Die Sehitlik-Moschee in Neukölln, Berlins größte Moschee. Foto: dpa
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Islam und Homosexualität Vorstand will Sehitlik-Moschee weiter öffnen

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Der Ärger um die Absage einer Debatte zu Islam und Homosexualität in der Berliner Sehitlik-Moschee scheint vorerst ausgestanden. Am Montag debattierte man freundlich miteinander - in der Jerusualem-Kirche in Kreuzberg.

Frauen oder Männer – wen man liebte, war im Islam sehr lange keine religiöse Frage, sondern Geschmackssache. Schon ab dem Jahr 800 schrieben Dichter Liebesgedichte auf Frauen wie Männer. Aufgehört habe das erst gut tausend Jahre später, unter dem Einfluss eines mächtiger werdenden Europa, sagt Thomas Bauer, Professor für Arabistik in Münster. Seine Stimme ist vom Band zu hören in der Kreuzberger Jerusalem-Kirche, als Auftakt jener Debatte um Islam und Homosexualität, die eigentlich in einer Moschee geplant war.

"Ich bin der Schuldige"

 Doch dann zog der Vorstand der Neuköllner Sehitlik-Moschee zurück: Böse Berichte in der türkischen Presse, Ärger in der Gemeinde und wohl auch Druck aus Köln, vom islamischen Dachverband Ditib. Der Verein „Leadership Berlin“, der um den Termin in der Moschee gebeten hatte, erklärte sich schließlich mit der Verlegung einverstanden, der mitveranstaltende Lesben- und Schwulenverband zog sich aus Protest gegen den Ortswechsel zurück. Auch jetzt fürchten die Veranstalter Ärger: Nur angemeldete Besucher dürfen in die Jerusalem-Kirche, am Eingang kontrollieren zwei freundliche, aber wuchtige Security-Leute.

 Jetzt steht der Vorsitzende der Sehitlik-Gemeinde vor dem vollen Saal der Kirche und stellt sich lächelnd vor: „Ich bin der Schuldige“, sagt Ender Cetin und erklärt seinen Rückzug: Man habe die Älteren in der Gemeinde nicht verletzen wollen, auch Tumulte außerhalb der Moschee seien zu befürchten gewesen. Die freundliche Sicht auf einen sexuell toleranten Islam, die sein abwesender Vorredner Bauer angeboten hat, rückt er gleich zurecht: Schon in der Frühzeit des Islam sei in puncto Homosexualität „nicht alles Friede Freude Eierkuchen“ gewesen. Auch damals hätten einzelne Rechtsschulen sie verdammt. Aber sie sei im Koran und der Überlieferung viel weniger präsent als zum Beispiel in der Bibel und die Vorschriften zu ihrer Verfolgung seien weniger hart.

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Gesucht: Imam als Vorbild 

Recht schnell wird klar, dass es hier allerdings weniger um Theologie als um Praxis geht: Wie zusammen leben in der „Regenbogenstadt Berlin“ – so Integrationssenatorin Dilek Kolat in ihrem Grußwort – deren zweitgrößte Glaubensgemeinschaft die Muslime sind? In der Podiumsdiskussion plädiert Barbara John, 1981 erste deutsche Ausländerbeauftragte und Berlins große alte Dame der Integrationspolitik, für Gelassenheit: Dürfen etwa Schwule erst zufrieden sein, wenn sie auch von jedem Gläubigen so akzeptiert sind wie sie sie sind, fragt John. Und lässt durchblicken, dass auch ihre Kirche, die katholische, in sexualpolitischen Fragen  nicht die Speerspitze des Fortschritts sei. „Da macht man sich doch abhängig von der Binnensicht der Religion!“ Daniel Worat, Vorstand im schwulen Führungskräftezirkel „Völklinger Kreis“ stimmt grundsätzlich zu. Es gehe aber um Attacken, um öffentliche Beleidigungen, die „schwule Sau“ auf dem Schulhof: Für die dazu nötigen Worte „hätte ich gern einen jungen, offenen Imam“, sagt Worat, „mit Vorbildfunktion, auch in der Außenwirkung.“

Die Moschee als Ort für alle

Für Moscheevorstand Cetin wären klare Worte sogar ein Glaubensgebot: „Auch die Beleidigung von Homosexuellen ist Sünde.“ Und jene Sünden, die anderen zugefügt werden, verzeihe auch der allerbarmende Gott nach muslimischen Glauben nicht – oder erst, wenn die Opfer selbst verziehen hätten. „Wir selbst erfahren ja nicht immer Wertschätzung. Aber hier sind wir selbst gefragt.“ Auch Muslime brauchten Aufklärung.

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 Das Publikum äußert, bei allem Respekt vor den Diskutanten oben auf dem Podium, Unbehagen. Die Debatte sei zu brav. Und was, wenn der lange Weg zur Wertschätzung zu lang sei? „In der Zwischenzeit leiden Menschen“ – unglückliche muslimische Schwule zum Beispiel, die ein Doppelleben zwischen Hetero-Ehe und Klappe führen müssten. Dafür bietet dieser Abend in der Jerusalemkirche keine Lösung an.

Ender Cetin sieht den Weg jedenfalls schon beschritten – das sei Verdienst auch jenes Krachs, der dem Abend vorausging. Schon früher habe man Schwule und Lesben in der Sehitlik-Moschee willkommen geheißen. Jetzt werde aber auch intern darüber debattiert: „Das ist ein Fortschritt.“ Er selbst wolle die Moschee weiter öffnen und zu einem Ort machen, „wo jeder Platz finden kann, der keinem anderen schadet“. „Ich bin sicher“, sagt Cetin, „dass wir, inschallah, Erfolg haben werden."

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