Bürgernähe, Ausbau der Pflegeberufe, ein starkes Europa. Damit konnte Martin Schulz in der ZDF-Sendung punkten. Foto: Jule Roehr/ZDF/dpa
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„Klartext, Herr Schulz“ im ZDF Martin Schulz will Merkel nicht einfach ziehen lassen

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In der ZDF-Wahlsendung versucht der SPD-Kandidat sich klarer von der Kanzlerin abzugrenzen und fordert ein zweites TV-Duell.

Ganz fürs Ende hatte sich der SPD-Kanzlerkandidat noch eine Pointe aufgehoben. Er habe Angela Merkel einen Brief geschrieben und sie zu einem zweiten TV-Duell aufgefordert, sagte Martin Schulz am Dienstagabend im ZDF. Applaus bekam er dafür aus dem Publikum, passieren wird es wohl trotzdem nicht - was auch die vorhergegangenen 90 Minuten zusammenfassen könnte. 150 Bürger hatte das ZDF in Berlin ins Studio eingeladen, sie sollten als jeweils Betroffene den Kandidaten befragen zu Themen wie Wohnen, Pflege, Sicherheit, Wirtschaft, Flüchtlinge und Integration. ZDF-Chefredakteur Peter Frey und Bettina Schausten, Leiterin des Hauptstadtstudios, moderierten zurückhaltend, so dass mitunter zwischen Schulz und den Gästen im Studio tatsächlich kurze Gespräche zustande kamen. 

Der Pflegenotstand war ein zentrales Thema

Den angekündigten „Klartext“ lieferte der Kandidat mehr oder weniger, indem er zu den diskutierten Fragen die Antworten gab, die auch schon in anderen Foren so gefallen sind. Recht deutlich wurde er allerdings bei der Pflege und in der Debatte mit einem jungen Pfleger aus Berlin und dem Leiter eines Seniorenpflegeheims in Bergisch-Gladbach. Der Pflegenotstand sei „einer der dramatischsten Zustände im Lande“, so Schulz. „Die Realität ist, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt kein Geld für Alte haben.“ Das wolle er ändern - durch „Ausbau der Pflegehilfeberufe und bessere Bezahlung“; dies sei „eine zentrale Staatsaufgabe“. 

Das „Marktplatz“-Format passte zum Kandidaten. Er konnte auf Menschen zugehen, sie direkt ansprechen, mitfühlen. So wie bei dem Rentnerpaar aus Hamburg, dessen Miete vervierfacht werden soll, und das nun keine neue bezahlbare Bleibe findet. Da machte Schulz den Eindruck, als ob er direkt nach der Sendung selbst zum Telefon greifen würde, um diesen Missstand zu beenden. Der Nachteil beim direkten Kontakt - „ich setze mich mal neben Sie“: Es fiel auf, wenn Schulz bei manchen Themen auch körperlich lieber auf Abstand ging. Insgesamt aber funktionierte die Nähe, so auch bei den Oberstufen-Schülern aus Schleswig-Holstein. Da verhedderte sich Schulz zwar bei Instagram und Internet, überzeugte aber mit Argumenten für ein starkes Europa. 

Schulz findet keine Antworten auf drängende Fragen der Flüchtlingspolitik

Elefant im Raum war die AfD, die weder der Kandidat noch die Studiogäste beim Namen nannten, die aber zum Beispiel bei der Frage nach qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland eine Rolle spielte. Für letztere plant Schulz „eine strukturierte Einwanderungspolitik“. Im Blick auf die von dem Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke als „dämlich“ bezeichnete deutsche Erinnerungskultur sagte Schulz dann unter viel Applaus, eine „solche Partei der Hetzer“, sei eine „Schande für Deutschland“.

Mehrfach versuchte Schulz auch die Unterschiede zur Kanzlerin deutlich zu machen; so bei der Mietpreisbremse, die SPD-Justizminister Heiko Maas hatte verschärfen wollen, die Kanzlerin aber nicht, oder auch bei der Rentenpolitik. Ins Schlingern geriet Schulz damit bei der Dieselaffäre. Neben dem Einführen der Musterfeststellungsklage, soviel wurde deutlich, würde ein SPD-Kanzler Schulz auch nicht anders handeln als die CDU-Chefin.

Schwerstes Thema für Schulz war letztlich die Flüchtlingspolitik. Nicht deren Gegner brachten ihn in Bedrängnis; Schulz fand keine befriedigenden Antworten für die jungen Helfer, die nicht verstehen wollten, wie man mit der libyschen Küstenwache zusammenarbeiten kann. Oder für die Flüchtlinge aus Afghanistan, die arbeiten, die Sprache lernen und sich integrieren, aber trotzdem einen Abschiebebescheid erhalten haben. Schulz war das sichtlich unangenehm, zumal seine Versuche, die Debatte auf die aufnahmeunwilligen Ungarn oder Polen zu lenken, nicht ankam. Eine Hotelbesitzerin aus dem Allgäu, die einen jungen Afghanen beschäftigt, beruhigte er, es gebe derzeit keine Abschiebungen nach Afghanistan. Allerdings ist an diesem Dienstag der erste Abschiebeflug seit Mai von Deutschland aus gestartet.

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