Thomas Sattelberger sagt von sich: "Mein Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Ich will für acht bis zehn Jahre in die Politik." Na dann. Foto: Thilo Rückeisp

Thomas Sattelberger, Ex-Topmanager und Ex-Maoist Ein Freidenker will für die FDP in den Bundestag

Armin Lehmann
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Der frühere Daimler-Manager und Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger will für die FDP in den Bundestag. Mit 67 Jahren.

Dass er demnächst vielleicht für die FDP im Bundestag sitzt, mit dann 68 Jahren, hat er auch ein bisschen Joschka Fischer zu verdanken, denn der frühere Grünen-Chef und Außenminister hat ihn einst aus einer speziellen politischen Gefangenschaft gerettet und ihn dem demokratischen Leben wieder zugänglich gemacht. Die Geschichte des Thomas Sattelberger ist dementsprechend eine, das galt auch für die Fischers, die es in heutigen Zeiten wohl nicht mehr geben würde, weil der heutigen Generation Dickköpfigkeit und politische Aufmüpfigkeit in dieser Radikalität fehlen.

Eigentlich ist Thomas Sattelberger, geboren 1949 in Munderkingen, einer schwäbischen Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb, nicht als Fischer- Freund bekannt, sondern als Top-Manager und Personalentwickler; er hat für Daimler gearbeitet, für die Lufthansa, für Continental und für die Telekom, bei der er die erste Frauenquote eines Dax-Unternehmens einführte. Er hat sich mit dem Über-Manager Detlef E. Schrempp angelegt und ihn gefragt: „Warum sprechen wir über uns nicht als Sanierungsfall, sondern bezeichnen uns stattdessen als einen erfolgreichen Global Player? Wir haben doch zu zwei Drittel blutrote Geschäfte.“ Daraufhin soll Schrempp ihn angeschrien haben, er solle nie mehr das Wort blutrot in den Mund nehmen, er führe keine Sanierungsfälle. So schreibt es Sattelberger in seiner Biografie „Ich halte nicht die Klappe“.

Zurück zu Joschka Fischer: Als Sattelberger 1968, mit 19 Jahren, noch als überzeugter Maoist und Mitglied des „Kommunistischen Arbeiterbunds“ (KAB) nach Frankfurt am Main reiste, um seinen alten Mitstreiter aus der „Unabhängigen Sozialistischen Schülergemeinschaft“um Rat zu fragen, wurde er bespitzelt. Fischer sagte zu Sattelberger: „Thomasle, der Maoismus ist stur und hirnlos. Warum machst du das?“ Als Sattelberger zurück in Stuttgart war, wurde er angezeigt bei der Parteispitze, er habe mit dem „Klassenfeind“ geredet – Fischer.

Dieser, sagt Sattelberger heute, hat mir damals aufgezeigt, dass ich doch der „Freiheit meines eigenen Kopfes verpflichtet bin“. Der Linke Fischer wäscht dem auf maoistische Abwege geratenen Schulfreund befreiend den Kopf.

Jahre später, im April 2015, als Joschka Fischer zum Erscheinen des Sattelberger-Buches eine Rede hält, geht das nicht ohne politische Anmerkungen, wie es eben seine Art ist. „Verzeih’, aber der Gedanke des Shareholder Value hat sich in der Wirtschaft ja offensichtlich durchgesetzt und nicht die Management-Philosophie, die am Menschen orientiert ist.“ Natürlich war der Satz indirekt auch eine Kritik am Manager Sattelberger, der lange genug Bestandteil dieser Wirtschaft in mehreren Dax-Unternehmen war – und der es ja anders machen wollte.

Sattelberger, der selbst Massenentlassungen mittragen musste, findet, dass Unternehmen sich als ein „Teil eines größeren Ganzen zu begreifen“ haben. Wörtlich schreibt er: „Dabei schließt das Prinzip der Solidarität auch die Forderung mit ein, dass die riesige Kluft zwischen den Gehältern eines Bandarbeiters und eines Vorstands verringert wird.“

Das nun noch junge FDP-Mitglied, er trat 2013 auf dem Höhepunkt der liberalen Krise ein, die Grünen waren ihm trotz eines Joschka Fischer geistig zu eng, ist beruflich sozialisiert worden mit einer deutschen Innovation: der Erfindung des dualen Systems. Daimler gehörte zu den Pionieren der Verzahnung von beruflicher und schulischer Bildung, zu der dort auch akademische Bildung gehörte. Bis heute ist das Freiheitsthema in Unternehmen sein Lebensthema, weil er glaubt, dass im Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissens- und Kreativökonomie Unternehmen erstarrt seien. Sattelberger spricht gern vom „Unternehmensbürger“ und streitet noch lieber für Kreativität und gegen Effizienzdenken im Betrieb. In Unternehmensratgebern nennt man einen wie ihn „kreativen Störer“.

Joschka Fischer, hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1983, war lange Zeit nicht nur für die etablierten Parteien eine Art Klassenfeind, sondern viel früher sogar für eingefleischte Maoisten. Thomas Sattelberger hat dem Ex-Sponti, ehemaligen Grünen-Chef und Außenminister einiges zu verdanken, vor allem das Motto: Benutz mal lieber deinen eigenen Kopf. Foto: Imago/Sven Simonp

Jetzt tritt er im Wahlkreis 219 in München-Süd an und will versuchen, über einen guten Listenplatz in den Bundestag zu kommen. Für die neue FDP von Parteichef Christian Lindner ist der Ex-Manager ein Glücksfall. Er ist erfahren, aber wirkt nicht alt, sondern innovativ und streitbar. Sattelberger ist, wie viele andere, nicht frei von Eitelkeit und hat missionarische Leidenschaft, aber er ist vor allem: witzig, schlagfertig, tiefgründig. Und kann gut reden. Zudem kann er begründen, was seiner Ansicht nach diese neuen Liberalen auszeichnet. Sie seien am besten von allen Parteien „zum hybriden Denken“ fähig. Was er meint: Früher wurden Gegensätze wie Markt und Staat dogmatisch behandelt, heute könne man beides zusammendenken. Es müsse einen starken, wehrhaften Staat geben, gleichzeitig müsse es Kontrollmechanismen geben, die ihn beschränken.

Geistige Enge war Sattelberger spätestens nach seinem Rauswurf bei den Maoisten ein Gräuel, eine Art früh erlebtes Trauma. Diese „ideologischen Dogmen“ hat er später ausgerechnet auch in den großen Dax-Unternehmen erlebt. Er warnt deshalb vor Dogmen jeder Art in Parteien, die müssten „Plattformen für Debatten“ sein. Die innovativste Plattform sei, natürlich, die FDP. Querdenken, freiheitlich denken, eine „Allianz der kreativen Wissensarbeit“ schmieden, das sind Schlagworte, die er mit Leben füllen will. Bildung, Gründertum und Digitalisierung sind Sattelbergers Themen. Und welches Schlagwort passt am besten zur FDP? „Partei der Potenzialentfalter.“

Die SPD unter Martin Schulz sieht Sattelberger fast so skeptisch wie die AfD, weil beide mit ihrer Politik an „archaische Gefühle“ appellierten. Eine Befriedung der Gesellschaft durch eine Art „Restaurationspolitik“ des alten National- oder Wohlfahrtsstaates sei aber grundfalsch. Die Spitzen der Bundespartei wären froh, wenn Sattelberger es in den Bundestag schaffte. Am Samstag fällt die Entscheidung, welchen Listenplatz er erkämpfen kann, denn das Direktmandat in München zu holen, wird einem FDP- Kandidaten nicht gelingen. Unabhängig von sich, beobachtet Sattelberger gerade, dass aufgrund der Umfragewerte für die SPD einige Liberale nervös werden. Sein Ratschlag: „Bloß nicht jedermanns Liebling sein wollen. Aber auch aushalten können, dass man es nicht ist.“

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