Die Zivilgesellschaft zu mobilisieren - hier ein Foto aus Syrien im Jahr 2016 - ist unerlässlich. Foto: Thaer Mohammed/AFP
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Studie über Widerstand der syrischen Zivilgesellschaft vorgestellt Antiterroreinsatz ohne Waffen

Martin Horn
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Der syrische Politikwissenschaftler Haid Haid untersucht den zivilen Widerstand gegen Extremismus in seiner Heimat und stellt fest, wie wichtig er ist.

Während in dieser Woche in Genf und Sotschi über die Zukunft von Syrien verhandelt wird, wurde heute in Berlin eine Studie vorgestellt, die sich mit den vergangenen Jahren sowie der Gegenwart des kriegsgebeutelten Landes befasst. In der von der Organisation Adopt a Revolution beauftragten Studie „Widerstand zwecklos? – Wie Syriens Zivilgesellschaft den Extremismus bekämpft“ des syrischen Politikwissenschaftlers Haid Haid, wird die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Kräfte unterstrichen, deren Engagement zur Eindämmung des Einflusses bewaffneter Extremisten führen kann.

Als Beispiel nennt Haid die Terrormiliz Hai’at Tahrir al-Sham (HTS), einen Ableger von al-Qaida. Diese hat große Teile der nordwestsyrischen Provinz Idlib, seiner Heimat, unter ihre Kontrolle bringen können. In seiner Untersuchung geht er der Frage nach, warum es in diesen Städten zu Protesten der Zivilbevölkerung kommen konnte, anderswo jedoch kaum bis gar nicht. Welche Rolle kommt der Zivilgesellschaft bei der Abwehr radikal-islamistischer Übernahmeversuche zu? Und welche Art Unterstützung benötigen zivile Akteure, um sich vor Ort fundamentalistischen Milizen entgegenzustellen.

Die Miliz soll erkennen, dass sie die Bevölkerung nicht kontrollieren kann

Haid sieht seine Studie als erste Erkundung. Sie solle eine neue Perspektive eröffnen, die die Rolle lokaler ziviler und zivilgesellschaftlicher Akteure berücksichtigt. Seine Untersuchungen zielen besonders auf die Strategien der Zivilbevölkerung, gewaltfreien Widerstand zu demonstrieren, denn: Die lokale Bevölkerung hat entscheidenden Einfluss darauf, ob eine Miliz wie HTS vor Ort erstarken kann oder nicht.

Haid hat drei zentrale Taktiken beobachtet. Der populärste Weg scheint die Organisation von Demonstrationen und öffentlichen Veranstaltungen zu sein. Oberstes Ziel ist es dabei, der Miliz zu zeigen, dass sie die lokale Bevölkerung nicht kontrollieren kann. Darüber hinaus ist der visuelle Widerstand ein oft verwendetes Instrument der zivilen Aktivisten, welches sich in einem regelrechten Bilderkampf im öffentlichen Raum ausdrückt. Logos, Fahnen, Slogans und Graffiti – wurden bereits von der HTS wie auch vom IS sowie anderen Terrororganisationen verwendet, um ihrer territorialen Überlegenheit Ausdruck zu verleihen. Sie dienen allerdings ebenso andersherum als nützliche Taktik. „Unterschätze niemals die Bedeutung von Symbolen. Sie strahlen Macht aus. Wenn du an einem Ort überall nur ein einziges Logo siehst, nimmst du unterbewusst an, dort habe jene Gruppe die Vorherrschaft“, so Haid. Als dritte Strategie habe sich Satire als nützliches Werkzeug im gewaltfreien Widerstand gegen die HTS gezeigt. Mit ihr werden Autoritäten untergraben und damit auch die Angst vor den Besetzern genommen. „Humor ist eine mächtige Waffe. Radikale Gruppen und Diktatoren üben ihre Herrschaft durch Angst aus. Aber wir können die Barriere der Angst überwinden, indem wir uns über sie lustig machen. Das ist ein sehr einfaches Mittel – Menschen haben keine Angst vor etwas, über das sie sich lustig machen können“, sagt Haid, der für die Böll-Stiftung in Beirut gearbeitet hat.

 Funktionierende Verwaltungen sind unerlässlich

Gemein ist allen Strategien der Einsatz sozialer Medien. Die schnelle Verbreitung von Informationen über geographische Grenzen hinweg ist dabei extrem wertvoll und ermöglicht den virtuellen Einsatz der Aktivisten, die sich dafür nicht einmal kennen müssen. Sicherheitsrisiken, unterschiedliche Prioritäten, weltanschauliche Differenzen oder der geballte Pessimismus nach jahrelangem Bürgerkrieg: All das können Ursachen für das Nichtzustandekommen einer einheitlichen Strategie gegen die HTS sein. Dass die jeweiligen Strategien in manchen Gegenden besser funktionieren als in anderen, liegt größtenteils an den ansässigen Regierungen. Funktionieren diese - stellen sie also Dienstleistungen zur Verfügung und bemühen sich um eine enge Verbindung zur Zivilgesellschaft - steigert das ihre Chancen, sich der Einflussnahme der HTS entgegenzustellen.

„Wenn zivile Selbstverwaltung funktioniert, ist die lokale Gesellschaft ein Stück weit immun gegen den Einfluss radikaler Kräfte. Wenn sich Extremisten dort, wo das Assad-Regime die Kontrolle verloren hat, nicht mit öffentlichen Dienstleistungen Sympathien erkaufen können, fällt es ihnen schwerer, ihre radikale Ideologie zu verbreiten“, fasst Haid ein zentrales Ergebnis seiner Untersuchung zusammen.

Die Organisation unterstützt 28 Projekte

Nach Jahren des Krieges, des Terrors und des Sterbens, scheint der zivilgesellschaftliche Widerstand angesichts mangelnder militärischer Optionen die bestmögliche Alternative. Aktuell werden insgesamt 28 Projekte der syrischen Zivilgesellschaft von Adopt a Revolution unterstützt. Deren Geschäftsführerin Christin Lüttich sagt: "Was zivile Aktivistinnen und Aktivisten in Syrien leisten ist ein Antiterroreinsatz ohne Waffen. Wollen wir das Land nicht der Gewalt des Assad-Regimes und radikaler Extremisten überlassen, ist es dringend geboten, zivilgesellschaftliche Strukturen zu stärken“. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass ziviler Widerstand alleine radikale Milizen wie die HTS stoppen kann, sind die bisherigen Erfolge der syrischen Zivilgesellschaft umso bemerkenswerter.

 

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