Cover des Buchs „Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens“ (Schriftenreihe des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks; Band 1, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 29,00 €) Foto: p

Leseprobe Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens

Dmitrij Belkin Eva Lezzi
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Eine Leinwand, auf die das für die Zukunft Deutschlands und Europas so wesentliche Drama der Erinnerung projiziert wird - so kündigt sich ein neuer Sammelband zur Gedenkkultur an. Eine Leseprobe.

Wie können wir heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, an den Holocaust erinnern? Inwiefern prägen spätere kulturelle Erfahrungen und historische Ereignisse dieses Erinnern? Welche Bedeutung kommt dem Holocaust in der Gegenwart zu und in welcher Weise wird das Erinnern selbst zum notwendigen Gegenstand der Reflexion? Das vorliegende Buch gibt unterschiedliche, nicht selten entgegengesetzte Antworten auf diese sowohl innerjüdisch als auch gesamtdeutsch und -europäisch gestellten, signifikanten Fragen.

Die historischen, traditions- und identitätsbildenden Merkmale eines schwer definierbaren Sammelbegriffs namens „kulturelles Gedächtnis“ und/oder „Erinnerungskultur“ werden in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung in der Regel in einem Raum zwischen „Kanon“ und „Archiv“ platziert und diskutiert. Man trifft – gesellschaftlich, akademisch, publizistisch – eine Auswahl von Themen, Quellen und Medien, die unterschiedlich codierte Erinnerungen vor dem Vergessen bewahren sollen. Diese werden als Archiv gespeichert und als Kanon öffentlich kommuniziert. Doch was, wenn in der Bundesrepublik heute weder ein „Kanon“ noch ein aktuelles „Archiv“ der Erinnerung eindeutige und problemlos nachvollziehbare Antworten liefern können? Was, wenn sowohl der „Kanon“ als auch das „Archiv“ in der heutigen jüdischen Gemeinschaft Deutschlands in einer ständigen, intensiven, auch inneren, Bewegung sind, bei der scheinbare Konstanten auf unterschiedliche Weise hinterfragt werden? Auch in nichtjüdischen Kreisen zerfällt der Konsens über Richtung und Aufgabe des Erinnerns an den Holocaust zusehends. Dabei ist die kürzlich von rechts außen eingeforderte radikale Überwindung „unserer dämlichen Bewältigungspolitik“ nur ein Symptom des Offensichtlichen: Es rumort in der Mehrheitsgesellschaft, in der (nicht nur bei radikalen Nationalisten) eine Auseinandersetzung mit der Schoa nicht mehr notwendig oder selbstverständlich scheint.

Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen Auseinandersetzungen und Veränderungen in der jüdischen Gemeinschaft. Was, wenn diese Veränderungen zwar deutlich wahrzunehmen sind, jedoch in vieler Hinsicht diffus bleiben und nur schwer verbalisiert, geschweige denn systematisch strukturiert werden können? Unsere Antwort lautet: Dann experimentiert man, und man riskiert auch etwas, indem man einen Sammelband wie den vorliegenden macht.

Zu einer zentralen Prämisse unseres Vorhabens wurde die Gewissheit, dass die Pluralisierung innerjüdischer Diskurse in Deutschland in den letzten Jahren zu tektonischen Verschiebungen führt und mit einer erheblichen Pluralisierung der Erinnerungen in der aktuellen deutschen Einwanderungsgesellschaft zusammenhängt. Wir fragen die Leserschaft und uns selbst mit dem Titel des Bandes: Kann man von tradierten Kollektiverinnerungen sprechen, nachdem sich die jüdische Gemeinschaft seit 1990 durch die Einwanderung von ca. einer Viertelmillion Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, der sogenannten Kontingentflüchtlinge (1990–2005), aber auch von Israelis, radikal verändert, ja erneuert hat? Steht dieser neuen Gemeinschaft eine längst gefestigte Erinnerungskultur der bundesrepublikanischen Juden, der sogenannten Alteingesessenen, gegenüber? Ist es wahr, dass sich die alten und neuen Diskurse kaum berühren und in jeweils hermetisch abgeriegelten Räumen verhandelt werden, wie es in den 1990er Jahren nicht Wenigen erschien? Gelten heute nach wie vor Dualität und Dissens zwischen den Erinnerungskulturen der „Sieger“ des Zweiten Weltkriegs und ihrer (Enkel-)Kinder (der für einen Teil der jüdischen Einwanderer ein „Großer Vaterländischer Krieg“ war) und der „Opfer“ des Holocaust, die nach 1945 in bundesrepublikanischen DP-Lagern strandeten oder in den unmittelbaren Nachkriegsjahren gezielt in die BRD und die DDR, das erhoffte „bessere“ Deutschland, zurückkehrten? Welche Erinnerungen tragen die Kinder und Enkelkinder dieser unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in sich, welche sind in welcher Öffentlichkeit vertreten? Die Antworten im vorliegenden Band fallen unterschiedlich aus, wobei in fast allen Beiträgen Aspekte der biografischen und diskursiven Überlagerung unterschiedlicher Erinnerungskulturen deutlich werden. Gerade diese Verflechtung von Erinnerungsnarrativen, die Zwischentöne und Abweichungen, haben uns als Herausgeber_innen in den letzten Jahren intensiv beschäftigt. Sie sind das eigentlich neue, das es hier zu entdecken und epistemologisch zu begleiten gilt.

Den Sommer 1920 verbrachten der Dichter Wjatscheslaw Iwanow und der Literaturwissenschaftler Michail Gerschenson in einem Sanatorium „für erschöpfte Geistesarbeiter“ bei Moskau, wo sie sich ein Zimmer teilen mussten. Das war für die beiden Denker alles andere als einfach, doch es war notwendig im immer enger werdenden sowjetischen Alltag. Die Intellektuellen, die einander durchaus ertragen konnten (keine Selbstverständlichkeit, damals wie heute), entschlossen sich zu einem Briefwechsel aus zwei Zimmerecken. Zwölf Briefe über die russische und die Weltkultur sowie über die Tagespolitik (die Revolution von 1917) entstanden.

Unsere Ausgangslage war eine radikal andere und doch ähnliche: Wir sprachen unendlich viel aus „zwei Zimmerecken“ und brachten am Ende ein intellektuelles und kulturpolitisches Miteinander um das Thema „Jüdisches Erinnern heute“ zustande, das allein schon aufgrund der „west-östlichen“ Büro-Dialogizität neu ist. Eine jüdische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin aus der Schweiz, in den späten 1980er Jahren zum Studium nach West-Berlin gekommen, und ein in den 1990er Jahren eingewanderter postsowjetischer Historiker und Kurator sprachen und stritten (meist sachlich) über Möglichkeiten und Optionen einer (Nicht-)Begegnung im heutigen jüdischen Erinnern. Nicht nur unsere Herkünfte sind unterschiedlich, sondern maßgeblich auch unser Mitwirken am Erinnerungsdiskus in Deutschland während der letzten Jahrzehnte. Dies führte auch in der gemeinsamen Arbeit zu anderen Perspektiven. Eine der zentralen Fragen unserer Auseinandersetzung lautete: Muss einerseits die Dualität zwischen „Alteingesessenen“ und „Zugewanderten“ nicht fast zwangsläufig in ein neues Masternarrativ münden, um den postsowjetischen Perspektiven, die im westlichen Erinnerungsdiskurs stets marginalisiert wurden, das notwendige Maß an Sichtbarkeit zu verschaffen? Diese Frage ist insofern wichtig, als in den jüdischen Gemeinschaften Deutschlands Identitäts- und Erinnerungspolitik einander nicht selten wechselseitig bedingen und durchaus hegemonialen – oder zumindest kanonischen – Charakter haben können. Andererseits stellt sich die nicht minder brisante Frage, ob ein solches Masternarrativ genug Raum lässt für je interne Differenzierungen der Erinnerungskulturen und für Verschiebungen, die – nicht zuletzt aufgrund des mehrfachen Generationenwechsels – längst stattgefunden haben, aber bisher kaum reflektiert wurden. Die Schwierigkeit dabei besteht in der Überlagerung von Diskursen, Erinnerungsaufgaben und Zeiträumen. Wie hängen einerseits die in ihrem Facettenreichtum noch nicht erzählte Geschichte der jüdisch-russischen Einwanderung und die bundesrepublikanisch verordnete Erinnerungspolitik hinsichtlich des Holocaust zusammen? Und wie berücksichtigen wir andererseits die Ausdifferenzierung subjektiver Erinnerungen an die Schoa, die in der Bundesrepublik überhaupt erst seit Anfang der 1990er Jahre etwa in Oral-History-Projekten wie dem Archiv der Erinnerung stattgefunden hat und auch Gruppen Gehör verschaffte, die bis dato aus dem offiziellen Erinnerungskanon ausgeschlossen waren – einem Kanon, der sich nach der sogenannten Wiedervereinigung ohnehin neu formieren musste?

Dan Diner artikulierte 2009 bei der Frankfurter Konferenz im Vorfeld der Ausstellung "Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik" folgende These: „Mit der Zuwanderung der Juden aus der vormaligen Sowjetunion ist die Geschichte der bundesrepublikanischen Juden an ihr Ende gelangt“. Welche Geschichte (im Singular), welche imaginäre Gemeinschaft gelangt hier zu ihrem Ende? Geht es im Kontext von diversen Migrationsgeschichten, beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Erinnerungskollektive, nicht weit eher für beide (oder mehrere!) Teile um neu entstehende hybride Zeiträume der Identität und des Gedenkens? Diese Frage stellt sich heute sicherlich noch deutlicher als vor sieben Jahren, als das Innovative und das Politische des Frankfurter Vorhabens tatsächlich vor allem in der Sichtbarmachung der jüdisch-deutsch-postsowjetischen Lebenswelten und ihrer (Nicht-)Begegnungen mit der Bundesrepublik bestand.

Wie und ob die „Pluralität“ der Erinnerungen innerhalb der heutigen jüdischen Gemeinschaft funktionieren kann, fragen im vorliegenden Buch unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der jungen jüdischen Generation, die im beschriebenen Sinne unterschiedlichen, häufig jedoch durch Migration geprägten Milieus angehören. Sie alle nehmen die kulturelle und politische Realität sowie die Erinnerungsdebatten der letzten Jahre zum Ausgangspunkt ihrer interdisziplinären Betrachtungen, die sowohl medienanalytische wie künstlerische, soziologische wie religiöse Aspekte umfassen. Die Generation der unmittelbar vor oder nach der Wiedervereinigung Geborenen bzw. Aufgewachsenen spricht hier – und sie erinnert sich. Die teilweise sehr persönlich geschriebenen, teilweise scharf reflektierenden Beiträge dieser Autor_innen treffen auf Essays von Vertreter_innen anderer Generationen, auf Analysen von lange etablierten Wissenschaftler_innen und politischen Akteur_innen. Solche Begegnungen fanden in den letzten Jahren im Kontext einer thematischen Kolleg-Reihe des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks wurden im Rahmen der von uns ausgerichteten internationalen Konferenz "Aufbruch? Jüdische Erinnerungen heute" (2015) reflektiert. Der vorliegende Band überantwortet manche der Beiträge und Diskussionen jener Tagung, um zahlreiche Essays ergänzt, einer größeren Öffentlichkeit und bleibt dabei dem Modus von persönlicher Auseinandersetzung und wechselseitiger Begegnung über einzelne Erinnerungskulturen hinweg treu. Dies ist sein Alleinstellungsmerkmal. Wir als Herausgeber_innen – Dmitrij Belkin, Lara Hensch und Eva Lezzi – haben diese Begegnungen zwar bewusst nicht gesteuert, jedoch gerne moderiert und begleitet.

Diese Leseprobe ist unter dem Titel „Dialog aus zwei Zimmerecken. Rück- und Ausblick“ als Einleitung des von Dmitrij Belkin, Lara Hensch und Eva Lezzi herausgegebenen Buchs „Neues Judentum – altes Erinnern? Zeiträume des Gedenkens“ (Schriftenreihe des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks; Band 1, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 29,00 €) erschienen. Inhaltsverzeichnis und Klappentext finden Sie hier.

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