Pegida-Kundgebung im März 2015 in Dresden Foto: Jan Woitas/dpap

Strategien von AfD, Pegida & Co. "Wir sind das Volk" - auch im Netz

Von Noura Maan, Fabian Schmid84 Kommentare

Wie AfD, Pegida & Co. soziale Netzwerke und rechte Blogs für ihre Propaganda nutzen - ein Auszug aus dem Buch "Unter Sachsen".

Deutsch-österreichische Wechselwirkungen

Die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry und FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache im März 2017 bei einer AfD-Veranstaltung im bayerischen Osterhofen Foto: Armin Weigel/dpap

Auch die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache, Chef der österreichischen rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), verbreitete mehrfach Falschinformationen, die häufig von den Fans der Seite geliked, kommentiert und geteilt wurden. Vergleicht man die Pegida-Facebook-Seite mit der Onlinepräsenz Straches, der die FPÖ als "wahre Pegida" in Österreich bezeichnet hatte, treten erstaunliche Parallelen zu Tage. Pegida verlinkte oft auf Strache: alleine zwischen Januar und Juni 2016 mehr als 50 Mal, während der FPÖ-Chef nur ein einziges Mal auf Pegida verwies. Genau wie Pegida verlinkt auch Strache teilweise auf klassische Medien wie die "Kronen Zeitung" – die es bei den Pegida-Quellen als einziges Medium aus Österreich in die Top 10 geschafft hat; zum anderen zitiert er auch Blogs und Portale, die abseits der klassischen Medienlandschaft stehen. Im Unterschied zu Pegida und "Epoch Times" respektive PI-News, die zwar in einem inhaltlichen, aber in keinem organisatorischen Naheverhältnis stehen, betreiben Mitarbeiter und ehemalige Abgeordnete und Mandatsträger der FPÖ eigene Nachrichtenseiten, auf die der Parteichef dann verlinkt.

Am wichtigsten ist in diesem Netzwerk die Seite unzensuriert.at, die aus dem privaten Blog des hochrangigen FPÖ-Politikers Martin Graf hervorging, der bis 2013 dritter Präsident des österreichischen Nationalrats war. Mittlerweile ist unklar, wer bei unzensuriert.at mitarbeitet. Das Unternehmen hinter der Seite wird von einem Verein betrieben, 49 Prozent der Anteile gehören dem rechtsgerichteten Ares-Verlag, der laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) rechtsextreme und teils antisemitische Schriften verlegt. Auf Anfrage heißt es bei unzensuriert.at,die Mitarbeiter würden "aus Datenschutzgründen" nicht genannt werden. Der Geschäftsführer des Verlags hinter der Seite unzensuriert.at ist als Referent im FPÖ-Parlamentsklub beschäftigt. Der ehemalige Chefredakteur der Seite arbeitet mittlerweile als Leiter der FPÖ-Kommunikationsabteilung.

Die von Pegida bekannten Attacken gegen Journalisten und das angebliche System der "Lügenpresse" werden auch von unzensuriert.at betrieben. Da überrascht es wenig, dass die Pegida-Facebook-Seite ebenfalls auf unzensuriert.at verlinkt. Im September 2016 wurde das Portal vom Nachrichtenmagazin "Profil" verklagt, weil unzensuriert.at-User in Kommentaren forderten, eine "Profil"-Redakteurin "in die Gaskammer zu schicken". Auch auf der Facebook-Seite von Pegida gab es wiederholt Drohungen gegen Journalisten und Journalistinnen, die keineswegs virtuell blieben. Einige der Betroffenen sind am Rand von Pegida-Veranstaltungen beschimpft und attackiert worden. 

Rechtspopulisten als ökonomischer Faktor

Für Aufregung sorgte in Österreich ein Interview mit Richard Schmitt, Chefredakteur des Onlineportals der größten Boulevardzeitung des Landes, der "Kronen Zeitung". Mit mehr als 2,2 Millionen Lesern und Leserinnen ist die "Krone" die mit Abstand am weitesten verbreitete Tageszeitung Österreichs,13 ihr Online-Ableger krone.at gehört zu den meistaufgerufenen Webseiten des Landes. Deren Chefredakteur erklärte in einem Interview, dass Artikel auf www.krone.at, die von Straches Facebook-Seite geteilt werden, die Zugriffe auf die Seite der Zeitung um "das 1,5-Fache" steigern würden. Das wäre mit ein Grund, warum FPÖ-Politiker eine erhöhte Präsenz in seinem Medium hätten. Später bestritt Schmitt jedoch, Artikel extra auf die FPÖ zuzuschneiden. Der Wirbel um das Interview zeigt unter anderem, dass rechtspopulistische Bewegungen mit einer großen Anhängerschaft auf Facebook ein ökonomisch wichtiger Faktor für Medien sein können.

Ähnlich enge Verflechtungen zwischen klassischen Medienmachern und rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien gibt es auch in Bezug auf die AfD. Der ehemalige "Welt"-Mitarbeiter Günther Lachmann hat die rechtspopulistische Partei beraten, während er gleichzeitig über sie berichtete. Der frühere "Focus"-Mitarbeiter Michael Klonovsky ist nun als "Spin-Doctor" bei der AfD tätig. In beiden Fällen handelt es sich um ehemalige Redakteure jener klassischen Medien, die am häufigsten von der Pegida-Facebook-Seite verlinkt wurden. Im Übrigen zeigt sich auch in der virtuellen Welt, dass die AfD seit 2015 Pegida als Speerspitze einer nationalistischen, rechtspopulistischen Bewegung in Deutschland abgelöst hat. Mit mehr als 300.000 Facebook-Likes für die AfD-Seite und den 180.000 Fans, die allein die AfD-Chefin Frauke Petry über ihre Facebook-Seite erreicht (Stand Dezember 2016), ist die Pegida-Facebook-Seite in Bezug auf ihre Reichweite längst von der virtuellen Präsenz der AfD in den Schatten gestellt worden.

Bemerkenswert ist, dass rechtspopulistische Bewegungen trotz des Topos "Lügenpresse", die FPÖ-Chef Strache auch gerne als "Systemmedien" bezeichnet, durchaus auch traditionelle Massenmedien als Quellen heranziehen. Der Journalist Patrick Gensing analysiert in seinem Buch "Rechte Hetze im Netz", dass in rechten Facebook-Gruppen die "eigene Weltsicht durch Artikel aus etablierten Medien" belegt werden soll, allerdings nur, wenn die Inhalte mit der eigenen Meinung konform gingen. Durch die Mischung aus "alternativen" und klassischen Medien, die verlinkt werden, entstehe bei Nutzern und Nutzerinnen der Facebook-Seiten von Pegida oder AfD auf den ersten Blick der Eindruck, rechte Portale wie PI seien ebenso seriöse Quellen wie "Focus" oder "Welt". Und natürlich gewännen die Quellen auch aufgrund der Verlinkung durch Pegida, AfD oder FPÖ-Chef Strache ohnehin für deren Fans an Bedeutung. 

Monothematische Welt dank Algorithmen

Die Facebook-Präsenzen von Pegida, AfD und FPÖ unterstützen mit ihren Beiträgen die Entstehung eines abgeschlossenen Weltbildes, das keine Dissonanzen verträgt. FPÖ-Chef Strache wurde im Oktober 2016 vorgeworfen, auf Facebook sachliche Kommentare von Kritikern zu löschen, während Hasspostings lange online verblieben. Der "Futurezone" erklärte FPÖ-Kommunikationschef Alexander Höferl, Straches Facebook-Seite sei "keine Plattform für Kritiker". Medienforscher wie Oliver Quiring von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz meinen, auf diese Weise entstünden "monothematische Netzwerke", die den jeweiligen Anhängern den Eindruck vermittelten, tatsächlich in der Mehrheit zu sein. Dementsprechend skandierten Pegida-Unterstützer voller Überzeugung bei ihren "Abendspaziergängen" eben auch den Ruf "Wir sind das Volk".

Internetplattformen wie Facebook, aber auch Google und YouTube versuchen grundsätzlich, Inhalte für ihre Nutzer und Nutzerinnen zu personalisieren und das Angebot über Filter-Algorithmen zu optimieren. Man erhält und sieht also immer mehr Themen, Geschichten, Fotos, die nach Berechnungen der Plattformen zu den eigenen Interessen und Ansichten passen. Das kann als Serviceelement gesehen werden, bedient aber primär ökonomische Interessen der Konzerne, da die Nutzer und Nutzerinnen mehr Zeit mit den Services verbringen, wenn deren Inhalte für sie interessant sind. Diese Algorithmen fördern langfristig ein Auseinanderdriften der Wahrnehmung von vollständiger Realität – und hierbei sind gezielte Falschinformationen noch gar nicht miteinbezogen. Der Internetaktivist Eli Pariser, der den Begriff "Filterblase" kreiert hat, warnt vor einer "Autopropaganda", also vor einer Flut von agitierenden Meldungen, die auf das eigene Suchverhalten und somit die eigenen Interessen zugeschnitten sind.

Die Gefahr dabei sei, dass man sich aus dieser Filterblase nicht mehr hinausbewege und sich in seinem Weltbild permanent bestätigt fühle. Ein Austausch von Meinungen und Meinungsvielfalt als Normalität finde dann kaum noch statt – die virtuelle Umgebung werde damit "frei von Widerspruch" und die eigene Sichtweise radikalisiere sich zunehmend. Der Sozialforscher Cass Sunstein kam jedenfalls in einem Experiment zu dem Ergebnis, dass Diskussionen mit Gleichgesinnten zu einer Polarisierung aller Teilnehmenden führten, während sich bei Debatten mit Andersdenkenden die meisten Teilnehmer zu einer "Mitte" hin bewegten. 

Konstruierte Wirklichkeit und Radikalisierung

Die Social-Media-Strategien, die von FPÖ-Chef Strache in Österreich oder durch AfD und Pegida mit großem Erfolg in Deutschland vorangetrieben werden, lassen sich also folgendermaßen zusammenfassen:

Verlinkt werden klassische Nachrichtenseiten, wenn ihre Meldungen zur ideologischen Weltsicht der Bewegungen passen. Gleichzeitig werden Meldungen neuer, "alternativer" und meist politisch weit rechts stehender Webseiten verbreitet, die oft mit Falschinformationen hantieren. Durch die große Anzahl an Facebook-Fans, die Strache oder Pegida haben, sind diese für Medien zunehmend auch ein ökonomischer Faktor, da eine Verlinkung ihre Quoten in die Höhe treibt. Pegida und Strache schaffen für ihre Anhänger eine monothematische Welt, die keine Dissonanzen erlaubt. Das wird durch die Algorithmen der wichtigsten technischen Dienste wie Facebook begünstigt. Durch diese Faktoren erhalten Fans der Seiten das Gefühl, dass eine überwiegende Mehrzahl ihrer Mitmenschen ähnlich denke und sie eine Art "schweigende Mehrheit" seien.

Zwar gibt es momentan kaum wissenschaftliche Erkenntnisse über einen "Filterblasen"-Effekt, Forscher warnen aber davor, dass soziale Medien und Suchmaschinen weiter intensiv in diese Richtung gehen. Langfristig drohe dabei der "Kitt" verloren zu gehen, der bislang große Teile der Gesellschaft zusammengehalten hat: etwa die Verständigung auf gemeinsame Fakten oder die Bereitschaft, miteinander in einen konstruktiven Dialog zu treten. Es besteht die Gefahr, dass sich die verschiedenen Teile der Gesellschaft gar nicht mehr auf Fakten einigen können, um anhand derer politische Richtungsentscheidungen zu treffen, weil Anhänger und Anhängerinnen verschiedener politischer Richtungen – mit ihren Empörungsbewegungen und -parteien als Avantgarde – ihre Realität fast ausschließlich über die von den Algorithmen von Facebook und anderen sozialen Medien ausgewählten Meldungen konstruieren.

Da auf den untersuchten Facebook-Seiten auch mit Falschinformationen hantiert wird, entsteht eine Parallelwelt, die zur gesamtgesellschaftlichen Polarisierung beiträgt. Verschwörungstheorien erhalten massenhaft Zustimmung, da schnell andere Nutzer und Nutzerinnen entdeckt werden, die ähnlich denken. Entsprechend fraglich ist, ob und wie über politische Grundsatzentscheidungen in Zukunft diskutiert werden kann, wenn sich politisch unterschiedlich orientierte Teile der Bevölkerung nicht einmal mehr ansatzweise auf eine "Realität" und ­deren "Fakten" einigen können.

Die Autoren sind Redakteure der österreichischen Tagesszeitung "Der Standard". Ihr Text erschien in dem Sammelband "Unter Sachsen" (Ch. Links Verlag, 312 Seiten, 18 Euro), herausgegeben von der freien Journalistin Heike Kleffner und Tagesspiegel-Redakteur Matthias Meisner.

In "Unter Sachsen" beleuchten mehr als 50 Autorinnen und Autoren - darunter auch die Tagesspiegel-Redakteure Joachim Huber und Sebastian Leber - die Hintergründe der rechten Gewalttaten in Sachsen und zeigen Gegenbewegungen auf. Sind die sogenannten sächsischen Verhältnisse ein auf den Freistaat begrenztes Problem? Klaus Stuttmann hat seine besten Sachsen-Karikaturen beigesteuert.

In Berlin wird das Buch am 30. März 2017 um 19 Uhr in der Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund vorgestellt, Mohrenstraße 64. Mit dabei sind unter anderem Linken-Parteichefin Katja Kipping und der stellvertretende sächsische Ministerpräsident Martin Dulig (SPD). Aus dem Buch lesen Michael Bittner und Imran Ayata.