hitler die Stadt besuchte und ihr zum Dank für das 1935er-Votum das Staatstheater neben der Alten Brücke schenkte, standen die Einwohner fähnchenwedelnd am Straßenrand. Zwar marschieren streikende Bergarbeiter gern mal kurzerhand in die Staatskanzlei, und die Bürgermeister von Saarbrücken (links der Saar) und St. Johann (rechts) duellierten sich um die Jahrhundertwende gar. Doch 1908 schlossen sich die Orte in schönster Eintracht zur Stadt Saarbrücken zusammen. Der Saarbrücker ist ein Flexi-Bürger. Er riskiert was – und schreckt vor der eigenen Courage zurück. Wäre kein Wunder, wenn er es nach Jamaika mit der Großen Koalition versuchte.
7. Lääwe unn lääwe losse.
„Anner Leut sinn anners“, sagte die Großmutter immer. Hemdsärmelige Weltoffenheit, auch das ist typisch Saarbrücken. Aber die Chance, Europapionier zu werden, hat die Stadt verspielt. Der zehnjährige autonome Saarland-Status nach dem Krieg brachte Saarbrücken als Sitz der Montanunion ins Gespräch, Adenauer hatte große Pläne mit dem kleinen Land, der Corbusier-Schüler Georges-Henri Pingusson entwarf futuristische Stadtvisionen. Radio Saarbrücken eröffnete sein Programm 1946 mit der Marseillaise, man feierte den 14. Juli, es gab französische Franken, aber deutsche Briefmarken (und saarländische Grammatik). 1955, bei der Abstimmung über das zweite Saarstatut, gingen die Saarländer auf Nummer Wirtschaftswunder-Sicher und verzichteten auf den Avantgardestatus. Land zwischen den Grenzen, Eurovision? So mutig wollten sie auch wieder nicht sein.
Übrig geblieben sind ein paar Wörter. Man sagt Trottoir statt Bürgersteig, Schääselong statt Sofa, Schääsewäänsche statt Kinderwagen. Und spricht es so entsetzlich falsch aus, dass kein Mensch es für Französisch halten kann.

8. Hauptsach gudd gess.
Sie essen ja gern, die Saarbrücker. Sitzen in der Brauereigaststätte „Zum Stiefel“, probieren Petits Fours im Café Schubert, kaufen Lyoner in der Metzgerei Konrad (seit 1896). Und feiern gern. Das Theaterfestival „Perspectives“, das Altstadt- und das Nauwieser Fest, das Saarspektakel mit Drachenbootrennen, der St. Johanner Weihnachtsmarkt – Markus Lenzen ist immer dabei. Er zählt die Saarbrücker Sterneköche auf, Klaus Erfort vor allem, der in der Mainzer Straße zu Tisch bittet, jener östlichen Ausfallstraße, die sich mit dem Filmhaus, dem Nobelhotel Leidinger, mit Schwulenkneipen und Designerläden zum Boulevard mausert. Aber Saarbrücken ist Malocherstadt, hier schwenkt man den Grill oder verspeist Klöße („Hoorische“ oder „Gefillde“) und pfannengroße Kartoffelpuffer („Dibbelabbes“).
Vielleicht entscheidet „Hauptsach gudd gess“ sogar die heutige Wahl – wegen des Bauskandals um die Erweiterung der Modernen Galerie des Saarlandmuseums. Ex-Museumsdirektor Ralph Melcher wurde im Februar auf Bewährung verurteilt, weil er Schmiergelder annahm und zu häufig auf Steuerzahlerkosten in Gourmettempeln speiste. Außerdem sind die Baukosten explodiert, die Ministerpräsidentin hat womöglich mitgemauschelt. Jetzt steht er da, der Betonklotz, ein Mahnmal der Wurschtigkeit. „Dumm gelaaf“, würde der Saarbrücker sagen.

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