Stärke zeigen, nach innen und außen: Der 32-jährige Thronfolger bin Salman setzt derzeit auf Konfrontation. Foto: Fayez Nureldine/AFP
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Krisenregion Naher Osten Warum Saudi-Arabiens Konfrontationskurs so riskant ist

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Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman räumt Widersacher aus dem Weg und attackiert den Iran – das verschärft die Konflikte in der Region.

Es war ein sonderbarer Abgang. Und bis heute ist nicht so recht klar, wo die Grenze zwischen Wahrheit, Propaganda und Verschwörungstheorie verläuft. Vor einigen Tagen war Libanons Ministerpräsident Saad Hariri völlig überraschend zurückgetreten. Er fühle sich von der mitregierenden Hisbollah bedroht und fürchte um sein Leben. Die Schiitenmiliz destabilisiere sein Land – und dahinter stecke der Iran.

Das alles verkündete der 47-Jährige ausgerechnet im saudischen Riad. Das dortige sunnitische Königshaus gilt als Erzrivale der schiitischen Islamischen Republik im Machtkampf in der Region. Dann tauchte Hariri ab. Sogleich machten Gerüchte die Runde, der Premier mit engen Geschäftskontakten in den Golfstaat sei von Saudi-Arabien gezwungen worden, sein Amt aufzugeben.

Das Ziel: Teherans großen Einfluss im Libanon begrenzen. Zwar verkündete Hariri am Wochenende, er halte sich freiwillig in Riad auf und sei zu nichts gezwungen worden. Dennoch gehen viele Beobachter davon aus, dass die saudischen Herrscher gezielt Zwietracht säen.

Der Ehrgeiz des Prinzen

Saudi-Arabiens designierter Thronfolger gilt als treibende Kraft hinter der jüngsten Eskalation im Nahen Osten. Das hat innen- wie außenpolitische Gründe. Und alles ist eng miteinander verbunden. Denn Mohammed bin Salman versucht derzeit, mit allen Mitteln seine Stellung als Kronprinz abzusichern. Vor wenigen Tagen ließ er sogar Minister und Mitglieder der Königsfamilie festnehmen.

Sein Vorwurf: Korruption. Und der verfängt vor allem bei den jungen Saudis, auf die sich bin Salman in seinem Kampf gegen die Auswüchse des unbeliebten Establishments stützt. Letztendlich geht es dem 32-Jährigen allerdings darum, den Widerstand in den eigenen Reihen zu brechen und so das Terrain für eine möglichst unangefochtene Herrschaft zu bereiten.

Bin Salmans aggressiver Kurs nach außen passt da gewissermaßen ins strategische Konzept. „Die Eindämmung des Iran ist ein zentrales Ziel des jungen Kronprinzen – auch um nach innen die Reihen zu schließen“, sagt Nahost-Experte Sebastian Sons im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Damit solle ein saudischer Patriotismus gefördert werden, der sich gegen einen äußeren Feind richtet. „In Saudi-Arabien ist der Unmut vor allem über Amerika groß. Man fühlt sich im Kampf gegen den Zugriff Irans auf die arabische Welt alleingelassen.“

Dass bin Salman sich allerdings auf eine militärische Konfrontation mit Teheran einlässt, hält Sons für unwahrscheinlich. „Es geht dem Prinzen zwar darum, Stärke zu zeigen“, sagt der Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Und das sei riskant. „Die Situation kann rasch eskalieren. Doch im Königreich will niemand einen Krieg mit dem Iran. Denn dann würden alle verlieren. Auch Saudi-Arabien.“

Die Antwort der Mullahs

Die Verantwortlichen in Teheran weisen alle Vorwürfe in Sachen Libanon zurück. Es gebe keinerlei Interesse, den Zedernstaat zu destabilisieren, geschweige denn den Nahen Osten. Dabei belässt es der Iran derzeit. Diese Zurückhaltung gründet auf Wissen um die eigene Stärke. Seit der Aufhebung der Sanktionen im Zuge des Atomabkommens schaltet und waltet die Islamische Republik in der Region fast nach Belieben. Syrien, Irak, Libanon – die Mullahs gewinnen stetig an Einfluss. Und kommen so ihrem geopolitischen Ziel immer näher: einem vom Iran weitgehend dominierten schiitischen „Halbmond“ von Teheran über Bagdad und Damaskus bis zum Mittelmeer.

Vermisst. Premier Saad Hariri gilt im Libanon als stabilisierender Faktor. Foto: Joseph Eid/AFP
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Die Furcht der Libanesen

Die Einwohner des Zedernstaats bangen nach dem Abtritt ihres Regierungschefs um die ohnehin fragile Stabilität ihres multikonfessionellen Landes. Viele fürchten, zum Spielball der Großmächte Saudi-Arabien und Iran zu werden. Das kommt nicht von ungefähr. Teheran versucht seit Jahren mithilfe der von ihm gelenkten Hisbollah, ein gewichtiges Wort im Libanon mitzureden. Die hochgerüstete Schiitenmiliz, zu deren vorrangigsten Zielen Israels Vernichtung gehört, ist längst eine politischer und militärischer Machtfaktor geworden – zur Freude des Iran und zum Leidwesen Saudi-Arabiens.

Das Ziel des Präsidenten

Der eskalierende Konflikt zwischen Riad und Teheran ruft auch die Türkei auf den Plan. An seinem Anspruch auf die Rolle des informellen Sprechers der islamischen Welt will Recep Tayyip Erdogan nicht rütteln lassen, auch nicht vom saudischen Kronprinzen. In ungewöhnlich scharfer Form knöpfte sich der Präsident vor einigen Tagen den starken Mann in der Führung der Großmacht am Golf vor, dessen Land als Hüter der heiligen islamischen Städte Mekka und Medina eine herausgehobene Stellung einnimmt.

Auf die Ankündigung des Prinzen, er wolle sein Land zu einem „gemäßigten Islam“ zurückführen, reagierte Erdogan mit Empörung und Spott. In seiner Rede bei einer Konferenz islamischer Unternehmerinnen in Ankara sagte der Staatschef, es gebe keinen „gemäßigten Islam“ – der Begriff schwäche vielmehr den Islam und sei ein Produkt des Westens. Das war wohl eine Anspielung auf die engen Beziehungen zwischen dem Saudi und der Trump-Regierung.

Der Kronprinz hat eine enge persönliche Beziehung zu Trumps Schwiegersohn Jared Kushner entwickelt, der als frommer Jude der Nahostpolitik der USA neue Impulse verleihen soll; nach unbestätigten Berichten drängt bin Salman die Palästinenser zur Annahme eines US-Friedensplans, der unter Kushners Anleitung entstehen soll. Donald Trump wiederum unterstützt die Politik des Kronprinzen im Konflikt mit Katar, im Krieg in Jemen und beim Vorgehen gegen interne Kritiker.

Unbeugsam. Saudi-Arabien hat ein Embargo gegen Katar verhängt. Doch das Emirat lässt sich davon nicht beindrucken. Foto: Kamran Jebreili/AP/dpa
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Erdogan dagegen ist wenig begeistert vom saudischen Thronfolger. Im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar hat sich der türkische Präsident klar auf die Seite des kleinen Emirats gestellt. Gleichzeitig suchte seine Regierung in den vergangenen Monaten die Nähe des schiitischen Iran, des Hauptrivalen der Saudis. Zuletzt arbeiteten Ankara und Teheran eng bei der Reaktion auf das kurdische Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak zusammen.

Die aggressive Politik des saudischen Kronprinzen gegen Katar und den Iran sei für die Türkei ein Problem, schreibt der Politologe Mensur Akgün in der türkischen Zeitung „Karar“. Sollte bin Salman mit seinen Vorstößen Erfolg haben, „könnte er gegenüber dem Ausland eine noch weit härtere Position an den Tag legen“.

Würde der Kronprinz jedoch scheitern, könnte die dann drohende Instabilität im ölreichen Saudi-Arabien der Türkei ebenfalls nicht recht sein. Auch weil Erdogan und bin Salman einige gemeinsame Interessen haben. Eine Schwächung des iranischen Einflusses im Libanon zum Beispiel könnte dem syrischen Präsidenten und Erdogan-Erzfeind Baschar al Assad schaden.

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