Iranische Sicherheitskräfte gehen am 07.06.2017 vor dem Parlament in Teheran (Iran) in Stellung. Bewaffnete Männer haben das Mausoleum des verstorbenen Revolutionsführers Ruhollah Chomeni sowie das Parlament gestürmt. Foto: Omid Vahabzadeh/Fars News Agency/dpap

IS-Terror im Iran Was die Anschläge in Teheran für den Nahen Osten bedeuten

37 Kommentare

Der „Islamische Staat“ hat erstmals im Iran zugeschlagen. Weitet sich der alte Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten noch mehr aus? Donald Trump übermittelt sein Beileid - und eine Warnung.

Die iranische Hauptstadt Teheran ist am Mittwoch Ziel eines Doppelanschlages geworden. „Terroristen“ hätten das Parlament und das Grabmal von Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini angegriffen, erklärte das Geheimdienstministerium am Mittwoch. Nach Angaben des Katastrophenschutzes starben mindestens 18 Menschen, mehr als 40 Menschen wurden verletzt.

Wer steckt hinter dem Anschlag?

Bereits wenige Stunden nachdem die sieben Attentäter in der iranischen Hauptstadt Teheran getötet hatten, reklamierte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Attentate für sich. Das IS-Sprachrohr Amaq meldete am Mittwoch, „Kämpfer“ der IS-Miliz hätten die Anschläge auf das Parlament und das Mausoleum verübt. Nach Angaben der Regierung in Teheran war die Attentäter Iraner. Sie hätten sich der Extremistenmiliz IS angeschlossen, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats, Reza Seifollhai, am Mittwoch im staatlichen Fernsehen.

Das Anschlagsziel wurde von den Attentätern dabei keineswegs zufällig ausgewählt, denn Chomeinis Mausoleum ist von hoher symbolischer Bedeutung im Iran. Das massive Gebäude südlich von Teheran ist der sichtbare Ausdruck des Personenkults um den Gründer der Islamischen Republik. Mit seinen goldenen Minaretten und Kuppeln und den hohen Portalen erinnert es an die Mausoleen der schiitischen Imame in Maschhad oder Nadschaf, übertrifft sie aber noch an Größe.

Der Ajatollah Chomeini wird bis heute von vielen Iranern als der Mann verehrt, der den Schah stürzte und das Land aus der Abhängigkeit der USA befreite. Als Revolutionsführer stellt Chomeini das Gesicht der iranischen Revolution dar, er personifiziert auch die schiitisch-islamische Republik – was ihn wiederum in der sunnitischen Welt zum Feindbild hat werden lassen.

Bestätigt sich, dass der IS hinter dem Anschlag steckt, wäre es nicht nur der erste Anschlag der sunnitischen Extremisten im schiitisch geprägten Iran. Es wäre auch die jüngste Eskalation eines politisch und konfessionellen Konflikts, der den Nahen Osten seit Jahrhunderten belastet.

Die iranischen Revolutionsgarden haben den USA und Saudi-Arabien eine Verwicklung in den Doppelanschlag in Teheran mit zwölf Toten vorgeworfen. Dass US-Präsident Donald Trump kurz zuvor "eine der reaktionärsten Regierungen in der Region" besucht habe, sei "sehr bedeutungsvoll" und "zeige, dass sie in diese grausame Aktion verwickelt" seien, erklärte die Elitearmee am Mittwoch mit Blick auf Trumps Besuch in Riad.

Am Mittwoch verband Trump sein Beileid sogleich mit einer Warnung an den Iran. "Wir unterstreichen, dass Staaten, die Terrorismus unterstützen, Gefahr laufen, dem Bösen zum Opfer fallen, das sie fördern", teilte er dem Weißen Haus zufolge am Mittwoch mit.

Worum geht es im Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten?

Im Kern geht der politische Konflikt zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien auf den Kampf um Vorherrschaft zurück, den die Anhänger der beiden größten Konfessionen des Islam, Sunna und Schia, seit Jahrhunderten führen. Die Spaltung der Muslime in Schiiten und Sunniten begann im siebten Jahrhundert mit einer Auseinandersetzung um die Nachfolge des Propheten Mohammed. Weltweit bekennen sich heute etwa 1,3 Milliarden Menschen zum Islam – rund 90 Prozent von ihnen sind Sunniten. Außer im Iran stellen die Schiiten nur noch im Irak, Bahrain und Aserbaidschan die Bevölkerungsmehrheit.

Welche Interessen verfolgt der Iran?

Der Regionalmacht Iran steht aktuell unter massivem Druck. Der neue US-Präsident Donald Trump will den iranischen Erzrivalen Saudi-Arabien militärisch, ökonomisch und politisch stärken und den Atomdeal mit dem Iran kündigen. Die Iraner müssen nun entschlossener vorgehen, um nicht vor allem im Irak und in Syrien an Einfluss zu verlieren. Dort unterstützen die Mullahs aus Teheran schiitische Milizen, die wie reguläre Armeen diverse Gebiete halten. Sie bekämpfen auch den IS, weshalb sie einst auch von Sunniten, Christen, Drusen und Jesiden begrüßt wurden. Das allerdings ist vorbei.

Als Schutzmacht der Minderheiten, wird der Iran kaum noch begriffen. Seine Aktionen zielen auf einen schiitischen Korridor von Mittelasien bis zum Mittelmeer. Mit dabei sind Schiiten aus Pakistan, Afghanistan, Irak und – in Form der Hisbollah – aus dem Libanon. Die iranischen Revolutionsgarden fordern vom syrischen Staatschef Baschar al Assad bereits mehr Einfluss. Dabei galt der syrische Alltag einst als weitgehend säkular.

Von Medien und Politikern im Westen weitgehend unbeachtet ist die Besetzung des Sindschar-Gebirges im syrisch-irakischen Grenzgebiet durch eine schiitische Miliz geblieben. Der IS hatte die dort lebenden Jesiden 2014 ausrotten wollen, folterte Tausende und versklavte zahlreiche Frauen und Mädchen. Erst Einheiten der kurdisch-sozialistischen PKK, die auch aus der Türkei anrückten, vertrieben den IS. Die Jesiden organisierten sich dann in einer eigenen Miliz, der PKK-nahen YBS. Diese Miliz hat nun diverse Dörfer an die Männern der schiitischen Hashd al Shaabi abgegeben. Einige Beobachter sagen, die jesidischen Kurden hätten das Sindschar freiwillig geräumt. Hashd-al-Shaabi-Kommandeure wiederum erklärten, sie handelten auf Anweisung aus Bagdad, nicht aus Teheran – dabei begreiften sich ja auch viele irakische Funktionäre inzwischen als Wahrer des Schiitentums.

Die PKK selbst hatte sich vor einigen Monaten mit den Mullahs zu einigen versucht – die Liste gemeinsamer Feinde ist schließlich lang: der IS, die Türkei, die Öldiktaturen am Golf. Dann erklärte die Schwesterpartei der PKK in Syrien, die im nordsyrischen Rojava regierende und von den USA unterstützte PYD: Man dulde keine Schiiten-Milizen und lehne Assad, Erdogan und die Mullahs gleichermaßen ab. Schließlich kämpfen die Mullahs im Westen ihres eigenen Staates gegen iranisch-kurdische Linke.

Welche Konflikte gibt es noch?

Nicht nur hinter den Kriegen in Syrien und Irak steht die Auseinandersetzung um die regionale Hegemonie zwischen den sunnitischen und schiitischen Hauptmächten Saudi-Arabien und Iran. Seit sich der von reaktionären Kräften auf der arabischen Halbinsel gesponserte „Islamische Staat“ verselbstständigte, brechen überall konfessionelle Konflikte auf, in denen der Iran, die Saudis, aber auch Katar, die Emirate und die Türkei mitmischen. In Jemen, Afghanistan, Pakistan kämpfen Schiiten gegen Sunniten – wobei die Sunniten zahlenmäßig weit überlegen sind. IS-Rekrutierer sind auch in den Kaukasus-Staaten, Tadschikistan, Usbekistan, Indien und Bangladesch unterwegs. Der Iran möchte nicht, dass von dort massenhaft sunnitische reisebereite Fanatiker kommen. Die iranischen Auslandsaktivitäten beschreiben Sicherheitsexperten entsprechend als „besonders rege“.

Wie groß ist die Gefahr einer Eskalation des Konflikts?

Die kurze Antwort lautet: riesig. Denn wie die Stellvertreterkriege in Syrien und Jemen zeigen, sind dem Kampf um regionale Vorherrschaft zwischen dem Iran und der sunnitischen Welt in den vergangenen Jahren Hunderttausende Menschen zum Opfer gefallen.

Doch damit nicht genug, mit der Parteinahme Russlands für den Iran und das syrische Regime und Amerikas neuentdeckten Sympathien für das saudische Königshaus ist aus dem Regionalkonflikt längst eine Auseinandersetzung mit globaler Reichweite geworden. Die Flüchtlingskrise hat in den vergangenen zwei Jahren bewiesen, dass der innerislamische Konflikt längst auf die Peripherie übergegriffen hat. Und es könnte noch schlimmer kommen. Denn Irans Streben nach Nuklearwaffen hat auch beim Erzfeind zu Überlegungen geführt, aufzurüsten. Schon seit Jahren halten sich hartnäckig Gerüchte, dass das saudische Königshaus in Pakistan um Hilfe beim Aufbau eines eigenen Nuklearprogramms angefragt hat.

Welche Auswirkungen hat Trumps Nahostkurs auf die Region?

Die US-Politik in der Region war schon vor der jüngsten Zuspitzung widersprüchlich, zu einem Gutteil aus unvermeidbaren Gründen. Die USA sind aus strategischen Interessen mit mehreren Staaten im Nahen und Mittleren Osten verbündet, die untereinander jedoch Konflikte haben. Donald Trump hat diese Widersprüche nun jedoch unnötig zugespitzt, teils bei seinem Besuch in Saudi-Arabien vor gut zwei Wochen, teils durch Tweets in den vergangenen Tagen, teils durch unübersehbare Meinungsverschiedenheiten mit US-Experten für die Region.

Saudi-Arabien ist seit langem ein Alliierter der USA. Im Emirat Katar unterhalten die USA wichtige Militärstützpunkte. Mit dem Iran haben die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland ein Abkommen zur Beilegung des Atomkonflikts geschlossen. Es sieht eine internationale Kontrolle der Atomanlagen vor gegen eine schrittweise Aufhebung der Sanktionen. Saudi-Arabien möchte eine Annäherung zwischen dem Iran und dem Westen verhindern. Gemeinsam mit anderen arabischen Staaten hat es am Montag zudem die Beziehungen zu Katar abgebrochen, weil Katar angeblich den Terror finanziell fördere und ein zu enges Verhältnis zum Iran habe.

Trump behauptete zunächst, diese Entwicklung sei ein Erfolg seines Besuchs in Saudi-Arabien, wo er gefordert hatte, dass die finanziellen Quellen der Terrornetzwerke ausgetrocknet werden müssten. Dann bot er jedoch Vermittlung im Konflikt um Katar an, nachdem Regierungsmitglieder ihm gesagt hatten, wie wichtig der Stützpunkt Katar für die USA im Kampf gegen den IS sei. Die US-Botschafterin in Katar hat betont, dass das Emirat große Fortschritte bei der Kontrolle der Finanzströme mache – ein Widerspruch zu Trumps Einordnung.

Eine weitere Komplikation ergab sich aus Gerüchten, russische Hacker hätten die Computer der staatlichen Nachrichtenagentur Katars gehackt und dort Nachrichten verbreitet, die die Beziehungen Katars zu den USA belasten. US-Geheimdienste konnten bisher nicht bestätigen, dass russische Dienste dahinter stecken. (mit dpa, Reuters)

Der Tagesspiegel kooperiert mit dem Umfrageinstitut Civey. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Zur Startseite