Ein zurückgelassenes Auto auf den überfluteten Straßen von Fort Lauderdale, Florida. Foto: AFP/Chip Somodevilla/Getty Images
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Hurrikan in Florida Der "Sunshine State" geht unter

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"Irma" hat Chaos in der Karibik verursacht und am Sonntag Florida erreicht. Dennoch verweigerten sich etliche Menschen der Evakuierung. Über eine Million Haushalte sind ohne Strom, drei Menschen starben bei Verkehrsunfällen.

Viele Menschen in Florida haben sich mit Wasser, Lebensmitteln und Benzin für die Generatoren eingedeckt, die Türen und Fenster mit speziellen Abdeckungen gesichert oder mit Spanplatten vernagelt. Einige Hausbesitzer verfügen über Schutzkeller, andere angesichts des Hurrikans „Irma“ nur über Galgenhumor: „Ich glaube, ich sollte das ganze Bier im Kühlschrank trinken, bevor der Strom ausfällt“, schrieb ein Bewohner von Florida auf Facebook. Der Wirbelsturmder, der in den vergangenen Tagen weite Teile der Karibik verwüstete, ist am Sonntag auf die US-Küste getroffen.

In der Nacht zum Sonntag hörte John Hines, wie die Türen seines Hauses knarrten und in den Rahmen wackelten: „Hört sich an, als ob jemand an die Haustür klopft“, sagte er den Fernsehreportern von CNN. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 215 Stundenkilometern erreichte der Hurrikan schließlich die Südspitze Floridas. Der Wirbelsturm zog zunächst über die Inselgruppe der Keys, sein Auge bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 13 Stundenkilometern an der Westküste des "Sunshine State" entlang.

"Die Schiffe werden weggerissen, die Palmen auf den Boden gedrückt, die Stromkabel zerreißen", schilderte die Nothelferin Maggie Howes der Nachrichtenagentur AFP via Telefon das Eintreffen "Irmas" von Key Haven aus. "Zur Zeit kann niemand nach draußen, man kann sich in den Böen nicht aufrecht halten." Drei Menschen - zwei Männer und eine Frau - kamen am Samstag und Sonntag bei Sturmböen und starken Regenfällen ums Leben, als sie Verkehrsunfälle hatten, teilten die Behörden in Florida am Sonntag mit.



Floridas Gouverneur Rick Scott sagte dem Sender ABC, er hoffe, dass alle Einwohner die Warnhinweise befolgt hätten. Insgesamt waren 6,3 Millionen Menschen zur Evakuierung aufgefordert worden. Doch nicht alle leisteten Folge: Draußen vor John Hines Haus in Key West an der Südspitze von Florida machten sich schon die ersten Ausläufer von „Irma“ bemerkbar, als er sagte: „Der Wind wird stärker“, bemerkte der Hausbesitzer, die Lage in der Gegend sei schon „beschissen“, doch: „Es wird noch schlimmer.“ Hines gehört zu einer Gruppe von besonders sturen Bewohnern von Florida, die sich trotz der Evakuierungsbefehle der Behörden weigerten, ihre Häuser zu verlassen.

Genaue Zahlen über die Evakuierungs-Gegner gibt es nicht, doch die Behörden gehen von mindestens einigen tausend Menschen aus. Leute wie Hines wollen ihre Häuser nicht potenziellen Plünderern überlassen, während sie selbst in einer Notunterkunft sitzen. Andere sorgen sich um ihre Haustiere. Wieder andere sind einfach nur stur. Dabei war die Feuerwehr zum Beispiel auf der Inselkette der Florida Keys bei Key West teilweise von Haus zu Haus gegangen, um die Bewohner zu warnen. In der Metropole Miami wurde ein nächtliches Ausgangsverbot erlassen, um Plünderer abzuschrecken.

Ohne Strom

Die Behörden befürchten großflächige Zerstörungen durch den Sturm. Die Versicherer stellten sich auf ein Volumen von 15 bis 50 Milliarden Dollar ein. Wenn es gefährlich werde, könnten die Daheimgebliebenen zwar die Notrufnummern wählen, sagt Sheriff Bob Gualtieri in Pinellas bei Tampa: „Aber wir werden nicht kommen.“ Rettungshubschrauber, die vor zwei Wochen bei den Überschwemmungen durch den Wirbelsturm „Harvey“ in Texas viele Menschen von den Dächern ihrer Häuser retteten, sind wegen der erwarteten Orkanböen in den Norden Floridas verlegt worden – sie könnten bei Notfällen auf den Inseln der Florida Keys nicht helfen.

"Irma" tobt am Ocean Drive in South Beach, Miami. Foto: Carlos Barria/Reuters
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Am Sonntagabend deutscher Zeit waren in Florida mehr als eine Million Haushalte ohne Strom. „Irma“ peitschte als Wirbelsturm der zweithöchsten Kategorie Vier und mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern über die Florida Keys und bewegte sich langsam nordwärts. Anders als noch vor Tagen vorhergesagt, schiebt sich der Sturm nicht an der Atlantikküste von Florida entlang nach Norden, sondern an der Westküste.

Viel ändert das nicht: „Irma“ sei breiter als die gesamte Florida-Halbinsel und bedrohe deshalb den ganzen Staat, warnte Gouverneur Rick Scott. Er befürchtet an den flachen Küsten Floridas fünf Meter hohe Sturmfluten: „Das ist höher als ein Haus“, warnte er. Amtliche Meteorologen halten „riesige und zerstörerische“ Monsterwellen an den Küsten für möglich. Scott erwartet eine Katastrophe, die selbst die Zerstörungen des Wirbelsturms „Andrew“ von 1992 übertreffen könnte. Damals wurden mehr als 60.000 Häuser zerstört.

Bilder aus Miami und anderen Städten in Florida zeigten am Sonntag windgepeitschte, von Menschen verlassene Straßen. Michael Brennan vom Nationalen Hurricane-Zentrum der USA sprach von einem „sehr gefährlichen Tag“ für den Bundesstaat. Die Inseln der Florida Keys könnten völlig überschwemmt werden. Selbst ein Einsatzzentrum der Behörden dort musste wegen des Sturms geräumt und an einen andern Ort verlegt werden.

In Estero im Südwesten Floridas bildeten sich schon am Samstag lange Schlangen von Hilfesuchenden vor einer Sportarena, die zu einer Notunterkunft für bis zu 8000 Menschen umfunktioniert worden ist. Im Landkreis Lee, zu dem Estero gehört, saßen insgesamt etwa 22.000 Menschen in Unterkünften. Etwas weiter südlich verharrten schon rund 15.000 Menschen in Unterkünften.

"Ich habe Todesangst"

Trotz der Gefahr weigerten sich aber viele, sich dem Tross der Fliehenden anzuschließen. Er wisse ohnehin nicht, wohin er gehen sollte, sagt der Anwalt Carl Roberts. Also bleibt er in seiner Eigentumswohnung im 17. Stock eines Hochhauses in Redington Shores bei Tampa an der Westküste Floridas am Golf von Mexiko. Meteorologen haben berechnet, dass er in seinem Wohnturm bald genau im Zentrum des Sturms sitzen könnte. Trotzdem bleibt er, wo er ist. Er habe sich mit Wasser und chinesischem Essen versorgt, sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Nicht alle, die bleiben, tun das freiwillig. „Ich habe Todesangst“, sagte Carol Walterson Stroud, die in einem Altersheim in Key West Zuflucht gesucht hat. Strouds Mann wollte die Gegend partout nicht verlassen, und alleine wagte sich die 60-Jährige nicht auf die Straße. Andere sind zu arm, um sich die lange Fahrt nach Norden und dort eine Hotelunterkunft leisten zu können.

Noch bevor „Irma“ auf Florida traf und dort die erwarteten Zerstörungen verursachte, trafen die Behörden im nördlich gelegenen Bundesstaat Georgia ebenfalls bereits ihre Vorkehrungen: Auch dort wurden rund eine halbe Million Menschen aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. (mit AFP)

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