Endstation? Für Air Berlin wird es jetzt eng. Foto: Roland Weihrauch/AFPp

Insolvente Air Berlin Die Luft wird dünn für das Reiseziel Berlin

Kevin P. Hoffmann
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Das Ende von Air Berlin rückt näher - und macht klar: Für den Luftverkehr fehlt in Berlin und bei der Bundesregierung ein ordnungspolitischer Kompass. Ein Kommentar.

Das Ende ist nahe für Air Berlin. Das zeigt sich so ähnlich wie beim menschlichen Organismus. Ist die Krankheit fortgeschritten, wurde falsch therapiert oder das Grundleiden gar nicht erkannt, kommen zu den Schmerzen Resignation und schneller Verfall. Dann verlieren auch noch die treuesten Begleiter ihre Hoffnung auf eine Heilung, tiefe Depression macht sich breit. So können binnen Tagen oder Stunden ganze Staatsgebilde zusammenbrechen – und eben auch komplexe Wirtschaftsunternehmen wie eine Luftgesellschaft, wie die Air Berlin.

Gibt es noch eine Chance? Air Berlin, das war doch bisher der Lazarus unter Europas Fluggesellschaften! Vor gut sechs Jahren war das Geld ja schon einmal aufgebraucht beim größten Rivalen der Lufthansa-Gruppe. Hätte Gründer Joachim Hunold damals nicht in letzter Minute die arabischen Investoren gewonnen und die persönliche Führung abgegeben, wäre Air Berlin längst Geschichte.

Anders als damals, als die Lösung der Probleme diskret vorbereitet worden war, wird bei der aktuellen Krise fast jedes Detail öffentlich verhandelt. Immer mehr Geschäftspartner – darunter Gepäckdienstleister wie auch Leasing-Partner für die Flugzeuge – verlieren die Nerven, ziehen Material und Mitarbeiter bei Air Berlin ab, der Flugbetrieb stottert. Als am Dienstag auch noch 200 der insgesamt 1.500 Piloten spontan den Dienst quittierten, brach der Betrieb teilweise zusammen. Der Vorstandschef sprach von einem „Spiel mit dem Feuer“. Das ist keine Übertreibung. Es fehlt nicht mehr viel bis zum Stillstand, der jeden Tag einige Millionen Euro kostet.

Der Bund und das Land Berlin tragen eine Mitschuld

Nun scheint kaum vorstellbar, dass die Bieterfrist erst am Freitag ablaufen soll und die Gläubiger sich erst am 21. September auf einen oder mehrere mögliche Käufer verständigen wollen. Sie müssen schneller handeln, andernfalls gibt es bis dahin nichts mehr zu verkaufen.

Schuld an dem Debakel trägt auch die Politik im Bund und in Berlin – auch jenseits der Pannen rund um den BER, der das Fundament für das Geschäftsmodell der Air Berlin sein sollte. In Bundesministerien und Luftfahrt-Bundesamt hat man offenbar nie wirklich Frieden mit der Liberalisierung des Luftverkehrs in den 90er Jahren gemacht. Viele Beschlüsse und bilaterale Luftverkehrsabkommen dienten nur dem Schutz der einstigen Staatsfluglinie Lufthansa, respektive der Abwehr ihrer ausländischen Konkurrenten.

In Wirtschafts- und Verkehrsministerien unter Führung von CDU, CSU, SPD und FDP fehlte ein ordnungspolitischer Kompass mit Blick auf die Luftverkehrswirtschaft. Man wollte höchstens Wettbewerb light zulassen, Ryanair, Easyjet und die Airlines der Scheichs hingegen eher fernhalten. Dafür nahm man in Kauf, dass es den größten inländischen Konkurrenten Air Berlin – und seine zuletzt ausländischen Geldgeber – ebenso hart trifft.

Das Ergebnis wird jetzt ein Marktvakuum sein, zu spüren vor allem am Standort Berlin. Denn die Rivalen, die einige Strecken übernehmen werden, verfügen entweder über andere Drehkreuze, von denen sie Langstreckenflüge in alle Welt anbieten (Lufthansa). Oder sie betreiben gar keine Drehkreuze und Interkontinentalrouten (Easyjet und Ryanair).

Der Berliner Senat agiert planlos

Das hätte so nicht kommen müssen, hier hat Berlins Senat geschlafen. Warum hat er möglichen Air-Berlin-Investoren nicht früh den roten Teppich ausgerollt? Mit Sonderkonditionen an den Flughäfen. Mit Rabatten, die später auch jeder wettbewerbsrechtlichen Überprüfung standgehalten haben, hatte man vor mehr als zehn Jahren die Billigflieger nach Schönefeld geholt.

An diesen Firmen kann man viel rummäkeln, wie der Regierende Michael Müller es tut, aber sie waren die Basis für den touristischen Aufschwung der Stadt. Zeigt sich sein Senat jetzt nicht wieder flexibel, werden die Berliner auf dem Weg zu ihren Zielen umsteigen müssen. Und Gäste werden fortbleiben. Dann wäre Air Berlins Tod auch der Anfang vom Ende des touristischen Wunders dieser Stadt.

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