Air Berlin war einst ein echter Konkurrent für die Lufthansa. Davon ist nicht viel geblieben. Foto: imago/Ralph Petersp

Krise bei Air Berlin Eine Fluglinie in Auflösung

Gerd Appenzeller Frank Bachner Kevin P. Hoffmann Heike Jahberg
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Abgesagte Flüge, "kranke" Piloten: Air Berlin kann den Flugbetrieb nur noch zum Teil aufrechterhalten. Ist das Unternehmen schon jetzt am Ende?

Die Einschläge kommen näher. Schon am Montag strich die insolvente Fluglinie Air Berlin kurzerhand und ohne Angabe echter Gründe fast alle Langstrecken ab dem 25. September aus dem Programm. Am Dienstag gingen dann rund 200 Piloten auf die Barrikaden – und meldeten sich „krank“. Teile des Flugbetriebs brachen zusammen. Dabei müssten die Mitarbeiter und Geschäftspartner nur noch wenige Tage die Nerven behalten.

Was ist der Grund für die Ausfälle?

Mutmaßlich keine „Sommergrippe“, oder aus welchen Gründen auch immer diese 200 Piloten sich krank gemeldet haben. In Mitarbeiterkreisen hört man, sie seien „verschnupft“ wegen der plötzlichen Entscheidung, Langstrecken zu streichen. Zudem ist man in der Belegschaft offenbar sauer, dass es keine Verhandlungen mit potenziellen neuen Eigentümern der Air Berlin über einen geordneten Betriebsübergang gibt.

So sind die Jobs akut in Gefahr. Ein „wilder Streik“ ohne Urabstimmung wäre illegal. So beteuerte die Pilotengewerkschaft VC Cockpit am Dienstag auch: „Zu keinem Zeitpunkt hat die VC dazu aufgerufen, sich krank zu melden.“ Man sei aber der Überzeugung, dass Sozialplanverhandlungen über einen geregelten Übergang des Personals der einzige Weg ist, eine möglichst große Zahl von Arbeitsplätzen zu erhalten.

Welche Folgen haben die Ausfälle?

Bis zum frühen Abend waren mehr als 110 der insgesamt 750 für den Tag angesetzten Flüge aus der Air-Berlin-Gruppe ausgefallen. Es betraf auch die Tochterairline Niki und Germanwings der Lufthansa-Gruppe, an die Air-Berlin Flieger und Crews seit Herbst dauerhaft ausgeliehen hatte. Berlin-Tegel war am stärksten betroffen.

Insgesamt dürften rund 12000 Passagiere wegen der Ausfällen gestrandet sein. Bis zum frühen Abend war unklar, ob die Piloten ab Mittwoch wieder „genesen“. Doch auch in diesem Fall dürfte am Mittwoch nicht alles reibungslos laufen, da es in der Regel dauert, bis der Flugbetrieb wieder einen Rhythmus findet.

Was können die Kunden tun?

Air Berlin empfiehlt seinen Kunden, vor der Fahrt zum Flughafen im Internet zu prüfen, ob der Flug ausfällt oder verspätet ist (www.airberlin.com/fluginfo). Bei Annullierung soll man die Servicenummer 0180/6334334 anrufen. Air Berlin werde sich dann um eine Reisealternative bemühen. Notfalls verweist die Airline aber auch auf das Beschwerdeformular, mit dem Kunden eine Entschädigung für Flugausfälle oder Verspätungen verlangen können.

Theoretisch kann da einiges zusammenkommen. Bei einer Annullierung kann man nämlich nicht nur den Ticketpreis zurück verlangen, sondern auch eine zusätzliche Entschädigung. Deren Höhe richtet sich nach der Entfernung und liegt zwischen 250 und 600 Euro. Ausgleichszahlungen kann man auch bei Verspätungen verlangen. Wartezeit und Höhe des Schadensersatzes richten sich auch hier nach der Entfernung.

Warum zahlt Air Berlin nicht immer?

Es gibt zwei Probleme. Erstens: Die Airline muss nicht haften, wenn außergewöhnliche Umstände vorliegen. Ob das bei einem wilden Streik der Fall ist, sehen die Gerichte unterschiedlich. Klarheit soll erst der Europäische Gerichtshof schaffen, der über die Krankmeldungen und massiven Flugausfälle entscheiden muss, die Tuifly im vergangenen Herbst lahmgelegt hatten.

Zweites Problem: Darf Air Berlin wegen des vorläufigen Insolvenzverfahrens Kunden überhaupt entschädigen? Air Berlin hat das versprochen. Für Flüge, die nach dem 15. August – dem Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung – verspätet sind oder ausfallen, hat die Airline auf ihrer Internetseite Entschädigungen zugesagt. Ansprüche für frühere Flugausfälle oder -verspätungen sollen dagegen in die Insolvenzmasse fallen – und wären wahrscheinlich wertlos.

Am Boden. Am Dienstag ging bei Air Berlin aus Kundensicht sehr wenig. Foto: Roland Weihrauch/dpap

Gibt es Rest-Hoffnung für Altkunden?

Ob eine solche Unterscheidung im aktuellen Insolvenzstadium rechtlich zulässig ist, ist umstritten. Während Deutschlands größtes Fluggastportal Flightright ein solches Vorgehen für rechtens hält, ist Berliner Anwalt Sebastian Biere von der Kanzlei JBB, der für das Konkurrenzportal EU-Claim arbeitet, anderer Auffassung: Er glaubt, dass eine unterschiedliche Behandlung der Kunden insolvenzrechtlich nicht erlaubt ist und geht davon aus, dass auch neue Ansprüche in die Insolvenzmasse fallen. Wer auch immer Recht haben mag, eines steht fest: Air Berlin hat seit dem 15. August noch keine Entschädigungen gezahlt.

Besser dran sind all diejenigen, die eine Pauschalreise gebucht haben. In diesem Fall hat der Reiseveranstalter den schwarzen Peter und muss sich darum kümmern, dass die Urlauber befördert werden.

Wie geht es weiter mit der Airline?

Der Plan der Gläubiger, der Verwalter und des Managements sieht vor, dass Interessenten noch bis zum kommenden Freitag Angebote einreichen können. Am Donnerstag nächster Woche sollen diese geprüft sein und eine Entscheidung fallen. Angesichts der Ausfälle ist jedoch nicht mehr sicher, dass dieser Zeitplan gehalten werden kann.

Denn es dürften kaum noch Kunden bereit sein, ein Ticket bei der Airline zu kaufen, sofern nicht gesichert ist, das sie fliegt. Zugleich verbrennt das Unternehmen mit jedem Tag Stillstand einige Millionen Euro – Geld das ein neuer Eigentümer zurückzahlen müsste. Der vom Gericht bestellte Generalbevollmächtigte des Unternehmen, Rechtsanwalt Frank Kebekus, warnte am Dienstag: „Wenn sich die Situation nicht kurzfristig ändert, werden wir den Betrieb und damit jegliche Sanierungsbemühungen einstellen müssen.“

Wie verhalten sich mögliche Käufer?

Von den bisher bekannten Interessenten hielten sich am Dienstag fast alle bedeckt. Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl sagte unabhängig von den Flugausfällen, er erwäge gerichtliche Schritte, falls er im Rennen um Air Berlin den Kürzeren ziehen. Er würde aber auf einen solchen Schritt verzichten, „wenn unser Angebot objektiv nicht das Beste war und/oder eine Regelung gefunden wurde, die trotzdem im Interesse der Sache okay ist“, schrieb Wöhrl dem Tagesspiegel. Wenn das nicht der Fall sei und die Chance bestehe, mit einer Klage etwas zu erreichen, werde er vor Gericht gehen, betonte er. Wöhrl bietet mit seiner Firma Intro bis zu 500 Millionen Euro für die Airline.

Was wird aus dem Standort Berlin?

Zumindest Berlins Regierender Bürgermeister ist optimistisch: „Berlin wächst und entwickelt sich – auch als Luftverkehrsstandort. Der Ausbau in Schönefeld dient ja dem Ziel, das noch zu steigern“, schrieb Michael Müller dieser Zeitung. Die positive Entwicklung von Wirtschaft und Tourismus erhöhe die Attraktivität der Stadt und auch Berlinerinnen und Berliner würden gerne mit dem Flugzeug reisen. „Der Senat tut alles, um Arbeitsplätze für Berlin und die Region zu sichern und zu schaffen. Deshalb wollen wir als Millionenmetropole natürlich auch die internationalen Flugverbindungen, also die Langstrecken, weiter entwickeln, und ich glaube, das wird auch gelingen.“

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