Illustration: Anna Kraussp

"Und erlöse uns von allen Üblen" #91 Champagner mit dem Mörder

Michael Jürgs
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Der Freypen-Mörder steigt aus bei Kleopatra. Polizistin Hornstein bekommt ein Jobangebot. Ein Fortsetzungsroman, Teil 91.

Was bisher geschah: Freypen-Mörder Zartmann schmiedet Zukunftspläne. Auch Ermittlerin Hornstein will sich beruflich verändern.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 91 vom 14. September.

Zartmanns Gespräch mit Andrea Hofwieser am anderen Morgen litt nach dem weinseligen Kleopatra-Treffen ein wenig unter der Tatsache, dass er über fürchterliche Kopfschmerzen klagte. Als ihn seine Sekretärin mit ihr verbunden hatte, musste er sogar erst nachfragen, wer denn in der Leitung war. Was der Reporterin nicht so gefiel. Sie hielt seine knurrigen kurzen Antworten für offenkundiges Desinteresse am Fall Schwarzkoff, und damit war Andrea Hofwieser klar, dass er mit dem Mann in der Tiefgarage wirklich nichts zu tun haben konnte. Da er sich aber für sie offenbar genauso wenig interessierte, vergaß sie schnell wieder die Anwandlung von gestern, mit ihm über mögliche Gewissensbisse wegen ihrer Aussage zu reden. Alles andere, was sie vor sich selbst nie zugegeben hätte, vergaß sie auch. Zum Beispiel ihr seliges Lächeln, weil sie aus seinen Sätzen etwas herausgehört hatte, was andere Menschen als Liebeserklärung verstanden hätten. Schön blöde gewesen, beschimpfte sie sich selbst.

Als Lionel Zartmann wieder klar denken konnte und begriff, dass er in dem kurzen Gespräch einen falschen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, deshalb am Abend erneut anrief, hörte sie sich nur seine Stimme auf dem Anrufbeantworter an, nahm den Hörer aber nicht ab. Seine Bitte um Rückruf erfüllte sie auch an den folgenden Tagen nicht. Von wegen, dachte sie, mit mir nicht mehr. Du hattest deine Chance, du hast sie nicht genutzt und außerdem bin ich auch ganz froh, dass es so zu beendet wird.

 

Dass Susanne Hornstein in der folgenden Woche in Wiesbaden ausgerechnet ihren Kollegen Lionel Zartmann auf dem Flur traf, war reiner Zufall. Sie hatte beim Präsidenten des Bundeskriminalamtes ihr Interesse an neuen Aufgaben in anderen Abteilungen angemeldet, Zartmann sich mit dem überzeugende Hinweis auf eine überraschende späte Erbschaft zum Jahresende offiziell aus dem Dienst abgemeldet. Vorgezogener Ruhestand hieß das im Verwaltungsdeutsch. So etwas wurde eigentlich wegen der finanziellen Konsequenzen lange geprüft, aber Zartmann hatte das Verfahren beschleunigen können, weil er den schriftlichen Verzicht auf alle Ansprüche, auch eine ihm in rund zwanzig Jahren zustehende Pension, gleich mitbrachte. Deshalb trug er eine Zusage auf Entlassung zum 1. Januar 2016 bereits in der Tasche. Da der Präsident die unterschrieben hatte, kurz bevor Susanne Hornstein in sein Büro geführt wurde, kam dem eine spontane Idee, als sie ihre Wünsche vortrug. Er bot ihr Zartmanns Planstelle bei der EUROPOL in Den Haag an, denn die Voraussetzungen - Single, Sprachkenntnisse, Erfahrungen mit Strukturen der Organisierten Kriminalität, hohe Intelligenz , gleicher Dienstgrad - erfüllte sie perfekt. Schnelle saubere Lösungen liebte er und zufällig würde diese Lösung auch noch jemand mit dem richtigen Parteibuch treffen. Das war natürlich keine Bedingung für den Job, aber auch kein Nachteil. "Habe ich denn Bedenkzeit?", fragte Kriminaldirektor Dr. Susanne Hornstein ihren Vorgesetzten und der zeigte sich, von der eigenen Idee noch begeistert, erstaunlich großzügig: "Selbstverständlich, bis morgen früh."

Jetzt sitzt sie mit Zartmann auf einer Bank im Kurpark. Er hat auf dem Weg durch die Fußgängerzone eine Flasche Champagner gekauft und sich gleich zwei Gläser einpacken lassen. Nicht mal jetzt verschwendete er einen Gedanken an Pappbecher. "Also, Frau Doktor, einen Schluck müssen Sie mit mir auf meine Freiheit trinken. Wir wirken zwar wie Alkoholiker, die sich schon am Vormittag volllaufen lassen, aber ein solcher Eindruck kann nur noch Ihnen schaden, mir nicht mehr." Susanne Hornstein schaut sich automatisch um, aber außer ein paar Kurschatten war niemand zu sehen. Die musterten sie sehnsüchtig, weil die beiden auf der Bank nicht nur tranken, sondern auch noch rauchten.

"Was werden Sie denn in Zukunft machen?", fragt sie neugierig, aber Lionel Zartmann schüttelt nur den Kopf: "Ist noch ein Geheimnis, gönnen Sie mir den Spaß. Und Sie? Nehmen Sie das Angebot an?" Wie versprochen erzählt er ihr von den EUROPOL-Aufgaben, die sich bislang laut EUROPOL-Gesetz auf strategische und analytische Unterstützung der nationalen Polizeibehörden ihrer Mitgliedsländer beschränken mussten, aber das schien sie nicht besonders zu interessieren. Sie wusste, dass nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, dem blutigen Anschlag in Paris im November und den Ankündigungen des IS, auch künftig in Europa zu morden, in Den Haag eine mobile Einsatztruppe aufgebaut wurde, einsetzbar bei Bedarf jenseits und diesseits nationaler Grenzen. Außerdem hatte sich Susanne Hornstein aus Vorschriften noch nie etwas gemacht. Sie hört aber aufmerksam zu, als er von der lockeren Atmosphäre in der Behörde berichtet, von den gemeinsamen Aktionen gegen das organisierte Verbrechen, von der modernen elektronischen Ausstattung im Unterschied zu den Bedingungen hierzulande, zum Beispiel der Methode Geo-Profiling, entwickelt von einer Frau, der einzigen Deutschen bei Scotland Yard, die inzwischen ebenfalls in Den Haag arbeitet. Dass es bei EUROPOL, einem Melting Pot von Kriminalisten aus mittlerweile 27 Ländern, nicht die übliche Beamtenhierarchie zu beachten gelte, dass es keine Intrigen gebe, weil Team-Arbeit gefordert war, dass es nur nach Leistung ginge und nicht nach der Breite des abgesessenen Arsches: "Machen Sie es, Sie werden es nicht bereuen. Meine Kollegen, besonders die aus Frankreich und aus England und aus Holland werden Ihnen gefallen. Spannende Typen, hervorragende Spezialisten. Ganz abgesehen von allem anderen ist die Lebensqualität auch nicht zu verachten. Den Haag hat internationales Flair, hat gute Restaurants und in einer halben Stunde schon sind sie am Meer. Haben Ihre Pläne eigentlich etwas mit dieser Hamburger Geschichte zu tun?"

Das wollte er eigentlich wissen.

Susanne Hornstein, verleitet durch die ungewöhnliche Situation auf der Parkbank und durch den ungewohnten Schluck Champagner um diese Tageszeit, erzählt offen von ihren Zweifeln im Fall Freypen. Die Aussage des Verlegers mit der angeblichen Vergewaltigung in der Tiefgarage habe die Journalistin zwar dementiert, aber das könne ja auch aus Rache geschehen sein, um Schwarzkoff zu bestrafen. Brillante Kombinationsgabe, bewunderte Zartmann sie an dieser Stelle, aber hinter der dunklen Sonnenbrille sind seine Augen nicht zu erkennen. Was schlichtweg bedeuten würde, fährt sie fort, dass Mulder den falschen Mann erschossen hat und der wahre Mörder frei herumläuft. "Ich meine, das tut der eh, der wahre Mörder, denn Schwarzkoff hat auf keinen Fall selbst geschossen", schließt sie.

"Und diese Bodenseegeschichte?", fragt Zartmann, wartet ihre Antwort nicht ab und benutzt fast wörtlich die Argumentation seiner Freunde, mit der sie ihn an ihrem weinseligen Abend in Den Haag von seinen moralischen Skrupeln befreit hatten. "Stimmt alles. Doch irgendwie bleibt ein mieses Gefühl. Eigentlich müsste ich die kommenden  Monate Andrea Hofwieser überwachen lassen, bis sie einen Fehler macht und uns doch zum richtigen Mörder führt. Aber kein Mensch will das mehr wissen, habe ich den Eindruck. Alle sind zufrieden mit dieser Lösung. Auch in Berlin. Und deshalb ..."

"Und deshalb?"

"Deshalb werde ich morgen früh das Angebot annehmen."

Und morgen lesen Sie: Die Polizeireporterin ist in Gefahr.

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