Geschichte Virginia & Vita in Berlin

Elfi Bettinger
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Es war eine große Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen: Virginia Woolf und Vita Sackville-West. 1929 treffen sie sich in Berlin. Und nach einer wilden Woche ist nichts mehr wie zuvor.

In einer klaren Frostnacht dinieren die englischen Schriftstellerinnen Vita Sackville-West und Virginia Woolf im Restaurant auf dem noch jungen Funkturm. Es gibt Ente, unter ihnen liegt das funkelnde Lichtermeer Berlins. Es ist der 23. Januar 1929, der letzte Abend von Virginia Woolfs einwöchigem Besuch in Berlin. Und so romantisch das Beisammensein auch sein mag, das Verhältnis der beiden, es wird danach nicht mehr das gleiche sein.

Der Winter 1928/29 war bitterkalt. Über der Ostsee lag eine geschlossene Eisdecke. Für den Januar notierte die histo rische Wetteraufzeichnung nur Minusgrade, der Februar wurde gar zum kältesten Monat des Jahrhunderts. Es schien, als wollte das Wetter Virginia Woolfs Schilderung des großen Frosts von 1608 in ihrem gerade veröffentlichten Roman „Orlando“ überbieten. Die englischsprachige Ausgabe lag bereits in den Berliner Buchhandlungen aus.

Virginia Woolfs Kritik an der patriarchalischen Kultur und der Unterdrückung weiblicher Kreativität hat sie zu einer Ikone der Frauenbewegung gemacht. Eine ungewöhnliche Frau aus einem un gewöhnlichen Umfeld: Bloomsbury, der Londoner Intellektuellenzirkel, dem Schriftsteller, Maler, Kritiker angehörten, aber auch jemand wie der Ökonom John Maynard Keynes. Sie alle waren Persönlichkeiten mit exzentrischen Lebensentwürfen. Ihre sexuelle Freizügigkeit begünstigte zwar komplizierte Verhältnisse. Doch mit ihnen begann auch die englische Moderne.

Virginia Woolfs Leben ist durch ihre Tagebücher und Briefe bestens dokumentiert, wie überhaupt der Bloomsbury Nachlass die Nachwelt bis heute beschäftigt. Der Berlin-Besuch vor 80 Jahren aber blieb so gut wie unbekannt. Das englische Bild von Berlin als dekadenter Metropole der Ausschweifungen wurde von anderen geprägt. Ende der 20er Jahre tauchten junge Männer wie Christopher Isherwood erlebnishungrig in die soziale Welt des schwulen Berlins ein. Dabei bestärkte Isherwoods „Goodbye to Berlin“, die Vorlage für den Film „Cabaret“, nur den bereits legendären Ruf der Stadt. Eine Studie zu seinen Berlin-Jahren vergleicht den Sextourismus in die damalige Reichshauptstadt gar mit dem ins heutige Bangkok. Von Inflation und Bankenkrise geschüttelt, konnte Berlin nach dem Ersten Weltkrieg – arm, aber sexy – als Partymetropole gelten. Seine Museen, Galerien, die Oper und das Planetarium nennt Virginia Woolf, im Januar 1929 wird sie 47 Jahre alt, als Anreiz für den Besuch, aber auch: „Vita hat versprochen, uns das Nachtleben zu zeigen.“

Vita Sackville-West, 36, kennt sich in der Stadt aus. Ihr Mann, der Diplomat Harold Nicolson, war im Oktober 1927 von Teheran an die britische Botschaft nach Berlin versetzt worden. Die Nicolsons hatten den Sommer 1928 standesgemäß im luftigeren Potsdam verbracht, in der Mangerstraße am Heiligen See. Jetzt wohnen sie im vornehmen Tiergarten in der Brückenallee 24 (heute Bartningallee).

Vita Sackville-West entstammte altem Hochadel. Sie und ihr Mann waren ebenfalls schriftstellerisch tätig. Sackville- Wests Bücher, Romane, die meist in adligem Umfeld angesiedelt waren, historische Abhandlungen sowie Reisebücher, verkauften sich besser als die frühen Werke von Virginia Woolf. Erst deren „Orlando“ erzielte bei den Verkaufs zahlen einen Durchbruch.

Die Bloomsburys blickten mit intellektueller Arroganz auf die Nicolsons herab. Doch deren adlige Nonchalance war bemerkenswert. Der Sohn Nigel Nicolson veröffentlichte nach dem Tod der Eltern deren private Papiere. So erfuhr die Nachwelt vom Arrangement beider Partner, die nach wenigen Ehejahren und zwei Söhnen ungezwungen, aber diskret ihren homo sexuellen Neigungen folgten. Nahezu täglich schrieben sie sich Briefe, in denen sie recht offen über langjährige Liebschaften und kurze Affären sprachen.

Aus Berlin schreibt Vita Sackville- West 1928/29 mehr als ein Dutzend Briefe an Virginia Woolf, mit der sie drei Jahre zuvor eine Liebesbeziehung begonnen hat, die allerdings inzwischen durch Affären belastet wird. Virginia Woolf droht gar, sich in „Orlando“ vor aller Welt zu rächen. Im Oktober 1928 ist die fantastische Biografie eines Edelmanns erschienen, der vier Jahrhunderte durchschreitet, auf magische Weise sein Geschlecht wechselt, um dann als junge Dichterin in der Gegenwart von 1928 anzukommen. Selbst uneingeweihte Leser erkennen schnell das Vorbild für Orlando. Eine Widmung „Für Vita Sackville-West“ sowie die in das Buch eingefügten Fotos ließen keinen Zweifel aufkommen. Selbst in Berlin wurde Sackville-West auf Empfängen schon als Orlando angesprochen.

In ihren Briefen an die Geliebte klagt sie nun, Berlin sei ein „bloody place“, eine schreckliche Stadt. Nur wegen ihres Mannes halte sie es hier aus. Im gleichen Atemzug allerdings breitet Sackville-West ein aufregendes Berliner Leben vor ihrer Leserin aus: Sie geht in den Sportpalast, wo „die jungen Männer von Berlin sechs Tage und sechs Nächte ein Radrennen auf einer Bahn fahren“, und zum Eishockey, („bei elektrischem Licht“). Im Adlon hat es ihr die Bar „mit den schäbigen Journalisten“ angetan, bei Wertheim am Leipziger Platz, dem größten Kaufhaus Europas, kauft sie Handschuhe für vier Mark. In ihren Berichten vom diplomatischen Parkett und den literarischen Zirkeln schwingt stets ein sexueller Unterton mit. So nennt sie gegen alle diplo matischen Gepflogenheiten die Frau des Außenministers Gustav Stresemann „die lüsterne Katie“, Margaret Goldsmith-

Voight, die amerikanische Schriftstellerin, ist bei ihr „eine Frau von zweifel hafter Moral“, die schnell zur „Busenfreundin“ wird. Die Dichterin Else Lasker- Schüler stellt sie als „ihr einziges Vergnügen und ihre Erholung“ vor. Sie schmeichelt Virginia Woolf, indem sie ihr mitteilt, wie sehr sie in der Berliner Intelligentia für den Roman „Orlando“ bewundert werde.

Vor allem aber das Berliner Nachtleben soll als Lockmittel dienen. Mit lustvoll entsetztem Voyeurismus schwärmt Sackville-West von Transvestitenbars, lesbischen Revuegirls und allerorts kursierender Pornografie. Wohl wissend, dass sich die Bloomsburys aktiv gegen Zensur und Diskriminierung von Homosexualität engagieren, zieht Sackville-West alle Register. Sie übertreibt dabei nicht einmal. Der Journalist Curt Moreck bringt beinahe zur gleichen Zeit seinen „Führer durch das lasterhafte Berlin“ heraus und nennt nur für Schöneberg ein halbes Dutzend lesbischer Bars, vom „Violetta“ in der Bülowstraße übers „Olala“ bis zur „Verona-Diele“ in der Eisenacher.

Virginia Woolf entschließt sich, zu Vita nach Berlin zu kommen. Allerdings nicht alleine, zum Bedauern der Freundin. Ehemann Leonard Woolf sowie ihre Schwester Vanessa Bell mit Sohn Quentin und Partner Duncan Grant schließen sich an. Sackville-West reserviert für neun Mark pro Nacht fünf Einzelzimmer mit Telefon, Lift, Warmwasser im Hotel Prinz Albrecht in Berlin-Mitte (in der heutigen Niederkirchnerstraße).

Nicht alle amüsieren sich. Den Nicolsons, schreibt Virginias Schwester Vanessa Bell, verdanke man den unerquicklichsten Abend. Zu neunt seien sie zum Essen verabredet gewesen, doch ihre Gastgeber hatten keinen Tisch bestellt. Nirgendwo ist einer frei. Im Schneematsch rennen sie von einem Restaurant zum anderen, bis sie schließlich irgendwo Platz finden und zu Abend essen. Dann wollen sie sich im Kino den neuen Film „Sturm über Asien“ ansehen, russische Avantgarde von Pudowkin. Der zwölfjährige Sohn Nigel wird nicht eingelassen – ein weiteres Debakel. Nach dem Film steht man gereizt im Dunkeln im Matsch herum. Der Sohn der Nicolsons begründet später die schlechte Stimmung damit, dass seine Mutter an dem Tag Virginia Woolf nach Sanssouci entführt habe, was ihr alle übel genommen hätten.

Schon vorher hatte Vanessa Bell geahnt, dass Vita, die ein Auto hat, mit Virginia „umherflitzen wird.“ Aus Anmerkungen lässt sich rekonstruieren, dass sie gemeinsam Galerien, Museen und mehrmals die Oper besuchen. Vita Sackville- West geht mit Virginia Woolf ins Wellenbad in Halensee. Der dortige Lunapark ist Europas größter Vergnügungspark, der Riesenpool mit seiner Wellenmaschine ist allabendlich geöffnet. Es gibt Menschen, die das Badetreiben schamlos finden, „Nuttenaquarium“ nennen die Lästermäuler das Bad.

Besonders begeistert ist Virginia Woolf vom Zoo mit seinem spektakulären Aquarium und dem Planetarium. Harry Graf Kessler treffen sie zum Tee, dessen Wohnung in der Köthener Straße gilt als stil bildend, seit der belgische Jugendstil designer Henry van der Velde sie eingerichtet hat. Der kosmopolitische Demokrat und großzügige Kunstmäzen, der als Wegbereiter der Moderne gilt, war rastlos zwischen Berlin, Paris, London und Weimar unterwegs und bestens mit Bloomsbury-Mitglied Roger Fry bekannt, die beiden gingen aufs gleiche Internat. Für den 22. Januar 1929 vermerkt er im Tagebuch die Teestunde mit Vita Sackville-West, Virginia und Leonard Woolf.

Kessler beschreibt Virginia Woolf wenig charmant als „ältlich und vertrocknet“. Scharfsichtig sein Urteil zu Vita Sackville-West: „Mrs. Nicolson ist ebenso typisch Aristokratin, große Dame, lang, schlank, große Linie, leichte, freie Haltung, bei großem Stil bei jeder Bewegung; ein Mensch, der nie irgendeine Verlegenheit oder soziale Schranke gekannt hat.“ Umgekehrt fasziniert auch Kessler seine Gäste. Sackville-West kolportiert die Gerüchte, er sei der Bastard von Kaiser Wilhelm, Kupferminen in Mexiko hätten ihn unermesslich reich gemacht und er sei homosexuell.

Auf der Heimreise nach England erleidet Virginia Woolf einen Zusammenbruch. Ihr Mann schiebt das auf die von zu langen Berliner Nächten überreizten Nerven seiner Frau. Konsequent werden Bettruhe und Schreibverbot verordnet, kein Tagebuch, keine Briefe. Einzig die Korrespondenz mit Vita Sackville-West ist erlaubt.

Die bleibt bis Ende Februar in der Stadt und kommt, da ihr Mann im Sommer 1929 den diplomatischen Dienst quittiert, nie mehr zurück. Ihre letzten Wochen lässt sie sich von niemandem verderben. Zwar beteuert sie erneut, wie sehr ihr die Freundin in der „grauenvollen Stadt“ fehle, um aber sogleich mit ihren Eroberungen zu prahlen. Sie habe eine rothaarige Fotografin kennengelernt: „Rotschopf manövrierte mich in einen dunklen kleinen Raum, wo sie mir Bilder von Josephine Baker zeigte – nackt bis zur Hüfte“, die Tänzerin hatte, nur mit einem Bananenröckchen bekleidet, in Paris und Berlin Aufsehen erregt, „und andere Fotografien von einer Unanständigkeit, die ich nicht beschreiben werde; sie betrachtete mich lüstern, ließ mich den Hut abnehmen und bedrängte mich so lange, bis ich zusagte, ihr morgen Modell zu sitzen. Sie verursachte mir eine Gänsehaut.“

Der „Rotschopf“ ist Frieda Riess, deren Wiederentdeckung das Verborgene Museum im Sommer 2008 eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie widmete. Als Star ihrer Zunft fotografierte „die Riess“ alle Berühmtheiten ihrer Zeit. Ihre Akte von männlichen und weiblichen Modellen, darunter die Serie mit Josephine Baker, erregten in den 20ern weithin Aufsehen.

Sackville-Wests Briefe aus der deutschen Hauptstadt wirken weiterhin wie Wechselduschen – aufheizen, abkühlen. Aber nach Berlin hat sich die Beziehung beider Frauen verändert. Das wird deutlich, als Vita Sackville-West auf Vorwürfe Leonard Woolfs grob an Virginia Woolf antwortet: Neben der Grippe sei es unterdrückte Geilheit (SUPPRESSED RANDINESS, in Großbuchstaben), die Virginia krank mache. Und sie beruft sich auf ein Geständnis Virginia Woolfs auf dem Funkturm, „als die Suchscheinwerfer sich drehten und drehten“.

Erstaunlicherweise zeigt sich Virginia Woolf über die reichlich ungehörige Diagnose nicht erzürnt, sondern verunsichert. Ob die Freundin überhaupt noch irgendwelche der Gefühle teile, schreibt sie, „von denen ich Dir erzählt habe, als wir auf dem Funkel-Turm Ente aßen?“ Alles deutet darauf hin, dass hoch über Berlin etwas passiert sein muss.

Vita Sackville-West hatte nach dem Abend auf dem Funkturm in ihr Tagebuch notiert: „V. sehr indiskret.“ In einem Brief einen Tag später ist von Gefühlen die Rede, denen die Freundin beim Dinner „solch erschreckenden und beunruhigenden Ausdruck“ verliehen habe. Die Zurückweisung eines leidenschaftlichen Geständnisses ist schwer zu ertragen. Auf dem höchsten Punkt Berlins muss Virginia Woolf – vielleicht unbewusst – erkannt haben, dass ihre Liebesbeziehung zu Ende ging.

Nach ihrer Genesung wird Berlin zwischen ihnen nie mehr erwähnt. Beide Frauen bleiben zwar Freundinnen, aber ihre Wege trennen sich. Von der Reise Virginia Woolfs nach Berlin aber bleibt ein Wortspiel: Funkel-Turm. Immerhin.

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