Spielen in Ruinen: Berlin in den Nachkriegsjahren. Foto: picture alliance
p

Tagesspiegel vor 70 Jahren Die Kinder

11 Kommentare

Bewahrt sie vor dem engen Horizont. Schafft ihnen Umgang mit fremden Kindern. Leitartikel von Tagesspiegel-Gründer Erik Reger vom 15. Juli 1947.

Daß unter den deutschen Problemen nach der Kapitulation das der Jugend zu den ernstesten zählen werde, wurde allgemein früh erkannt und in den Programmen der Umerziehung berücksichtigt. In den Zonen, in denen man nicht mit der einfachen Tatsache Politik machen konnte, daß ein autoritäres System nach Umkehrung des Vorzeichens weiter verwendbar ist und eine Staatsjugend nach vollzogenem Flaggenwechsel wiederum Kerntruppen stellt, haben sich besonders in den letzten zwölf Monaten auf individueller Basis die Bemühungen um die Generation zwischen fünfzehn und dreißig intensiviert. In Diskussionsgruppen wird um den Sinn der Freiheit gerungen, in größeren Jugendbünden der praktische Gehalt der Freiheit erprobt. Aeußerlich mag ein Teil dieser Jugend nationalistisch erscheinen; aber noch kann niemand sagen, wieviel davon bloßer Trotz ist, wieviel Unbelehrbarkeit und wieviel tückischer Geist. Man muß es in intimem Kreise ergründen. Auch in dieser Generation gibt es Gegenkräfte nicht erst seit heute, und es ist immerhin ermutigend, daß hier die Bereitschaft zur Kapitulation des Geistes vor der Alltagsmisere geringer und die Empfänglichkeit für Persönlichkeitswerte größer ist. Die Ressentiments werden desto eher schwinden, je stärker man diese Generation die Autorität des Geistes fühlen läßt. Sie muß den Willen sehen, aus dem Geist eine Macht zu formen und die demokratischen Freiheiten nicht allein zu interpretieren, sondern praktisch vorzuleben. Darum ist es gefährlich, die jungen Leute unter sich zu lassen. Sie werden dann wieder den verderblichen Mystizismen anheimfallen und unter der Vorgabe, den Spuk der Hitlerjugend zu überwinden, an den deutschnationalen Bismarckbund anknüpfen, den sie, ganz konsequent in romantischere Vergangenheiten zurückgehend, in "Wikingerbund" umtaufen, wie es in Göttingen geschah. Damit sie nicht nationalistisch werden, muß man sie lehren, daß das Wort "national" ohne die Voraussetzung einer auf Gewissenserforschung und Achtung vor Wahrheit und Menschenwürde beruhenden Nation keine Gültigkeit hat. Und damit sie sich nicht in verschwörerische Zirkel zurückziehen, muß man sie für das öffentliche Leben interessieren, mit hinreißenden Ideen für eine künftige deutsche Bundesrepublik, für den Anschluß an Europa, an die Welt, für Ziele, die Jahrzehnte vor sich haben; man muß sie ihnen erklären, damit sie ihr Wesen von den Verzerrungen unterscheiden lernen, die ihnen Uebriggebliebene unterschoben möchten, kurz, man muß den Nebelschleier, an dem in dieser Nachkriegszeit so eifrig gewoben wird, vor ihren Augen zerreißen.

Es ist kein Zweifel, daß die Jugend gewonnen werden kann. Wird sie es nicht, so hat nicht sie, sondern haben diejenigen versagt, denen es oblag, sie zu gewinnen. Hier allerdings meldet sich Skepsis: ob es ihrer genug Sind, die es mit der nötigen Uneigennützigkeit und der nötigen: Grundsatzfestigkeit tun; ob der Sinn für Ursache und Wirkung hinreichend geschärft wird; ob Befangenheit, Ungläubigkeit und vorschnelles Urteil gegenüber der bei aller Gleichartigkeit doch auch wieder sehr unterschiedlichen Jugend nicht dazu dienen, schädlichen Einflüssen Terrain zu verschaffen. Diese Jugend muß erleben, daß die Demokraten sich ihrer Gegner zu wehren wissen. Sie muß sehen, daß die Demokratie sich weder gutmütig von alten Nationalisten oder Nationalsozialisten benutzen noch sich resignierend von ihnen in die Ecke drängen läßt. Sie muß wahrnehmen, daß der Kampf um die Demokratie tatsächlich ein Kampf ist und daß er gegen die einen Feinde geführt wird, ohne daß man sich dazu der Bundesgenossenschaft des anderen Feindes, des Kommunismus, zu versichern hätte. Mit Klarheit und Unzweideutigkeit wird man am meisten ausrichten. Wir rechnen fünfzehn bis zwanzig Jahre Vorbereitungszeit für eine deutsche Demokratie. Daß es sich um eine Vorbereitungszeit handelt, kann der Generation zwischen fünfzehn und dreißig nicht oft genug wiederholt werden. Diese Generation kann man im politischen Leben des Volkes nicht einfach ausfallen lassen, und die Rolle, die sie darin zu spielen hat, rechtfertigt die Anstrengungen. Dennoch sollte man sich bewußt sein, daß ihre Rolle, was das künftige Deutschland betrifft, nur sekundär sein kann. Sie hat nun einmal das Hitlersche Zeitalter bewußt erlebt, und die Spuren davon werden nie gänzlich zu tilgen sein. Bei den heute Zehn- bis Fünfzehnjährigen steht das in Frage. Sie sind ein unbestimmbares Zwischenreich.

Die große Hoffnung ruht auf den Kindem unter zehn Jahren. Wir meinen, daß man über dem verständlichen Eifer, mit dem man sich dem anscheinend Nächstliegenden, der Umerziehung der jungen Generation zwischen fünfzehn und dreißig, gewidmet hat, die primäre Rolle der heutigen Kinder vernachlässigt. Blickt die Fünfjährigen an: sie werden in zwanzig Jahren darüber entscheiden, ob die Vorbereitungszeit der Demokratie in Deutschland als beendet angesehen werden darf. Sie werden berufen sein, die Demokratie in Deutschland zur Lebensform zu machen. Bei ihnen handelt es sich nicht um Umerziehung, sondern um Erziehung. Scheitert, wenn sie zwanzig oder fünfundzwanzig geworden sind, die-Demokratie in Deutschland, so scheitert sie endgültig. Ihre Entscheidung aber, ihr Vermögen oder Unvermögen, wird die Frucht der Erziehung sein, die wir ihnen in den nächsten fünfzehn Jahren gehen. Gewiß, diese Kinder haben in der Mehrzahl der Fälle nationalsozialistische oder nationalistische Eltern. Aber im Politischen ist das Elternhaus von jeher nur selten ausschlaggebend gewesen. Im Gegenteil, das Uebliche war die Opposition der Kinder gegen die Väter; auch Hitler hat in der ersten Zeit und manchmal noch, später davon profitiert. Nur dort, wo die Väter ganz große Charaktere waren, wo die Kinder Format und Substanz nachhaltig empfanden, hat ihr Beispiel meistens gewirkt. Was die Kinder vor 1933, wegen der geringeren Verwirrung mehr noch vor 1914, aus dem Elternhause mitnahmen, war ein allgemeiner Eindruck, war etwas Atmosphärisches, des Politischen oder Unpolitischen, je nachdem. Die Kinder des Hitlerzeitalters entbehrten das. Totalitarismus kennt nur Fanatiker, Mitläufer oder Gegner. Er kennt nicht das Zusammenspiel der Kräfte, den Einsatz der Opposition, aus dem Politik entsteht. Er hat keinen Hintergrund, er hat nur Fassade. Die Menschen werfen sozusagen keinen Schatten mehr. Eben das ist das Manko der heute Fünfzehn- bis Dreißigjährigen. Sie sind nicht in einer echten politischen Atmosphäre aufgewachsen, sie haben keinen Hintergrund, sie sind nicht mit ihrem eigenen Schatten verwachsen. Die Schulen Hitlers waren Kasernen, und schlechte dazu. Es war auch einerlei, da ohnehin alles uniformiert war. Vor 1933 aber bedeuteten die Schulen etwas. Richtige Schulen bedeuten immer mehr als das Elternhaus. Sie beanspruchen die Kinder schon zeitlich stärker. Die fremde Autorität des Lehrers hat größeres Gewicht als die vertraute der Eltern. Jeder Vater, jede Mutter, alle, die einmal vor die Notwendigkeit gestellt waren, aus Ueberzeugungsgründen sich gegen dieses Gewicht zu stemmen, können das bestätigen. Darum ist es heute und morgen unwesentlich, wieviel von Hitler bei den Eltern verblieben ist - vorausgesetzt, daß wir die Schulen schaffen, die freien Menschen gemäß sind.

Zivilisten in Uniform. Als Vorzug sah Tagesspiegel-Gründer Erik Reger 1947 an, dass Kinder in Deutschland damals kein deutsches Militär mehr kennen lernten, sondern nur noch ausländisches. Foto: dpa
p

In der Ostzone treibt man den Teufel mit Beelzebub aus; eine Einseitigkeit ersetzt die andere. Im Westen und Süden möchte man den "soldatischen Geist" retten das "Gute" daran. Ueberall zankt man sich um Schultypen. Das Wichtigste wären geeignete Räume, geeignete Lehrer, geeignete Lehrpläne, geeignete Bücher. Das Wichtigste wäre Lehrmittelbeschaffung auf Staatskosten für Volks- und höhere Schulen, damit verbunden kostenloser Besuch der höheren Schulen. Das Wichtigste wäre eine einfache Versetzung der begabten Schüler von der vierten Volksschulklasse in die erste Klasse einer höheren Schule; nur die Wahl der höheren. Schulgattung sollte den Eltern frei sein; weniger Begabte aber hätten ohne Rücksicht auf die pekuniären Mittel ihrer Eltern die Volksschule zu absolvieren, deren Unterricht von der fünften Klasse an ganz auf ihre Förderung zugeschnitten sein müßte (wobei die Frage ihrer Versetzung in die höhere Schule nach einem Jahre nochmals zu prüfen wäre). Alles übrige sind Fragen zweiten Ranges.

Erster Vorzug der heute Fünf- bis Zehnjährigen und aller, die nach ihnen kommen: Hitler und der Hitlerismus rangieren bei ihnen in einer Reihe mit Grimms Märchengestalten. Die Eltern mögen ihnen erzählen, was sie wollen - nur der Lehrer muß ihnen Besseres erzählen. Man denke fünfundzwanzig Jahre zurück; die Kinder von damals haben sich trotz aller Erzählungen niemals etwas Wirkliches unter einem Kaiser vorstellen können. Zweiter Vorzug: die heutigen Kinder lernen kein deutsches Militär mehr kennen (die der Weimarer Republik hatten die Reichswehr und die militaristischen Verbände). Die fremden Soldaten im Lande sind uniformierte Zivilisten, und ihrer werden nach und nach, weniger; davon abgesehen, ist es für das kindliche Gemüt ein gewaltiger Unterschied, ob es Uniformen der eigenen Nationalität sind oder andere. Dritter Vorzug: die Kinder von heute erleben die Anwesenheit fremder Soldaten im Lande nicht in dem Bewußtsein der Okkupation. Sie gewöhnen sich daran als an einen natürlichen Zustand, und während sie heranwachsen, wird die Okkupation als solche unsichtbarer; ein politisches Ressentiment kann bei ihnen nicht entstehen - wenn verhindert wird, daß die Schulen es pflegen. Vierter Vorzug: die Kinder von heute empfinden die Soldaten in erster Linie als Angehörige fremder Völker; der Umgang mit ihnen wird ihnen in diesem Sinne vertraut, das Ungewohnte wird ihnen gewohnt, sie merken, daß die Luft der Welt durch Deutschland weht, Deutschland erscheint ihnen nicht mehr als ein selbstherrliches Gebilde, das internationale Gepräge wird ihnen zweite Natur, in den Spalten der Zeitungen, wenn sie einmal lesen können, treffen sie Autoren aller Länder an. Fünfter Vorzug: die Kinder von heute kennen keine andere Umgebung als Ruinen und keine anderen Verhältnisse als Entbehrung; wie langsam auch die Dinge sich bessern, sie bessern sich, während sie älter werden, und wo immer ein neues Haus emporwachst, wächst es mit ihnen. Daß Ruinen ihre Spielplätze sind, stimmt' traurig; sie aber finden es lustig. Darin liegt eine Verpflichtung für uns. Sie haben bei Gott keine glückliche Kindheit, aber sie haben auch noch keine glücklichen Zeiten gesehen. Die Vergangenheit war für sie nie lebendig. Ihre bleichen Gesichter werden nicht von heute auf morgen erröten; aber ihre Augen sind noch klar und spiegeln jede kleine Freude, jeden kleinen Trost. Ob wir in ihnen die Zukunft sehen, ist unsere, nicht ihre Angelegenheit. Das Elend mag sie gelegentlich zu bösen Schelmen machen; das ist noch nicht unwiderruflich. Ihre Eltern mögen sie hie und da zu Diebereien und Betteleien mißbrauchen: das ist Gott sei Dank noch nicht die Regel. Sie haben das unschuldige Lachen noch nicht verlernt, in welchen Situationen wir sie auch ertappen, welche Situationen sie selbst auch erblicken. Sie sind noch immer, wie Kinder zu allen Zeiten sind: begierig, wenn Dinge da sind, die Begierden reizen, genügsam, wenn Primitives ihre Phantasie entzündet. Aber das trockene Stück Brot, das allzuoft ihren Hunger nicht stillen kann, weckt mehr als je die Sehnsucht nach dem Brocken Schokolade, nach dem Kuchen, nach dem Apfel, nach all den Genüssen des verschlossenem Paradieses, von dem jedes Kind als Erbe des goldenen Zeitalters der Menschheit eine Ahnung aus dem Mutterschoße mitbekommen hat, auch wenn es seiner nie teilhaftig wird.

Dies ist, wohlverstanden, kein spezielles Elendsplädoyer für deutsche Kinder. In diesen Spalten ist die europäische Not, die Hitlerdeutschland erzeugt hat, wahrhaftig nie bagatellisiert, nie "Deutschland zuerst" gerufen worden. Aber ob Europa einmal friedlich und menschenwürdig leben kann, hängt nun einmal davon ab, was aus diesen deutschen Kindern von heute wird. Keine Nation, die sich um die Zukunft der Welt Sorgen macht, kann an dieser Tatsache vorbeigehen. Die Nahrung, die anderen Kindern Europas gegeben wird, steht unter dem Gebot der Menschlichkeit, der Wiedergutmachung, des Dankes für den Widerstand gegen Hitler. Die Nahrung, die deutschen Kindern gegeben wird, steht unter einem hochpolitischen Gebot. Doch auch Kinder leben nicht vom Brot allein. Denkt an den Geist. Ueberwacht die Schulen. Ueberwacht die Spiele. Organisiert, sobald diese Kinder größer werden, Aufenthalte in fremden Ländern für sie, damit sie dort sehen und denken und unter freien Menschen sich frei bewegen lernen. Schafft ihnen Umgang mit fremden Kindern in Deutschland, Verkehr in fremden Familien, die in Deutschland ansässig sind. Bewahrt sie vor dem engen Horizont. Die Auspizien sind günstig wie nie. Wir wissen, wievieles schon geschieht. Glaubt nicht, daß ihr die deutschen Kinder verwöhnt. Das "Einteilen" ist schon den Achtjährigen in Fleisch und Blut übergegangen. Ein unterernährtes Geschlecht bleiben sie ohnehin. Das wird nie wieder aufzuholen sein, wir haben es nach 1918 gesehen, als die Verhältnisse etwas weniger scheußlich als heute waren. Damals hatten Geldsammlungen in Deutschland einigen Zweck, heute ist auch für Geld nichts zu kaufen. Aber was immer an Energien zu sammeln ist, sollte den Kindern gewidmet werden. Wenn die Besetzung Deutschlands endet, werden sie vielleicht zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt sein. Was jetzt an ihnen versäumt wird, zeigt sich dann als Fehlbetrag in der geschichtlichen Bilanz.

Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger (1893-1954). Foto: dpa
p

Tweets aus der Nachkriegszeit mit Zitaten und Beiträgen des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger und anderer Tagesspiegel-Autoren aus jener Zeit finden Sie hier.

Zur Startseite