Flüchtlinge füllen in einem Lager Wasser um. Foto: AFPp

Interview mit Unicef-Experten "In Syrien wird Wasser als Waffe genutzt"

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Andreas Knapp von Unicef spricht über mutwillig zerstörte Leitungen, die Not in belagerten Orten und kreative Überlebenskunst in Syrien.

Herr Knapp, Sie waren vor Kurzem in syrischen Orten, die belagert werden. Wie ist die Situation dort?

Verheerend. Es fehlt an allem: Wasser, Strom, Medikamente, Nahrung, Schulhefte, Stifte. Ganz zu schweigen von den unbeschreiblich schlimmen Erlebnissen der Menschen. Viele sind deshalb traumatisiert. Ihr Alltag pendelt zwischen völliger Verzweiflung und unglaublich kreativer Überlebenskunst und Überlebenswillen. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Berichten zufolge herrscht in den abgeriegelten Städten nicht nur Hunger, sondern auch eine große Wassernot. Welche Folgen hat das für die Eingeschlossenen?

Eine der wenigen positiven Dinge, die ich bei meinem jüngsten Einsatz in Ost-Ghouta – einem seit 2015 belagerten Gebiet im Großraum von Damaskus – beobachten konnte, war die Tatsache, dass Familien sich dort einigermaßen selbst versorgen konnten. Zu extremem Hunger ist es offenbar noch nicht gekommen.

Worauf führen Sie das zurück?

Das klappt nur, weil der Grundwasserspiegel dort hoch und das bestehende landwirtschaftliche Bewässerungssystem zumindest teilweise noch intakt ist. Damit haben die Bewohner die Chance, etwas anzubauen und können mit Handpumpen Brauchwasser verfügbar machen. Trinken kann man dieses Wasser aber nicht.

Verschmutztes Wasser führt oft zu Infektionskrankheiten wie Cholera. Wie akut ist die Gefahr von Epidemien?

Sehr hoch! Vor allen in belagerten Gebieten in Syrien, wo die wenigen und oft nur noch teilweise funktionierenden Wasserwerke keine Chemikalien mehr zur Chlorierung des Wassers haben. Das ist auch Grund dafür, dass mein Team nach wie vor mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, landesweit in den Wasserwerken die Reinigung des Trinkwassers mit Chlor sicherzustellen. Dass es trotz des jahrelangen Konflikts noch zu keinem Ausbruch einer Epidemie gekommen ist, führen wir nicht zuletzt auf unsere erfolgreiche Arbeit zurück.

Andreas Knapp (45) leitet die Unicef-Wasserprogramme in Syrien. Foto: Promop

Warum ist sauberes Trinkwasser so knapp?

In erster Linie, weil durch den Krieg die Wasserleitungsinfrastruktur - also Leitungen, Kanäle, Pumpen und Ähnliches - zerstört weitgehend wurde. Außerdem ist die Energieversorgung im Land, vor allem jedoch in den belagerten Gebieten völlig zusammengebrochen. Daher kann kein Wasser aus den Tiefbrunnen gepumpt werden und in die Versorgungsnetze eingespeist werden.

Es heißt immer wieder, Wasser werde als Waffe genutzt, um den jeweiligen Gegner zum Aufgeben zu bewegen. Sehen Sie das auch so?

Dass Wasser als Waffe eingesetzt wird, ist leider eine traurige Wahrheit. Im Jahr 2016 wurden rund 30 bewusst herbeigeführte Unterbrechungen der zivilen Wasserversorgung registriert. Am ersten Tag eines Einsatzes im Januar war ich zum Beispiel mit der absichtlichen Ableitung der Quellen für die Hauptstadt Damaskus konfrontiert. Das hatte zur Folge, dass mehr als vier Millionen Einwohner für einige Tage ohne Wasser waren. Meinem Team gelang es gemeinsam mit Fachleuten vom Internationalen Roten Kreuz glücklicherweise, eine alternative Versorgung aus Tiefbrunnen sicherzustellen.

Was muss getan werden, um den Menschen zu helfen?

Priorität hat die lebenswichtige Sicherstellung von Trinkwasser im unmittelbaren Notfall: der Flucht vor Kampfeshandlungen. Weiter ist es wichtig, in allen Landesteilen eine Basisversorgung mit ausreichend desinfiziertem Trinkwasser sicherzustellen, um die Seuchengefahr zu verringern. Darüber hinaus müssen die noch existierenden Wasserversorgungsanlagen und Kanalsysteme repariert und in Stand gehalten werden.

In einigen Regionen Syriens wird immer noch gekämpft. Ist es dort überhaupt möglich, zum Beispiel Kläranlagen wieder in Gang zu bekommen und Wasserleitungen abzudichten?

In Gegenden, wo Gefechte stattfinden, ist es leider nur in Ausnahmefällen möglich, umfangreiche Reparatur- und Wartungsarbeiten vorzunehmen. Wenn wir es während der Feuerpausen in Syrien schaffen, Desinfektionsmittel für Wasserwerke, Chlortabletten für Wasserkanister und andere wichtige Güter wie Seife, Waschmittel, Zahnbürsten, Babywindeln oder Tampons zu verteilen, ist das schon ein Erfolg.

Andreas Knapp (45) leitet die Unicef-Wasserprogramme in Syrien. Der österreichische Diplomingenieur kam über den Zivildienst zur Entwicklungszusammenarbeit. Er ist auch in verschiedenen afrikanischen Ländern tätig, unter anderem für die Weltbank.

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