Lufthoheit. Russische Kampfjets kontrollieren alles, was über Syrien passiert. Foto: Reuters
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Krieg in Syrien Warum Russland jetzt über eine Truppenreduzierung nachdenkt

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Abzug ohne Rückzug: Moskau plant, die Zahl der Soldaten in Syrien zu verringern. Doch die russische Präsenz im Land soll gewährleistet bleiben.

Der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) scheint militärisch so gut wie gewonnen. Baschar al Assads Herrschaft über weite Teile des Landes ist wieder gesichert. Und die Aufständischen jedweder Couleur haben ihre Bastionen verloren. Mission erfüllt, alle Ziele erreicht, wird sich Präsident Wladimir Putin wohl sagen. Deshalb erwägt er offenbar, die Zahl der in Syrien stationierten russischen Soldaten zu verringern.

Genau das stellt Generalstabschef Walerie Gerassimow zumindest in Aussicht. Es gebe nicht mehr viel zu tun, bevor alle Ziele des Einsatzes erreicht seien. Deshalb könne womöglich schon Ende 2017 mit einem Teil-Abzug begonnen werden.

Dass Moskau über die Reduzierung seiner Truppen nachdenkt, kommt nicht von ungefähr. Denn längst ist offenkundig: Das „neue“ Syrien wird auf jeden Fall eines nach Russlands Vorstellungen sein. Gegen Moskaus Willen kann keine der Konfliktparteien irgendetwas erreichen – weder der Iran noch die Türkei und Saudi-Arabien oder Assad selbst.

Die Ankündigung Russlands, Soldaten aus Syrien abzuziehen, wird nicht zuletzt eine innenpolitische Komponente haben. Denn im März sind Präsidentschaftswahlen. Und der Syrien-Einsatz ist in der Bevölkerung eher unbeliebt.

Einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums zufolge wünscht sich fast die Hälfte der Russen ein Ende der Operation. Immerhin mehr als 30 Prozent der Befragten fürchten demnach sogar ein „neues Afghanistan“, sollten die Luftschläge im bisherigen Umfang fortgesetzt werden.

Auf einer Linie. Wladimir Putin empfängt seinen Schützling Baschar al Assad im russischen Sotschi. Foto: Mikhail Klimentyev/AFP
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Doch der Abzug aus Syrien ist keineswegs ein Rückzug. Stabschef Gerassimow betont, Russland werde seine Stützpunkte nicht aufgeben. Moskau betreibt eine Luftwaffenbasis in der Provinz Latakia sowie einen Stützpunkt in der Hafenstadt Tartus.

Auch der Verteidigungspolitiker Andrej Krassow sagt, es blieben in jedem Fall genügend Soldaten in Syrien, um den Kampf gegen den Terrorismus fortzusetzen und die russische Präsenz in der Region zu gewährleisten.

Noch ist ohnehin nicht ausgemacht, ob es wirklich bald weniger russische Soldaten in Syrien geben wird. Schon einmal, im Frühjahr 2016, hatte Putin angekündigt, die Militärpräsenz deutlich zu reduzieren. Nur: Passiert ist nichts. Im Gegenteil. Die Intensität der Bombardements nahm sogar noch zu. So wurde der Widerstand von Großstädten wie Ost-Aleppo gebrochen, den Einheiten Assads der Weg zur Rückeroberung geebnet.

Und noch hat Assad Syrien nicht vollständig wieder unter seine Kontrolle gebracht. Der Krieg mag entschieden sein, beendet ist er noch nicht. Christian Böhme

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