Illustration: Anna Kraussp

"Und erlöse uns von allen Üblen" #58Die Ermittlerin trauert um ein ertrunkenes Mädchen

von Michael Jürgs0 Kommentare

Der Vorgesetzte der Ermittlerin offenbart ihr seine Verbindung zum Ermordeten. Erpressung spielt eine Rolle. Ein Fortsetzungsroman, Teil 58.

Was bisher geschah: Der Chef der Ermittlerin war beim Tod der jungen Susanne am Bodensee vor vierzig Jahren dabei. Sein Freund Freypen hat das als Druckmittel genutzt.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 58 vom 12. August.

"Sie haben mir noch nicht gesagt, wo Sie am vergangenen Samstag zwischen 20 Uhr und 22 Uhr gewesen sind", verlangt Susanne Hornstein barsch von Lawerenz und steckt sich schon die dritte Zigarette innerhalb von zehn Minuten an.

"Unterstellen Sie mir etwa tatsächlich, ich hätte Freypen persönlich umgebracht, um mich zu schützen vor seinen Forderungen? Jetzt enttäuschen Sie mich ein bisschen, Susanne. Für so naiv habe ich Sie nicht gehalten. Also, Frau Kriminaldirektor Hornstein, für Ihr Protokoll: Am Samstagabend habe ich einen Vortrag gehalten bei der Hanns-Seidel-Stiftung in München, falls Sie es genau wissen wollen. Thema Innere Sicherheit und die neue Gefahr von rechts. Davon verstehe ich nach Meinung mancher Leute etwas. Mein Referat begann um neunzehn Uhr und die Veranstaltung ging bis kurz vor 23 Uhr. Können Sie alles nachprüfen, es gibt genügend Zeugen, denn wir feierten anschließend den Tag der deutschen Einheit."

Sie bleibt von dieser Aussage unbeeindruckt, denn sie hat selbstverständlich nie angenommen, dass er persönlich geschossen hat. Sie wollte nur seine Reaktion testen, seinen Panzer durchbrechen, seine zur Schau gestellte Gelassenheit. So wie sie es von ihm gelernt hat, wechselt sie deshalb die Taktik.

"Sie sind doch ein guter Christ, Herr Lawerenz. Wie konnten Sie das, was damals geschehen ist, mit Ihrem Glauben vereinbaren? Oder hat der liebe Gott persönlich Ihnen die Absolution für die Sünden der Vergangenheit erteilt?"

Diesmal schaut er sie eher traurig an: "Eigentlich unter Ihrem Niveau, Susanne, meinen Sie nicht?" Sie ertappt sich dabei, dass sie rot wird, und ihr Zorn richtet sich gegen sie selbst. In der Tat, nicht ihr Niveau. Was geht sie sein Verhältnis zu Gott an, falls er ein besonderes Verhältnis zu dem hat und nicht nur zu ihm betet, und was hat der mit dem Mord an Freypen zu tun? Drückt unter dem Tisch die Fingernägel in ihre Handballen, bis es weh tut, und sie spürt, dass sie ihre normale Gesichtsfarbe wieder gewinnt. Dann setzt sie das Verhör fort, als sei nichts gewesen.

"Der Reihe nach. Wann begannen die Anrufe von Freypen?"

"Als ich Chef der Abteilung Rechtsextremismus geworden bin, also vor etwa zehn Jahren. Am Anfang wollte er nur wissen, ob seine Partei eventuell im Bericht des Verfassungsschutzes auftauchen würde. Ob wir überhaupt darüber nachdachten, ihn und seine Leute zu überwachen. Solche Sachen eben. Freundschaftsdienste nannte er das."

"Und Sie haben ihm diese, wie Sie es nennen Freundschaftsdienste erwiesen?"

"Ja. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass mein Reden der Preis für sein Schweigen sein würde."

"Und als Sie erst einmal angefangen haben, ihm vertrauliche Informationen zu geben, konnten Sie bei seiner nächsten Forderung nicht mehr Nein sagen."

"So etwa. Ein geradezu klassischer Fall. Wie aus dem Lehrbuch. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Sondern genau alle Fehler gemacht habe, die man nicht machen soll." Man nennt das seinen Diensteid brechen, denkt sie verächtlich, nicht etwa nur einen Verstoß gegen ein paar Regeln unter Gentlemen: "Ich verstehe nicht, womit er Sie überhaupt erpressen konnte. Er war doch genauso dabei damals wie Sie und wie Schwarzkoff, er war doch genauso verwundbar durch die Vergangenheit."

Lawerenz schüttelt mit dem Kopf: "Nicht ganz. Er hätte sich immer rausreden können, denn er war unter Deck, als es passierte."

"Was passierte eigentlich genau?"

Er sackt in sich zusammen, als sei die Erinnerung plötzlich selbst für ihn zu viel geworden. Susanne Hornstein betrachtet kalt den Mann, der ihr so viel bedeutet hat. Sie hat kein Mitleid, sie will ihm nicht helfen. Los, rede schon, denkt sie, rede schon.

"Das Mädchen ..."

"Das Mädchen, das Mädchen, hatte es wenigstens einen Namen oder haben Sie den auch vergessen?" Wieder steigt der Zorn in ihr hoch und wieder hilft ihr das.

"Susanne, ja Susanne. Die hieß so wie Sie. Und deshalb ..." Er redet nicht weiter, aber sie weiß, was er hat sagen wollen. Weil er in ihr, Susanne Hornstein, ein Stück jener Susanne zu entdecken glaubte, war er mehr gewesen als nur ein Vorgesetzter. Hatte sich um sie gekümmert, hatte ihr geholfen. Um ein Teil seiner Schuld bei der anderen Susanne abzutragen. Es rührt sie nicht.

"Es war ein Sonntagnachmittag, es war ziemlich heiß. Jens-Peter hatte fürs Wochenende ein Segelboot gemietet und mit dem fuhren wir auf den See raus. Wir drei und das Mädchen, Entschuldigung, und Susanne. Sie wollte uns zeigen , wie gut sie tauchen kann. Susanne sprang vom Boot ins Wasser. Ich stand am Ruder. Jens-Peter an der Reling. Er schaute ihr nach. Dann sprang er hinterher ..."

"Und weiter?"

"Er tauchte allein wieder auf und schrie, sie ist weg, sie ist weg. Dann tauchte er wieder unter. Und kam auf der anderen Seite des Bootes zusammen mit ihr wieder an die Wasseroberfläche. Sie war bewusstlos. Wir hievten sie an Bord. Machten Wiederbelebungsversuche. Joachim versuchte Mund-zu-Mund-Beatmung. Der hatte als einziger von uns beim Erste-Hilfe-Kurs in der Schule nicht geschwänzt. Aber es war zu spät. Sie war bereits tot."

"Also hat Schwarzkoff sie ermordet?"

"Ich weiß es nicht, ich weiß es bis heute nicht. Kann sein, dass er sie wirklich retten wollte, als er ihr nachsprang. Aber wer hätte ihm das geglaubt? Er wusste, dass sie schwanger war. Sie hatte es ihm ein paar Tage zuvor gesagt. Er war der einzige, mit dem sie geschlafen hatte, es gab keinen anderen Mann in ihrem Leben. Das wäre rausgekommen. Das hätte für ihn das Ende seiner Träume bedeutet. Vergessen Sie nicht, wir waren doch erst neunzehn oder zwanzig Jahre alt."

"Das Mädchen war siebzehn. Die hatte sicher auch ein paar Träume. Nicht so bedeutende wie Sie und ihre Kumpane, zugegeben. Aber Träume hatte sie auch."

Er hört deutlich ihre Verachtung und er kann sie nachvollziehen, denn er hat seit damals nie aufgehört, sich selbst zu verachten. Nur schon lange gelernt, damit zu leben: "Wir kannten sie aus dem Laden ihres Vaters und natürlich als Jens-Peters Freundin. Sie war vernarrt in ihn. Er sah gut aus und er hatte Geld und war so ganz anders als die Buben aus ihrem Dorf , mit denen sie es sonst in der Schule zu tun hatte."

"War sie schön?", fragt Susanne Hornstein leise, obwohl das keine Rolle spielt für ihre Untersuchungen, aber sie will es wissen, sie will sich das Mädchen Susanne nicht nur als Leiche vorstellen müssen. Lawerenz nickt und zum ersten Mal lächelt er: "Sie war sehr schön. Dunkelblonde Haare. Immer braungebrannt. Immer fröhlich. Und ihre Augen, ihre Augen ... Ich hätte alles für sie getan, alles. Aber natürlich hatte ich keine Chance gegen Jens-Peter."

Er hat sie geliebt, denkt sie verblüfft, er hat diese Susanne geliebt. Das Wort Liebe im Zusammenhang mit Lawerenz scheint ihr so absurd, dass sie fast vergisst, warum sie hier eigentlich sitzt: "Weiter, wie ging es weiter?"

"Wir hatten also die Tote an Bord waren betäubt, ja mehr noch, wir hatten panische Angst. Jens-Peter schrie immer wieder, dass er sie nur habe retten wollen. Sie sah aus, als würde sie nur schlafen. Er beschwor uns, ihm zu helfen, ihn mit einer Aussage zu decken. Dass wir alle an Bord geblieben seien, während sie schwamm. Dass sie auf einmal weggesackt sei und wir erst an einen Scherz von ihr glaubten, bis wir gemerkt hätten, dass es keiner war. Erst dann sei er ins Wasser gesprungen , aber habe sie nur noch tot bergen können. Joachim blieb die ganze Zeit ruhig. Hat schließlich eine Plane über sie gelegt. Ist dann ans Steuer gegangen. Hat uns die Anweisungen für die Bedienung der Segel gegeben. Ja, so war das, so war das. Wir haben das ausgesagt, was abgesprochen war. Alle drei ... den Rest kennen Sie."

Seine Sätze sind zum Schluss immer kürzer geworden. Er stößt sie förmlich heraus, als würden sie ihm sonst die Brust sprengen. Dann schweigt er, erschöpft von der Erinnerung. Sein Telefon klingelt, aber Lawerenz rührt sich nicht von der Stelle, bis es endlich stirbt. Dann richtet er sich auf und klopft seine Pfeife aus, die erkaltet ist. Seine Miene ist wieder gefasst, undurchdringlich wie sonst. Er hat sich in seine übliche Haltung gerettet, die ihm schon so oft aus anderen Situationen herausgeholfen hat, aber Bernhard Lawerenz ist klug und er weiß, dass es diesmal nicht funktionieren wie sonst: "Das ist alles, Susanne", ergänzt er gelassen.

"Das ist noch nicht alles, noch lange nicht. Wir sind erst am Anfang. Glauben Sie, dass Schwarzkoff das Mädchen Susanne retten wollte oder glauben Sie, dass er sie ermordet hat?"

Lawerenz hebt die Schultern und lässt sie dann wieder fallen: "Ich weiß es bis heute nicht, wirklich nicht. Ich habe mich das oft gefragt, aber keine Antwort gefunden. Und wir haben untereinander nie wieder darüber gesprochen, bis ..."

"Bis?"

"Bis die Anrufe von Freypen anfingen. Vor ein paar Monaten habe ich dann mit Jens-Peter telefoniert, den ich seit damals auch nicht mehr gesehen hatte, nur ab und zu im Fernsehen bei einer Diskussion. Ich habe ihm von Freypen erzählt und ihn gefragt, ob er auch erpresst wird. Er hat nur gelacht. Tat so, als wüsste er gar nicht, wovon ich sprach. Wer sollte mich erpressen? Ich habe nichts getan, womit man mich erpressen könnte. Susanne? Ach, die Susanne. Das war doch ein Unfall, hat er gesagt, erinnerst du dich wirklich noch an diese alte Geschichte? Ich hätte ihn dafür umbringen können, Entschuldigung, war nur so ein Gedanke. Ich habe es nicht getan, er lebt ja. Leider. Schwarzkoff hatte Freypen regelmäßig getroffen, die beiden haben auch zusammen studiert, das werden Sie sicher längst wissen. Jens-Peter versprach mir aber, sich um die Sache zu kümmern. Mit Freypen zu reden, dass er mich in Ruhe lassen sollte. Nicht mehr diese alten Geschichten erwähnen. Hätte er so reagiert, wenn er tatsächlich Susanne ermordet hätte? Ich weiß es nicht."

"Können Sie sich denn vorstellen, dass er Freypen ermordet hat? Dass er wie Sie von seinem Freund Joachim erpresst worden ist und sich in der vergangenen Woche endgültig von ihm befreit hat?"

Diese letzte Frage klingt schon fast wieder wie eine der üblichen Unterhaltungen zwischen den beiden, eine Art Fachgespräch auf der Suche nach einem Motiv und auf der Suche nach einen Mörder in irgendeinem der Fälle, die ihren Alltag bestimmt haben . Ihren gemeinsamer Alltag. Viele solcher Gespräche haben sie in der Vergangenheit miteinander geführt und immer hatte Susanne Hornstein am Schluss etwas dazugelernt. Ich bin ihm immer ähnlicher geworden, stellt sie dabei erschrocken fest, aber sie verdrängt diese Erkenntnis.

Ihr Chef scheint ihre letzte Frage nicht gehört zu haben und sie wiederholt sich selbst: "Trauen Sie Schwarzkoff einen Mord zu?" Merkt beim Reden, wie falsch das klingt auf dem Hintergrund der Geschichte, die Lawerenz gerade erzählt hat: "Anders gefragt: Glauben Sie, dass er Freypen getötet hat? Dass er dazu in der Lage gewesen ist?"

Als er endlich antwortet, geht er nicht darauf ein. "Was wollen Sie jetzt mit mir machen?"

"Ich will gar nichts mit Ihnen machen, Herr Lawerenz. Die Frage lautet: Was machen Sie jetzt? Aber auch das interessiert mich eigentlich nicht, denn ich werde meinen Bericht schreiben und was danach mit Ihnen geschieht, müssen andere entscheiden."

Sie steht auf und klemmt ihre Tasche unter den Arm. Dann geht sie zur Tür. Dreht sich noch einmal um und sagt leise: "Nicht Sie tun mir leid. Susanne tut mir leid." Sie hätte auch sagen können, ich tue mir leid. Lawerenz sitzt regungslos in seinem Sessel. Er schaut nicht mal auf zu ihr, als sie den Raum verlässt. Er scheint weit weg zu sein, ganz weit weg in seiner eigenen Vergangenheit. Was schert ihn die der anderen noch? Oder gar die eigene Gegenwart.

Und morgen lesen Sie: Die Polizeireporterin setzt ihre Forderungen durch.

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