Stimmauszählung nach der Parlamentswahl in Frankreich. Foto: AFP
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Parlamentswahl in Frankreich Lieber zum Strand als in die Wahlkabine

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Bei der Parlamentswahl in Frankreich liegt der Anteil der Nichtwähler bei über 57 Prozent - so viel wie noch nie.

Als die Gegner des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Sonntagmorgen auf die Wetterkarte schauten, da ahnten sie schon, dass der Tag für sie schlecht enden könnte. Überall im Land war strahlender Sonnenschein vorhergesagt. Damit drohten viele Franzosen wie schon in der ersten Runde der Parlamentswahl eine Woche zuvor den Strand oder den Ausflug aufs Land der Wahlkabine vorzuziehen. So kam es dann auch. Am Mittag vermeldete das Innenministerium eine Wahlbeteiligung von gerade einmal 17,75 Prozent, und auch um 17 Uhr waren es nur 35,3 Prozent. Am Ende wurde bei der zweiten Runde der Parlamentswahl ein Anteil der Nichtwähler von mehr als 57 Prozent erwartet – so viele wie noch nie in der jüngeren französischen Geschichte.

Schon beim ersten Wahlgang hatte der Anteil der Nichtwähler bei 51 Prozent gelegen, was zu diesem Zeitpunkt einen Rekord in der Geschichte der seit 1958 bestehenden Fünften Republik bedeutete.

In der zweiten Runde war es aber nicht nur das schöne Wetter, das die Franzosen vom Wählen abhielt. Angesichts der überwältigenden Parlamentsmehrheit der Partei von Staatspräsident Emmanuel Macron, „La République en Marche“ (LREM), die sich schon im ersten Wahlgang abgezeichnet hatte, hielten viele Wähler das Rennen offenbar schon für gelaufen. Da half auch der Appell der Macron-Gegner nichts mehr, einen Durchmarsch von dessen Partei zu verhindern.

Frankreichs Präsident gab am Sonntagvormittag seine Stimme im nordfranzösischen Badeort Le Touquet ab, wo die Macrons eine Villa besitzen. Anschließend begab er sich zu einer Zeremonie in der alten Festungsanlage Mont Valérien in der Nähe von Paris, wo an den Jahrestag des 18. Juni 1940 erinnert wurde. An jenem Tag hatte General de Gaulle von London aus in einer berühmten Rede über den Sender BBC zum Widerstand gegen die Nazis aufgerufen.

Ex-Premier Valls setzt sich durch

Betont entspannt war am Vormittag der frühere Regierungschef Manuel Valls ins Wahllokal seines Wahlkreises im Département Essonne in der Nähe von Paris geschlendert. Die Präsidenten-Partei LREM hatte dort darauf verzichtet, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Deshalb wurde die zweite Runde zum Duell zwischen Valls und Farida Amrani, der Kandidatin der Bewegung des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon, „La France insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“). Am späten Abend erklärte Valls, er sei mit einem Stimmenvorsprung von 139 gewählt worden. Der Ex-Regierungschef, der die Sozialisten angesichts ihres schlechten Abschneidens bei der Präsidentschaftswahl für politisch tot erklärt hatte, trat bei der Parlamentswahl ohne ein Parteietikett an. Zuvor war sein Versuch, als Kandidat von „La République en Marche“ anzutreten, im Lager von Macron abgeschmettert worden.

Konservative müssen bangen

Einen Rückschlag mussten die konservativen Republikaner im zweiten Wahlkreis von Paris befürchten, wo Nathalie Kosciusko-Morizet gegen den LREM- Kandidaten Gilles Le Gendre antrat. Kosciusko-Morizet, die zum liberalen Parteiflügel der Republikaner gehört, gilt als Hoffnungsträgerin der Partei. In der vergangenen Woche war die 44-Jährige während des Wahlkampfs auf einem Pariser Wochenmarkt attackiert worden und hatte vorübergehend das Bewusstsein verloren.

Mélenchon gewinnt seinen Wahlkreis in Marseille

Spannung versprach auch ein Duell im zweiten Wahlgang in Marseille, wo Mélenchon in seinem Wahlkreis in der ersten Runde das beste Ergebnis erzielt hatte. Seine Konkurrentin in der zweiten Runde, die LREM-Politikerin Corinne Versini, spekulierte im zweiten Wahlgang auf die Stimmen aus dem konservativen Lager. Dennoch hatte Mélenchon in der zweiten Runde mit einem Stimmenanteil von 60 Prozent die Nase vorn.

Wohnungsbauminister Ferrand setzt sich in seinem Wahlkreis durch

Aufatmen konnten jene Minister aus dem Kabinett von Regierungschef Edouard Philippe, die sich dem Wählervotum gestellt hatten. Zu ihnen gehört Wohnungsbauminister Richard Ferrand, der wegen eines Immobiliengeschäfts in der Kritik stand. Trotz der Affäre setzte sich Ferrand in seinem Wahlkreis in der Bretagne gegen die konservative Kandidatin der Republikaner, Gaelle Nicolas, durch.

Der erwartete Durchmarsch von Macrons LREM-Kandidaten hatte in der vergangenen Woche die Debatte um eine Änderung des Wahlsystems neu belebt. Wegen des Mehrheitswahlrechts fällt in der Regel in der Nationalversammlung eine große Mehrheit jener Partei zu, die in den Wahlkreisen – möglicherweise nur knapp – vorn liegt. Premierminister Edouard Philippe hatte im Sender „France Info“ erklärt, „eine Dosis des Verhältniswahlrechts in der Nationalversammlung“ sei nützlich. Näheres Details nannte er dazu aber nicht. Ähnlich hatte sich auch Macron im Präsidentschaftswahlkampf geäußert. Allerdings hat er bislang noch nicht präzisiert, wie viele der 577 Abgeordneten künftig nach dem Verhältniswahlrecht gewählt werden könnten.

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