US-Militärbasis Guam im Pazifik. Foto: Jeff Landis/US Navy/AFP
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Nordkorea gegen USA Nordkorea sollte "sehr, sehr nervös" sein

Philipp Schaffranek
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Nordkorea und die USA drohen sich weiterhin. Die Unsicherheit nimmt zu. Wie ist die militärische Lage in Fernost? Ein Überblick.

Nordkorea hat seine Drohung mit einem Angriff auf die US-Pazifikinsel Guam konkretisiert und damit die Verunsicherung weltweit erhöht. Bis Mitte August solle der Einsatzplan stehen, um vier Mittelstreckenraketen über Japan hinweg auf Guam abzufeuern, meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Donnerstag. Die Raketen sollten 30 bis 40 Kilometer vor Guam im Meer niedergehen. Experten in Südkorea warnten, die USA würden jeden Raketenabschuss in Richtung ihres Hoheitsgebietes als Provokation werten, selbst wenn Nordkorea den Start nur als Test deklarieren würde.

Die nordkoreanische Nachrichtenagentur meldete, der Plan werde Staatschef Kim Jong Un vorgelegt, der dann über das weitere Vorgehen entscheide. Die Mittelstreckenraketen würden Japan überfliegen und „nach 3.356 Kilometern und 1.065 Sekunden Flugzeit 30 bis 40 Kilometer vor Guam ins Meer stürzen“.

US-Präsident Donald Trump will den Druck auf Nordkorea weiter erhöhen: Seine Warnung an die Regierung in Pjöngjang sei "vielleicht nicht hart genug" gewesen, sagte er am Donnerstag vor Reportern auf seiner Golfanlage in Bedminster im US-Bundesstaat New Jersey. An der Seite von Vizepräsident Mike Pence sagte er: "Nordkorea sollte sich lieber zusammenreißen, sonst wird es Ärger kriegen wie nur wenige Staaten zuvor." Pjöngjang sollte "sehr, sehr nervös" sein, selbst wenn es nur über einen Angriff auf die USA oder ihre Verbündeten nachdenke.

Verteidigungsminister Mattis um Entschärfung bemüht

Am Dienstag hatte er gesagt, er werde im Atomstreit mit Nordkorea mit "Feuer und Wut" auf Provokationen reagieren. Trump rief China erneut auf, Nordkorea zum Ende seines Nuklearprogramms zu drängen: "Ich denke, China kann sehr viel mehr tun." Zuvor hatte er in einer Twitterbotschaft erklärt, seine erste Amtshandlung als Präsident sei gewesen, das Nukleararsenal des Landes zu modernisieren. Das Potenzial der US-Atomwaffen sei nun stärker als je zuvor.

Im Gegensatz zu Trump war US-Verteidigungsminister Mattis am Donnerstag offenbar um eine Entschärfung der Auseinandersetzung bemüht. Ein Krieg mit Nordkorea wäre "katastrophal", sagte der Pentagon-Chef. Er setze weiter auf Diplomatie. Es seien bereits "diplomatische Ergebnisse" zu sehen und diesen Weg wolle er fortsetzen.
Nordkoreas wichtigster Verbündeter China rief ebenfalls zur Zurückhaltung auf. Die Europäische Union hat ihre Sanktionen gegen Nordkorea ausgeweitet und Einreiseverbote und Vermögenssperren gegen 13 weitere Verantwortliche und Organisationen wie etwa die nordkoreanische Staatsbank Foreign Trade Bank (FTB) verhängt. Aus Furcht vor einem Konflikt gaben die Aktienmärkte den dritten Tag in Folge nach.

Eric Ballbach, Direktor der Forschungsabteilung „Nordkorea und Internationale Sicherheit“ am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin, glaubt nicht an eine militärische Eskalation. Es würde „eine der wirtschaftlich dynamischsten Weltregionen getroffen, in der neben den Interessen Südkoreas, Chinas und Japans auch die der USA betroffen sind, die Folgen für die Weltwirtschaft wären dramatisch“, sagte Ballbach dem Tagesspiegel.

Wie stark ist das US-Atomwaffenarsenal?

Auch hier hat Trumps Darstellung mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Am Tag der Amtseinführung hatte er behauptet, seine erste Handlung sei ein Dekret, um Obamacare, die Gesundheitsreform seines Vorgängers, rückgängig zu machen. Bei anderen Gelegenheiten nannte er den Muslim-Bann oder den Auftrag zum Mauerbau an der Grenze zu Mexiko als angeblich erste Amtshandlung. Tatsächlich hat Trump in seinem ersten „National Security Memorandum“ eine Woche nach Amtsantritt eine Prüfung angeordnet, ob das Atomarsenal der Modernisierung bedarf.

Diese „Nuclear Posture Review“ ist Routine für jeden neuen Präsidenten. Trump hat bisher keine Änderungen an den US-Atomwaffen vorgenommen, sagt Daryl Kimball vom US-Verband für Rüstungskontrolle der „Washington Post“. Das Arsenal sei dasselbe, das er von Obama übernommen habe: 1.750 Atomsprengköpfe für strategische Interkontinentalraketen, U-Boote und strategische Bomber sowie etwa 180 taktische Atomwaffen, die zum Großteil in Europa stationiert seien. Obama hatte eine technische Modernisierung des Arsenals angeordnet, die nach Angaben des Kongresses 300 bis 400 Milliarden Dollar bis 2024 kostet.

Hat sich die Nordkorea-Politik von Barack Obama zu Donald Trump geändert?

Nur in der Wortwahl in der Öffentlichkeit. Obama hatte Trump drei Tage nach dessen überraschendem Wahlsieg Anfang November ins Weiße Haus eingeladen. Wie man heute weiß, war die Bedrohung durch Nordkorea eines der Hauptthemen in den 90 Minuten. Pjöngjang werde, wenn nichts geschieht, bald Langstreckenraketen mit passenden Atomsprengköpfen haben, die die USA erreichen könnten. Trump werde in seiner Amtszeit entscheiden müssen, ob er dies diplomatisch verhindern könne nach dem Vorbild des Atomdeals mit dem Iran oder ob er militärisch interveniere. Obama sah die Gefahr. Er setzte auf Verhandlungen unter Vermittlung Chinas, wäre aber notfalls auch zu einem Militärschlag bereit gewesen, da er es für nicht akzeptabel hielt, dass ein Diktator wie Kim Jong Un sich Atomwaffen verschafft. Nur hat er nicht öffentlich darüber geredet, schon gar nicht laut gedroht.

Warum droht Kim mit einem Angriff auf Guam?

Auf Guam, der südlichsten und größten Insel des Marianen-Archipels unterhalten die USA ihre wichtigste Militärbasis im Westpazifik. Guam kam 1898 in US-Besitz in Folge des Kriegs mit Spanien. Während des Zweiten Weltkriegs hielt Japan die Inselgruppe von 1941 an besetzt, die USA eroberten sie gegen Kriegsende zurück. Guam liegt 6.500 Kilometer westlich vom US-Bundesstaat Hawaii und mehr als 3.000 Kilometer südlich von Nordkorea und Japan.

Guam ist kein US-Bundesstaat, sondern ein US-Territorium. Seine 160.000 Einwohner, die zum Großteil von Südsee-Eingeborenen abstammen, leben vom Tourismus und der US-Militärpräsenz. Sie können bei der Auswahl der US-Präsidentschaftskandidaten in den Vorwahlen mitstimmen, nicht aber bei der Präsidentenwahl selbst. Sie haben einen Vertreter im US-Kongress. Das US-Militär unterhält dort Kampfflugzeuge und Bomber, eine Flottenbasis mit strategischen U-Booten und eine Raketenabwehr, die Interkontinentalraketen in der Atmosphäre abfangen soll. In normalen Zeiten sind dort 6.000 US-Soldaten stationiert. Bei Spannungen in Asien kommen weitere Einheiten hinzu.

Die Insel Guam im pazifischen Ozean ist nicht nur US-Militärbasis, sondern auch bei Touristen beliebt. Foto: Erik De Castro/Reuters
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Wie geht es den Menschen in der Region?

Guams Gouverneur Eddie Calvo gibt sich betont gelassen: „Wir sind besorgt wegen dieser Drohungen, wollen aber gleichzeitig sicherstellen, dass die Menschen nicht in Panik verfallen und ihr normales Leben weiterführen. Viel Spaß am Strand!“, sagte er. Robert Underwood, Präsident der Universität von Guam, sagt, die Menschen seien es „gewohnt, dass Guam bei Säbelrasseln in der Region als Angriffsziel genannt wird, aber sie mögen es nicht. Sie fragen: Warum müssen wir die Speerspitze sein?“ Calvo betont, Guam sei Teil der USA. Wer Guam angreife, werde behandelt, als habe er US-Kernland angegriffen.

Welche Militärposten außer Guam haben die USA noch in der Region?

Die Stützpunkte in Südkorea und Japan liegen näher an Nordkorea als Guam. In Südkorea, mit rund 24.000 US-Soldaten das drittgrößte Gastland nach Japan und Deutschland, unterhalten die USA 83 Militärbasen. Zur Ausrüstung gehören 300 Kampfpanzer, zahlreiche Kampfjets und Raketenabwehrsysteme. In Japan dienen 40.000 US-Soldaten auf 112 Stützpunkten. Die größte Einheit dort ist die 7. Flotte mit bis zu 70 Kriegsschiffen und U-Booten sowie 140 Kampfjets. Beim Einsatz dieser Einheiten müssen die USA jedoch mehr Rücksicht auf die Wünsche des Gastlandes nehmen als in Guam. Es kann die Nutzung auch untersagen.

Wie reagiert die südkoreanische Bevölkerung auf die Drohungen des Nachbarlandes?

Die Bewohner in Südkoreas Hauptstadt Seoul fühlen sich durch die Entwicklung nicht zusätzlich bedroht. „Natürlich wird wahrgenommen, was Nordkorea und die USA machen, und es gibt ein gewisses Unbehagen“, sagt Bernhard Seliger, der dort seit 18 Jahren für die Hanns-Seidel-Stiftung arbeitet. Präsident Moon Jae habe zur Beruhigung den nationalen Sicherheitsrat einberufen. „Aber die Südkoreaner sind durch die jahrzehntelangen Drohungen abgestumpft.“

In den 90er Jahren machten sie bei einer Eskalation noch Hamsterkäufe. Nun beschäftige sie der Alltag, also Baseball und die wirtschaftlichen Probleme. Seit 70 Jahren haben die Südkoreaner keinen Kontakt zum Norden. Mental sei Nordkorea sehr weit weg. Die Präsenz von 150.000 US-Bürgern, zwei Drittel davon in Seoul, wirke beruhigend. Laut Seliger glauben die Menschen, dass die USA den Konflikt nicht eskalieren lassen, solange so viele Amerikaner in Südkorea leben. Würden diese ausgeflogen, würde Panik ausbrechen. An Drohungen und Raketentests habe man sich gewöhnt.

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