Dieses Bild der US-Marine zeigt den Abschuss einer Rakete vom Zerstörer USS Porter im Mittelmeer. Foto: AFP/US Navy
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Nach mutmaßlichem Giftgaseinsatz Tote und Verletzte bei US-Angriff auf Luftwaffenbasis in Syrien

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Donald Trump schickt ein Signal an Assad und Putin: Die US-Marine hat in der Nacht zu Freitag den Armeestützpunkt Schayrat angegriffen. Russland soll informiert gewesen sein.

Mit einem Angriff auf eine Luftwaffenbasis in Syrien haben die USA in der Nacht zum Freitag erstmals massiv in den Bürgerkrieg in dem Nahost-Land eingegriffen. Präsident Donald Trump sagte, der Angriff mit mehr als 50 Marschflugkörpern des Typs Tomahawk auf die syrische Basis Schayrat sei eine Reaktion auf den Giftgasangriff auf Zivilisten im nordsyrischen Idlib vor wenigen Tagen gewesen: Das Giftgas sei von syrischen Flugzeugen abgeworfen worden, die von Schayrat gestartet seien.

Aus US-Regierungskreisen verlautete, Russland, der wichtigste Partner der syrischen Regierung, sei vor dem Angriff der Tomahawks informiert worden. Trumps Regierung betonte, es habe sich um eine einmalige Strafaktion der USA gehandelt und nicht um den Beginn eines längerfristigen US-Engagements in Syrien.

In einer kurzen Fernsehansprache nach dem Angriff nannte Trump den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad einen „Diktator“. Gleichzeitig verschärfte seine Regierung ihren Ton gegenüber Russland. Außenminister Rex Tillerson sagte, entweder sei Moskau in den Giftgasangriff der Syrer verwickelt gewesen, oder die russische Führung habe bei dem Versuch versagt, die Syrer im Zaum zu halten. Genau dies habe Moskau aber nach früheren Giftgaseinsätzen in Syrien zugesagt.

Trump hatte sehr emotional auf Bilder von den Opfern der Giftgasattacke in Idlib reagiert. Der Vorfall habe sein Bild von Assad und Syrien verändert, sagte der Präsident, der dem Syrien-Konflikt bisher keine große Aufmerksamkeit geschenkt hatte. „Ich trage nun die Verantwortung“, betonte Trump. Syrien und Russland dementierten in den vergangenen Tagen, dass das Giftgas von syrischen Militärflugzeugen stammte. Tillerson unterstrich aber in der Nacht zum Freitag, die US-Regierung sei sehr sicher, was die Beteiligung der Syrer angehe.

Russland nicht wegen "Genehmigung" kontaktiert

Die über Satellit gesteuerten Tomahawks wurden gegen 4.40 Uhr Ortszeit (3.30 Uhr MESZ) von zwei amerikanischen Kriegsschiffen im Mittelmeer abgeschossen und zielten laut Medienberichten auf Landebahnen, syrische Kampfflugzeuge, Flugzeughangars und Treibstofftanks in Schayrat. Ganz offenbar sollten die Syrer mit dem Angriff nicht nur bestraft, sondern auch gedemütigt werden.

Bei dem US-Angriff auf einen Militärflugplatz in Syrien sind nach Angaben der syrischen Armee sechs Menschen getötet worden. Es habe zudem Verletzte und großen materiellen Schaden gegeben, hieß es am Freitag in einer Erklärung der Militärführung in Damaskus. Offenbar war unter den Toten auch ein General, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte. Sie meldete zudem Dutzende Verletzte. Der Flugplatz sei fast vollständig zerstört worden.

Zuvor hatte bereits der Gouverneur von Homs von Toten berichtet, jedoch zunächst keine Zahl genannt. "Es gibt Märtyrer, aber wir haben noch keine Bilanz der Märtyrer und Verletzten", sagte Talal Barasi der Nachrichtenagentur AFP. Auf dem Stützpunkt seien mehrere Feuer ausgebrochen, die noch nicht unter Kontrolle seien. Menschen hätten Verbrennungen erlitten. Barasi verurteilte die Angriffe. Die in Schayrat stationierten Flieger seien eine wichtige Stütze im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in der Region Palmyra.

US-Medien meldeten unter Berufung auf Regierungskreise, US-Vertreter hätten in den Stunden vor dem Angriff mehrmals mit russischen Stellungen Kontakt gehabt; offenbar sollte auf diese Weise sichergestellt werden, dass russische Soldaten, die normalerweise in Schayrat stationiert sind, rechtzeitig abgezogen werden konnten. Tillerson betonte, bei den Kontakten sei es nicht darum gegangen, eine „Genehmigung“ der Russen für den Luftschlag einzuholen.

Tillerson: USA wollen Assad nicht militärisch entmachten

Unklar blieben zunächst die strategischen Ziele der Trump-Regierung. Trumps Vorgänger Barack Obama hatte auf angedrohte Angriffe in Syrien verzichtet und damit viel Kritik auf sich gezogen. Der neue Präsident sah ganz offensichtlich die Notwendigkeit, ein starkes Signal an Assad zu schicken. Weitere Angriffe dieser Art sind aber nicht unbedingt zu erwarten. US-Regierungsvertreter ließen sich mit den Worten zitieren, Assad solle von weiteren Giftgaseinsätzen abgehalten werden. Der Nahost-Experte Michael Weiss sprach im Nachrichtensender CNN von einer „symbolischen Geste“ der USA.

Auch Außenminister Tillerson sagte, an der grundsätzlichen Syrien-Politik der USA habe sich nichts geändert. Präsident Trump habe lediglich klargemacht, dass er zum Eingreifen bereit ist, wenn ein Politiker wie Assad „die Linie überschreitet“. Laut Tillerson will Washington aber nicht versuchen, Assad mit Mitteln der militärischen Macht der Supermacht USA zu entmachten. Die Frage nach einer Ablösung des syrischen Präsidenten solle den Syrien-Friedensgesprächen in Genf überlassen bleiben.

Syrische Regierung spricht von "Aggression" der Amerikaner

Dennoch dürfte Trumps Angriff auf Syrien Folgen haben. Amerikanische Verbündete wie die Türkei oder die Golf-Staaten, die Assads Entmachtung anstreben und seit Jahren ein aktiveres Einschreiten der USA fordern, dürften sehr erfreut sein und weitere Schritte anmahnen. Auch die nicht-islamistischen Rebellen in Syrien werden neue Hoffnung schöpfen. Die syrische Regierung sprach dagegen in einer ersten Reaktion von einer „Aggression“ der Amerikaner. Möglichkeiten zur Gegenwehr hat Damaskus allerdings nicht. (mit AFP, dpa, Reuters)

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