"In der Paulskirche war es nur eine kleine ... Minderheit, die wirklich Demokratie meinte ... Den anderen war Volkssouveränität lediglich ein Vorwand für nationalistische .Einheitsbestrebungen ...", schreibt Erik Reger. Auch 1848 taugt demnach laut Dolf Sternberger nicht für "bequeme Berufungen auf bessere Vergangenheiten". Foto: Wikipediap

Dolf Sternberger über Erik Reger Im Kampf mit den Gespenstern

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Im Tagesspiegel vor 70 Jahren: "Es wird eine radikal neue Einsicht und Absicht gefordert." Dolf Sternberger über Erik Regers Buch "Vom künftigen Deutschland".

Erik Reger: Vom künftigen Deutschland. Aufsätze zur Zeitgeschichte. Erster Band der Beiträge zur geistigen Erneuerung. Lothar Blanvalet Verlag, Berlin. 186 Seiten. Broschiert 4,20 Mark.

Das Metier des Journalismus hat seine eigenen Maximen. Die Oeffentlichkeit ist nichts weniger als eine Bühne, auf die man aus der Kulisse hinausträte, oder ein freier Platz, dem man aus den Gassen, Häusern und Schlupfwinkeln des privaten und intimen Lebens zueilte, um die heitere Weite zu genießen und im Korso mit seinesgleichen zu lustwandeln - die Oeffentlichkeit ist überhaupt nichts, was man schon vorfindet, sondern etwas, was man alle Tage erst herzustellen und immer wieder zu eröffnen hat. Dies eben ist das Metier des Journalisten.

Liest man die Aufsätze Regers aus dem einen Jahr von der Gründung des Tagesspiegels bis zum Herbst 1946 in einem Zuge (wie sie geschrieben zu sein scheinen), so gewahrt man in wachsendem Maße, in welches Gewühl, in welches Dickicht der entweder starren oder schwankenden Meinungen, der verdeckten und vertauschten Fronten, der halbdunklen und halbgaren Triebgerüchte, der schwirrenden Affekte und lauernden Nachreden, in welche. Trübungen, Luftspiegelungen, Nebelschwaden, Vexierstücke der Einbildung wie der Begriffe der Publizist sich begibt, wenn er sein Metier ernst nimmt.

Nicht selten fühlt man sich mit dem Autor dermaßen verstrickt, umschlungen, getäuscht und eingepreßt, daß man den Mut aufzugeben versucht ist. Was er, der Autor, freilich niemals tut. Er bleibt - vielleicht nicht immer unverdrossen, wohl aber stets unerschrocken - an seinem Werke, gleichsam im Handgemenge sichtbar, um sich und uns die Bahn der Vernunft und der Freiheit stets von neuem zu öffnen: fast alle Thesen und jedenfalls die besten, hellsten, treffendsten Formulierungen sind aus der Diskussion - nicht mit bestimmten, individuell sichtbaren Gegnern oder Partnern, sondern mit jenen ungewissen, aber mächtigen Gespenstern des Gerüchts und Gerauns -, aus der Polemik gegen gängiges Gerede und beschränkte Konvention, aus der Korrektur des Halbwahren und aus der Entlarvung der Lüge gewonnen, und der Leser empfindet die Glanzpunkte seiner politischen Einsicht wie Trophäen, die jener eilends auf die Lanze steckt und unverlierbar aus dem Getümmel heimbringt.

"Verantwortung für die Wahrheit, in die Hand des Publizisten gelegt"

So finden wir auch, daß Reger eine der bedeutendsten Maximen seines publizistischen Amtes, diejenige von der "Verantwortung des Weltbürgers", gerade der Auseinandersetzung mit dem hämischen, weil unteilnehmenden Einwand abgewonnen hat, die jetzigen Journalisten dürften auch nicht alles schreiben, was sie wüßten und dächten: er hat sich nicht in eine falsche Verteidigung drängen lassen, sondern er schiebt diese stumpfe Waffe mit einem Griff beiseite: "Auch wenn durch die Tatsache der Okkupation in einem besiegten Lande keine naturgemäßen Schranken errichtet wären, würden wir nicht .alles schreiben, was wir wissen und denken. Wir würden genau dasselbe nicht schreiben, was wir jetzt nicht schreiben. Denn es ist die Verantwortung des Weltbürgers, die uns unser Gesetz gibt. Sie zwingt das eine Mal zu reden, das andere Mal zu schweigen."

Die Verantwortung für die Wahrheit, die in die Hand des Publizisten gelegt ist, und die ihn sehr einfach und deutlich vom Propagandisten unterscheidet, diese Verantwortung für die Wahrheit darf eben nicht mit der michelhaft-eigensinnigen, zuchtlosen, unbesonnenen Lust und Lüsternheit verwechselt werden, jedermann fortwährend "die Wahrheit" oder auch "die Meinung" zu sagen. Darum eben ist sie Verantwortung. Und nicht bloß der Nutzen, sondern die Wahrheit selber geht in Scherben, wenn man keinen anderen Gebrauch davon macht, als sie anderen an den Kopf zu werfen.

Diese Verantwortung des Weltbürgers, gerade sie ist es, die den Publizisten ganz offenbar bestimmt, auf eine so entschiedene und unablässige Weise innere Politik zu treiben. Denn weil (mit seinen eigenen Worten) "alles, was wir als deutsche Patrioten in diesem prekären Augenblick zu tun hätten", darin bestünde, "unsere Zukunft als mit der Zukunft der Welt identisch zu empfinden" - vielmehr: weil in der Tat und in der direktesten Weise unsere deutsche Zukunft eine Funktion der "Zukunft der Welt", will sagen der Zukunft des Systems der Nationen überhaupt ist -, deswegen ist auch umgekehrt die deutsche innere Politik nicht bloßes Abbild, sondern Probefall der Weltpolitik oder, wie ich gern sagen möchte: der Welt-Innenpolitik. Eine andere Außenpolitik gibt es ohnedies nicht mehr als diejenige, die in dem Begriff der Welt-Innenpolitik eingeschlossen ist, mag sie im übrigen gut oder schlecht sein, und mag sie zum guten oder schlimmen Ende führen.

Freilich enthält dieser Band von "Aufsätzen zur Zeitgeschichte" nicht sowohl Analysen praktischer innenpolitischer Probleme, nicht Kommentare zu jeweils aktuellen Vorgängen oder Vorlagen in Parlamenten und Verwaltungen als vielmehr grundsätzliche, dabei stets in Beispiel und Vergleich realisierte und stets äußerst aktive Betrachtungen. Frage ich mich, welche Gesinnungen und politischen Motive durch alle Bezirke dieser Betrachtung hindurchgehen, so finde ich in allen kritischen Gefechten mit den neu-totalitären Gespenstern, in aller bitteren Abwehr nationalistischer Rückstände und Rückfälle, in allen Aergernissen über die wiederkehrende alte Parteienbürokratie immer das eine positive, belebende und schlechthin überzeugende Grundgefühl wieder: den Mut zur Freiheit, zur Freiheit des einzelnen. Wie es im allerletzten Satze des ganzen Buches als Appell ausgesprochen ist: "Habt den Mut, ohne Angst zu leben - dann seid ihr frei!" - das ist genau die Parole, die uns not tut und die uns wohltut. Und es ist wahrlich hier keine Parole, die bloß für die anderen gälte, sondern sie ist auf jeder Seite und in all der maßvollen Unerschrockenheit dieses Autors verwirklicht, und sie sollte und könnte ansteckend wirken und sich ausbreiten im Lande. Dies ist die Grundgesinnung.

Eine moralische Revolution vorantreiben

Die politische Diagnose des gegenwärtigen Deutschland, aus der die Therapie und das Bild des künftigen Deutschland folgen, scheint mir auf der These zu beruhen, daß eine moralische Revolution wenn nicht im Gange sei, so doch betrieben werden müsse. Zum allermindesten ist es Regers eigenes und innerstes Anliegen, eine solche moralische Revolution voranzutreiben. Das bedeutet, daß er nicht traditional, sondern kritisch geschichtlich denkt, daß er so gut wie keine deutsche geistig-politische Kontinuität sehen und empfinden kann, vor allem keine Ansatzpunkte in der Weimarer Republik, da sie den Keim des Verderbens in sich selbst getragen hat: "Die Verantwortlichen von damals ... haben Deutschland verspielt .. ., und wir verlangen, daß sie schweigen." Beinahe ebensowenig gibt es, nach Reger, eine Möglichkeit, an den Demokratismus der Paulskirche wiederanzuknüpfen: "In der Paulskirche war es nur eine kleine ... Minderheit, die wirklich Demokratie meinte ... Den anderen war Volkssouveränität lediglich ein Vorwand für nationalistische .Einheitsbestrebungen ..."

Derart werden uns hier bequeme Berufungen auf bessere Vergangenheiten, werden demokratische Restaurationsmöglichkeiten abgeschnitten, es wird eine radikal neue Einsicht und Absicht gefordert, und eben darum nannte ich Regers diagnostische These diejenige der moralischen Revolution. Glücklicherweise hindert diese Radikalität den Politiker Reger aber durchaus nicht an der freudig-entschlossenen Zuversicht: "Wir stehen dafür ein, daß diese zweite Schlacht um die Demokratie in Deutschland nicht verloren wird." Die zweite Schlacht nämlich - nach der ersten wider den Nationalsozialismus, die verloren worden ist -, diese zweite Schlacht wird gegen die totalitären Tendenzen "von links" auszukämpfen sein. (Aber freilich nicht allein gegen diese!) In dieser Hinsicht teilt sich dem Leser, der im Südwesten sitzt, durchgehend das Gefühl mit, daß dieser Autor "an der Front" steht - um das militärische Gleichnis vollends auszubilden.

Leidenschaftliche Wachsamkeit

Alle die scharfsinnigen, durchaus politischen Durchleuchtungen der Gefahren der Massenparteien im allgemeinen und der "Einheits"-Usurpationen im besonderen sind erfüllt, ja erhitzt von dem Ernst, daß es hier und jetzt darauf ankomme, daß sich alles Geschichtliche im Nu, in der Wachheit des Augenblicks, entscheide, daß die Geschichte nicht den Trost des "Einmal ist keinmal" gewähre (wie Reger selbst formuliert). Diese leidenschaftliche Wachsamkeit, dieses nie erlahmende Entscheidungsbewußtsein ist es, was dem ganzen Buch sein eigentümliches Klima - ein heißes Klima-- verleiht.

Aber ich muß sogleich hinzufügen, daß Kampf und Gefecht keineswegs das letzte ist, daß Reger viel zu sehr Zivilst, viel zu freisinnig ist, um solchen Kampf anders denn widerstrebend auf sich zu nehmen. Und es muß ferner hinzugefügt werden, daß auch dieser Kampf um die Freiheit der Person, um das Menschenrecht, durchaus als innenpolitische, innerdeutsche Angelegenheit zu verstehen ist. Reger ist ganz ebensosehr - um deutlich zu sein - ein Feind des Krieges wie ein Freund der Freiheit. (Nicht ein Pazifist, sondern ein Feind des Krieges!) Dieses doppelte Ziel, daß wir Freiheit und Frieden wollen, wollen müssen, weil wir Freiheit und Frieden brauchen, dieses doppelte Ziel umfaßt die ganze Paradoxie des gegenwärtigen Deutschland und bezeichnet die genaue Wegrichtung ins künftige Deutschland. Es ist ein Weg zwischen Abgründen, und es gehört (noch einmal) alle Wachsamkeit und Unerschrockenheit dazu, ihn zu gehen.

Tweets aus der Nachkriegszeit mit Zitaten und Beiträgen des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger und anderer Tagesspiegel-Autoren aus jener Zeit finden Sie hier.

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