Jan Six, Rembrandt Harmensz. van Rijn, 1647. Rijksmuseum Amsterdam .   Foto: Rijksmuseum Amsterdamp

Geschichte einer Amsterdamer Dynastie Die Familie Six: Steinreich in Amsterdam

Rolf Brockschmidt
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Geert Mak erzählt den Aufstieg der Familie Six über 400 Jahre als Geschichte der bürgerlichen Niederlande.

Sie waren Migranten, flohen vor Verfolgung aus ihrer Heimat und suchten in Amsterdam einen neuen Anfang wie so viele ihrer protestantischen Glaubensbrüder im 16. Jahrhundert, als der Aufstand gegen das katholische Spanien in den Niederlanden ausbrach. Tausende suchten ihr Heil im Norden, in Amsterdam, wo sie sich niederließen und auf ein besseres Leben hofften. Was im 16. und 17. Jahrhundert geschah, gehört heute zur DNA der Niederlande, die Aufnahme von Flüchtlingen, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und wirtschaftlicher Erfolg durch Innovation.

Es ist gut, sich der Anfänge dieser Tradition zu vergewissern, auch wenn sie heute von vielen nicht mehr so gesehen wird. Geert Maks Buch „Die vielen Leben des Jan Six. Geschichte einer Amsterdamer Dynastie“ erinnert auch an diese Tradition. Den Six’ gelang es, als geflüchtete calvinistische Tuchmacher- und Färberfamilie aus Saint-Omer in Französisch-Flandern innerhalb kürzester Zeit in die höchsten Kreise Amsterdams aufzusteigen. Migranten haben erheblich zum wirtschaftlichen Erfolg der Stadt und der Republik der Vereinigten Niederlande beigetragen – einer Großmacht im 17. Jahrhundert. Den prominentesten Vertreter Jan Six (1618–1700) kennt man dank des wunderbaren Porträts, das sein Freund Rembrandt 1654 von ihm geschaffen hat.

Ein wenig verträumt schaut er aus dem Halbdunkel auf den Betrachter, in der Hand ein Paar Handschuhe. Auffällig der rote Umhang, die Farbe, die sich so deutlich vom Schwarz in den Regentenporträts des 16. Jahrhunderts unterscheidet. Man bekennt Farbe als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins.

Es spricht für die Familie Six und ihr Selbstverständnis, dass dieses Gemälde sich wie viele andere große Meister noch immer in ihrem Besitz im noblen Haus an der Amstel befindet. Die Sammlung der kunstsinnigen Familie ist ein Museum für sich, sie hüten und bewahren all das, was mit dem Aufstieg ihrer Familie in die höchsten Kreise Amsterdams zu tun hat. Und auch der zehnte Jan Six, der Geert Mak eingeladen hat, das Haus, seine Schriften und Objekte zu erforschen, sieht sich ganz in dieser Tradition.

Grabmonument für Jan Six von Pieter van den Berge, 1700 - 1702. Radierung aus dem Besitz des Rijksmuseum Amsterdam lFoto: Rijksmuseum Amsterdamp

Geert Mak kehrt mit diesem Buch zu seinen Anfängen zurück, „Amsterdam – Biographie einer Stadt“ (1997) widmete sich den einfachen Bewohnern, und „Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa“ (1999) beschreibt die Veränderung der Landschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Industrialisierung, ebenso seine Hommage "Das Jahrhundert meines Vaters" (2014). Herausragend sind seine beiden dicken Reisebücher, angefangen mit „In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“, dem 2013 „Amerika! – Auf der Suche nach dem Land der unbekannten Möglichkeiten“ folgte. Darin erwies sich Mak einmal mehr als der genaue Beobachter des Alltags, der es versteht, persönliche Erlebnisse und Beobachtungen mit der „großen“ Geschichte zu verknüpfen.

In seinem neuen Buch wendet er sich nun der Elite der Hauptstadt zu. Drei Jahre lang durfte er im Hause Six stöbern und schauen. Ausgehend von interessanten Objekten beschreibt er die Familienmitglieder als Kinder ihrer Zeit. Dabei sind ihm die Objekte und Briefe, die er in dem großen Haus findet, die haptischen Brücken in die Vergangenheit.

Weit mehr als die Hälfte des Buches ist Jan Six gewidmet, er ist gewiss der Interessanteste aus der Dynastie, lässt sich doch an ihm der Aufstieg Amsterdams zur führenden Metropole des 17. Jahrhunderts nachvollziehen. „Ich habe mich oft gefragt, wie die Familie Six innerhalb von zwei Generationen einen solchen Reichtum anhäufen konnte. Alles deutet darauf hin, dass sie bei ihrer Emigration genug Kapital mitnehmen konnten, um in Amsterdam sogleich ein paar ordentliche Investitionen tätigen zu können“, schreibt Mak und stellt fest, dass sie darin nicht die einzige war. Auch die Familie Tulp, in die Six einheiraten sollte, kam schnell zu großem Reichtum.

„Das Amsterdam des Goldenen Jahrhunderts war, genau betrachtet, eine einzige große Geldmaschine. Die Amsterdamer Kaufleute entwickelten ein Bankprodukt nach dem anderen – selbst den Leerverkauf von Aktien, eine der Ursachen der Bankenkrise des Jahres 2008, hatten sie bereits erfunden“, schreibt Mak und stellt fest: „Aber es war eine nützliche Maschine, eine Maschine, die Ränge und Stände durchbrach und die auch dem Enkel eines Schiffers aus Dordrecht die Chance bot, steinreich zu werden.“

Geert Mak ging drei Jahre lang ein und aus im Hause Six, um sein Buch über die Familie zu schreiben. Foto: Fjodor C. Buisp

Amsterdam ist für Mak im 17. Jahrhundert eine junge Stadt, die teils noch dem Mittelalter verhaftet ist, auf der anderen Seite aber durch Innovation und Handel einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der sich vor allem durch ständiges Verhandeln in Hinterzimmern und Besetzen wichtiger Posten mit Familienmitgliedern vollzog. Dieses Geflecht von Beziehungen, das Vertrauen auf Gleichgesinnte ohne zentrale Macht, ermöglichte den Aufstieg der Republik.

Jan Six war ebenso wie sein Schwiegervater Tulp mehrmals Bürgermeister von Amsterdam. Er war befreundet mit Malern wie Rembrandt oder Schriftstellern wie Joost van den Vondel, er verkehrte mit den größten Wissenschaftlern seiner Zeit.

Geert Mak widmet den folgenden Mitgliedern der Familie deutlich weniger Raum, was aber auch an der Quellenlage und der historischen Bedeutung liegt. An Jan Six II. lässt sich wunderbar studieren, wie die Erbengeneration nur darauf bedacht ist, das Geld zu investieren und zu vermehren, auch außerhalb der Stadt Amsterdam auf dem Land. Damit wurde der Beginn des Exports landwirtschaftlicher Produkte eingeleitet. In der Familie finden sich immer wieder kunstinteressierte Mitglieder, Kunsthistoriker und Wissenschaftler. Erst 1927 übte der erste Six einen bürgerlichen Beruf aus, er arbeitete als Führungskraft in der Amstel-Brauerei.

Geert Mak spiegelt die Geschichte Amsterdams in einer der angesehensten Familien der Stadt über 400 Jahre. Foto: Siedler Verlagp

Die Kapitel sind nicht streng chronologisch geordnet, Mak springt immer wieder in der Zeit, denkt über Bilder und Gegenstände nach, die die Familie besessen hat. Es ist daher kein streng wissenschaftliches Buch trotz kommentierter Bibliografie, sondern eine schön zu lesende Familiengeschichte für ein breites kultur- und geschichtsinteressiertes Publikum. Die Six’ sind für Mak – das zeigt dieses Buch eindrücklich – vor allem Kunstliebhaber und Sammler, „sie setzen sich seit Generationen für die Erhaltung von Baudenkmälern und für das Kulturerbe ihres Landes ein“ – bis auf den heutigen Tag.


Geert Mak: Die vielen Leben des Jan Six. Geschichte einer Amsterdamer Dynastie. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens und Andreas Ecke. Siedler, München 2016. 510 S., 26,99 €.

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