Nordkoreas Diktator Kim Jong Un besucht die Baustelle eines Krankenhauses in Pjöngjang. Das Regime kann sich derartige Aufbauten auch aufgrund der Devisen leisten, die nordkoreanische Zwangsarbeiter im Ausland erwirtschaften. Foto: AFPp

Sklavenähnliche Verhältnissen Zwangsarbeit mitten in Europa

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Hunderte Nordkoreaner werden in Europa unter sklavenähnlichen Verhältnissen beschäftigt – vor allem in Polen. Mit den Zwangsarbeitern exportiert die Diktatur auch ihr unmenschliches Unterdrückungssystem.

Am 29. August 2014 kam es in der Danziger Crist-Werft zu einem tragischen Unfall: Bei Schweißarbeiten entzündete eine Stichflamme die Kleidung eines Schweißers. Sein Haut verbrannte zu 95 Prozent, der Mann starb am nächsten Tag im Krankenhaus. Die Untersuchungen des Unfalls brachten zahlreiche Verletzungen des Arbeitsrechts zutage. So arbeitete der Mann ohne Aufsicht und trug einen leicht entflammbaren Stoff statt Schutzkleidung. Der eigentliche Skandal aber liegt in der Nationalität des Toten: Chon Kyongsu stammte aus Nordkorea.

Chon Kyongsu gehörte einer größeren Gruppe von nordkoreanischen Arbeitern in der Danziger Crist-Werft an, die von der Personalvermittlungsfirma Armex an die Werft vermittelt worden waren. Sie mussten sechs Tage pro Woche je zwölf Stunden arbeiten und durften nur einen sehr geringen Teil ihres Lohns behalten. Das berichten holländische Wissenschaftler. Der Tod von Chon Kyongsu bringt somit Verhältnisse ans Licht, die man angesichts der Wirtschaftssanktionen gegen die menschenverachtende Diktatur nicht für möglich gehalten hätte: Hunderte, vielleicht sogar tausende Nordkoreaner arbeiten unter sklavenähnlichen Verhältnissen in der EU.

Die Projektgruppe „Sklaven des Systems“ des Asienzentrums der Universität Leiden präsentierte in dieser Woche erste Ergebnisse einer Studie über nordkoreanische Zwangsarbeiter in Europa. Dabei stellen die Wissenschaftler unter Leitung des Nordkorea-Historikers Remco Breuker fest, dass die Zahl der Zwangsarbeiter aus Nordkorea weiter steigen könnte. „Die große Zahl von nordkoreanischen Arbeitern im Ausland legt nahe, dass der Staat ein neues ausgeklügeltes Instrument besitzt in seinem Kampf, seine Wirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren“, schreiben die Wissenschaftler. Nordkorea leiht seine Arbeiter inzwischen an mehr als 40 Länder aus. Laut einem UN-Bericht arbeiten weltweit rund 50 000 nordkoreanische Zwangsarbeiter, die meisten von ihnen in Asien und Afrika. Die Arbeit in der EU aber ist besonders wichtig für das nordkoreanische Regime, weil dort verhältnismäßig wenige Arbeitskräfte die höchsten Einnahmen einbringen: rund 31 800 Euro pro Arbeiter und Jahr. Insgesamt nimmt die wegen ihres Atombombenprogramms mit Sanktionen belegte Diktatur weltweit durch Zwangsarbeiter geschätzt bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr ein.

Die Arbeiter werden in Gruppen zusammengehalten und von Vorarbeitern bewacht

Mit den Zwangsarbeitern exportiert Nordkorea auch sein unmenschliches Unterdrückungssystem, berichtet die Projektgruppe „Sklaven für das System“. Die Arbeiter werden in Gruppen zusammengehalten und von Vorarbeitern bewacht, die auch ihren Lohn kassieren. Die Demokratische Volksrepublik Korea exportiere „effektiv eine in sich geschlossene Mikro-Version des Überwachungs- und Arbeitssystems der Volksrepublik in eine fremde Umgebung“, heißt es in dem Bericht.

In Nordkorea werden die Arbeiter bereits nach besonderen Kriterien ausgesucht. Dabei spielen professionelle Fähigkeiten sowie Parteizugehörigkeit und Loyalität zum Regime eine Rolle. Doch fast noch wichtiger ist laut Studie, dass die Arbeiter eine funktionierende Ehe und Kinder haben. Das Regime kalkuliert, dass mit diesem verwandtschaftlichen Pfand in der Heimat die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass ein Arbeiter im Ausland flüchtet. Dennoch laufen dem System immer wieder einzelne Arbeiter davon. Auf ihren Berichten beruht ein Teil der Studie der Leidener Wissenschaftler.

Ihre Untersuchungen der Arbeitsverhältnisse der Nordkoreaner in Polen zeigen eine „Mischform von normalen gesetzlichen Praktiken mit jenen Formen, die normalerweise mit undokumentierter illegaler Arbeit verbunden sind“. So haben viele nordkoreanische Arbeiter reguläre Arbeitsgenehmigungen für Polen erhalten. Die Behörden gaben von 2008 bis 2015 insgesamt 2783 Arbeitserlaubnisse an Nordkoreaner aus. Sie werden oftmals über verschachtelte Konstruktionen von Personalagenturen und Scheinfirmen an polnische Firmen im Schiffsbau oder auf dem Bau weitervermittelt. Viele dieser Firmen gehören hochrangigen nordkoreanischen Beamten. Diese erhalten den Lohn und schicken einen Großteil davon nach Pjöngjang. „Einzelne Arbeiter wissen nicht über die Höhe ihres Lohns Bescheid, dürfen kein Bankkonto haben und erhalten nur selten nennenswerte Barzahlungen“, schreibt die Projektgruppe. Die Mehrzahl der Nordkoreaner gilt fälschlicherweise als „Selbstständige“, was ihre rechtliche Situation weiter erschwert.

Trotz der sklavenähnlichen Bedingungen sind die Arbeitsplätze im Ausland in Nordkorea sehr begehrt. „Es ist eine bekannte Tatsache, dass in Nordkorea Bestechungsgeld gezahlt wird, damit man für einen Posten im Ausland in Betracht kommt“, heißt es in dem Bericht. Denn die Bedingungen für vergleichbare Arbeiten in Nordkorea sind offenbar noch viel schlimmer.

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