Der Untote

Volker Skierka
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Vor 20 Jahren starb Ministerpräsident Uwe Barschel in einem Genfer Hotelzimmer. Selbstmord. Doch die Verschwörungstheorien nehmen kein Ende

Meine Damen und Herren, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind!“ Das – falsche – Ehrenwort des einstigen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel inmitten des Kieler Affärensumpfes vor 20 Jahren hat immerhin etwas Gutes gebracht: Seitdem sich der trotzige Auftritt vor den Medien des Landes als Lügeninszenierung entpuppt hatte, ist die Öffentlichkeit vor Ehrenworten prominenter Personen wohltuend verschont geblieben. Selbst die reinste Wahrheit ist heute nichts mehr wert, sollte der Verkünder sie mit einem inbrünstigen Ehrenwort verknüpfen. Der Nachteil ist: Um die Glaubwürdigkeit der Menschen nicht nur in der Politik ist es seither schlechter bestellt.

Am 11. Oktober 1987, rund drei Wochen nach seinem Ehrenwort, wurde Barschel von einem „Stern“-Reporter im Hotel „Beau Rivage“ in Genf tot in einer gefüllten Badewanne aufgefunden. Todesursache? Ein tödlicher Medikamentencocktail. Todesart? Selbstmord (sehr wahrscheinlich, bei nüchterner Betrachtung), ein als Selbstmord getarnter Mord durch Auftragskiller (weniger wahrscheinlich, aber die im Volk und unter Chefredakteuren populärste Variante) oder Selbstmord-Sterbehilfe durch eine nahestehende Person (möglich, aber unpopulär). So richtig in Fahrt kamen die Mordfantasien nach der deutschen Wiedervereinigung. Es kam heraus, dass der politische Ziehsohn des ehemaligen Finanzministers Gerhard Stoltenberg offenbar ein pikantes Doppelleben geführt hatte: Mehr als ein Dutzend Mal war er ohne Personenschutz in die DDR gereist, wo er von den Grenzern offenbar wie einer der Ihren durch den Eisernen Vorhang gewinkt wurde. Drüben pflegte er dann zum Beispiel im Hotel „Neptun“ in Warnemünde bei Rostock „Kontakte mit attraktiven jungen Frauen“. Dass er sich durch dieses mysteriöse Verhalten als westdeutscher Regierungschef und Geheimnisträger erpressbar machte, schien ihn nicht bekümmert zu haben, wie jetzt in dem beim Propyläen-Verlag erschienenen Buch „Der Fall Barschel. Ein tödliches Doppelspiel“ nachzulesen ist. Als ob er höchste deutsch-deutsche Protektion genoss.

Von Mittlerdiensten Barschels im internationalen Waffenhandel bundesrepublikanischer Unternehmen wie den damals praktisch bankrotten Kieler Howaldtswerken mit dem Apartheid-Staat Südafrika, dem Mullah-Regime im Iran und Israel ist die Rede. Aus Südafrika und dem Iran sollen enorme Schmiergelder geflossen sein, mit denen Barschel auch seinen Wahlkampf finanziert haben soll. Aber wer hatte den Biedermann Barschel an solch brandheiße Geschäfte herangeführt, bei denen die DDR möglicherweise eine perfekt abgeschirmte Drehscheibe war? Solch ein Coup aber hätte schwerlich ohne Wissen und Mitwirkung des damaligen Bundeskanzleramtes und seines Chefs sowie des Bundesnachrichtendienstes (BND) funktionieren können. Die Einzigen, denen zuzutrauen gewesen wäre, solche Geschäfte einzufädeln, wären der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski und der einstige CSU-Chef Franz Josef Strauß gewesen.

Angenommen, Barschel würde in diesem Zwielicht eine Rolle als grenzüberschreitender Laufbursche gespielt haben, würde das auch die Zwanghaftigkeit und Skrupellosigkeit erklären, mit der er sich an der Macht zu halten versuchte, sowie seinen extensiven, weit über die in den Beipackzetteln angegebenen Grenzwerte hinausschießenden Konsum an Psychopharmaka wie zum Beispiel dem Angstlöser „Tavor“. Der hatte im Sommer 1987 schließlich zu einem besorgniserregenden Verlust der Selbstkontrolle geführt und den Mann zunehmend unberechenbar gemacht, wie der Untersuchungsausschuss zutage förderte. Als er im Zimmer 317 des Genfer „Beau Rivage“ starb, hatte er längst alles verloren, war wertlos und zudem unglaubwürdig geworden. Welchen Sinn und Nutzen hätte es also gehabt, so jemanden noch auf diese vertrackte Weise umzubringen und dabei Gefahr zu laufen, unnötig Staub aufzuwirbeln und am Ende sogar noch erwischt oder gesehen zu werden? Für ein Mordszenario wäre viel eher Barschels Flugzeugabsturz in der dunklen Regennacht des 31. Mai 1987 auf dem einsamen Flugplatz Blankensee geeignet gewesen, bei dem er im Gegensatz zu den beiden Piloten und seinem Sicherheitsbeamten wie durch ein Wunder schwer verletzt überlebte.

Genf ist spannender. Journalisten fanden später heraus, zum Zeitpunkt von Barschels Aufenthalt trieben sich dort so verdächtig viele Geheimdienstler aus dem Iran, aus Südafrika, dem Nahen Osten, den USA und aus der Bundesrepublik herum, dass sie einander ständig hätten über die Füße fallen müssen. Sogar ein südafrikanischer Killer, wohl auch ein israelischer, sollen unterwegs gewesen sein. Und der damalige CIA-Mann und heutige US-Verteidigungsminister Robert Gates hat angeblich im selben Flugzeug wie Barschel gesessen. Kenner dieser Szene meinen, diese hohe Agentenfrequenz sei für Genf normal.

Immerhin aber – und das schien wirklich verdächtig – hatte der deutsche Vielzweckagent Werner Mauss im selben Hotel wie Barschel gebucht, jedoch tatsächlich im benachbarten „Le Richemont“ geschlafen. Wie der heutige „Spiegel“-Chef Stefan Aust damals herausfand, flog Mauss zusammen mit seiner Frau an Barschels Sterbewochenende auffallend häufig in einem gecharterten Jet zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her. Reiner Zufall, hieß es. An jenem Wochenende habe das Ehepaar Mauss in Kooperation mit dem Krisenstab der Bundesregierung im Rahmen einer Sondermission in Genf – zufällig – um die Freilassung der im Libanon durch die Hisbollah entführten Geiseln Rudolf Cordes und Alfred Schmidt verhandelt. Immerhin, ein einstmals hochrangiger deutscher Politiker teilte dem Autor dieses Beitrages dieser Tage etwas ihn seit langem „Beunruhigendes“ mit: „Ein mir als seriös bekannter Kollege hat mir gegenüber steif und fest behauptet, er wisse, dass die Wahrheit in den Akten des BND begraben sei.“

Aber unabhängig von allen Konspirationstheorien darf nicht übersehen werden, dass Barschel im Oktober 1987 psychisch vollkommen am Ende war. In einen kurzen Urlaub heimlich nach Gran Canaria geflüchtet (und nicht nach Sizilien, wie er Parteikollegen vorgeschwindelt hatte), war er in Abwesenheit der Lüge überführt und für den 12. Oktober vor den Untersuchungsausschuss nach Kiel zitiert worden. Für ihn eine schlimme Demütigung. Psychiater haben früh darauf hingewiesen, dass Barschel offenkundig unter einer ausgeprägten „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ litt. Barschels Verhaltensmuster decken sich mit vielem, was in Lehrbüchern zu Borderline- Störungen nachzulesen ist: sein Kontrollverlust, sein herrisches Verhalten und seine panische Angst, gegen den smarten, weltläufigen Engholm zu unterliegen. Zudem musste er fürchten, dass sein Doppelspiel zwischen Kiel und Rostock aufflog.

Das Leben des mit einer Frau aus dem weitläufigen Bismarck-Clan verheirateten vierfachen Vaters Dr. Dr. jur. Uwe Barschel, der schon mit 28 Jahren CDU-Fraktionsvorsitzender im Kieler Landtag und mit 38 Ministerpräsident geworden war, eines Mannes, dessen Ehrgeiz keine Grenzen zu kennen schien und der seinem Bundeskanzler Helmut Kohl zu dessen Verblüffung schon früh Bescheid gegeben hatte, sein Nachfolger werden zu wollen, endete jäh mit nur 43 Jahren. Er überlebte die vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Vorabend der schleswig-holsteinischen Landtagswahl vom 13. September enthüllten Machenschaften aus seiner Staatskanzlei heraus gegen den populären SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm nur um einen Monat. „Waterkantgate“ nannten die „Spiegel“-Redakteure den Skandal um die Bespitzelung des Barschel-Konkurrenten durch Detektive und die gegen Engholm inszenierte Denunziations- und Diskreditierungskampagne, von einer fingierten anonymen Steueranzeige bis hin zu einem gezielt gestreuten Aids-Verdacht sowie dem Versuch, ihm den Einbau einer Wanze in Barschels Diensttelefon anzuhängen.

Was für die „Washington Post“ bei der „Watergate-Affäre“ eine lange Zeit hochrangige, aber anonyme Quelle namens „Deep Throat“ war, war für den „Spiegel“ ein zwielichtiger Boulevardjournalist namens Reiner Pfeiffer, der in einer Doppelrolle zu Diensten war: als Täter und Überläufer, der sich gewissermaßen selbst seiner öffentlichen Hinrichtung auslieferte – gegen eine finanzielle Entschädigung, die sich auf angeblich knapp 200 000 Mark summierte. Pfeiffer war nach einem Hilferuf Uwe Barschels beim damaligen Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer- Medienkonzerns Peter Tamm Ende 1986 von der Hamburger „Bild“-Zeitung an die Pressestelle der Kieler Landesregierung im wahrsten Sinne des Wortes ausgeliehen worden. Als Mann fürs Grobe, der schließlich so hart unter die Gürtellinie schlug, dass er seinem Dienstherren einen GAU bescherte, welcher die politische Landschaft nachhaltig verwüstete und traumatisierte.

Trotz Ehrenwort verlor Barschel rasant den Rückhalt in seiner eigenen Partei und Fraktion. Dort kannte man ihn, den eiskalten, hochfahrenden Machtexekutor, dem immer schon auch brutale Mittel und eine Lüge recht waren, um ans Ziel zu kommen, nur zu gut. Mancher traute ihm schlicht zu, was der schmierige Pfeiffer da erzählt hatte. Das erklärt, warum Barschel nur eine Woche nach seinem Ehrenwort am Freitag, den 25. September 1987 überraschend die politische Verantwortung für die Taten Pfeiffers übernahm und für Freitag, den 2. Oktober seinen Rücktritt als Ministerpräsident erklärte. Dass er tatsächlich gelogen hatte, bestätigte sich aber erst später, am Mittwoch, den 7. Oktober. An diesem Tag, gleich zu Beginn der ersten Sitzung des vom Landtag inzwischen eingesetzten Parlamentarischen Untersuchungsausschusses, sagte Barschels Finanzminister Roger Asmussen (CDU) aus. Er widersprach Barschel, dass dieser nichts von der anonymen Steueranzeige gewusst haben wollte. Schließlich habe sich der Ministerpräsident bereits Anfang 1987 bei dem Finanzstaatssekretär Hermann Schleifer detailliert danach erkundigt und dabei erfahren, dass Engholms Steuererklärungen nicht zu beanstanden gewesen seien. Einen Tag vor Asmussens Vernehmung hatte die Staatsanwaltschaft Lübeck herausgefunden, dass in Barschels Büro eine Kopie dieser Anzeige eingegangen war. Sie leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren ein und beantragte die Aufhebung der parlamentarischen Immunität Barschels.

Später brachten weitere Zeugenaussagen aus Barschels Umfeld bis hin zu seiner Sekretärin und seinen Fahrern sowie Nummernausdrucke von Telefonlisten der Landesregierung das Ehrenwort in fast allen Punkten zum Einsturz. Deshalb wurde der Kronzeuge und Täter Pfeiffer bald irrelevant. Zumal herauskam, dass Pfeiffer kein Alleintäter war, sondern in einem inspirierenden und sich aktiv an seinen Schurkereien beteiligendem Umfeld innerhalb der Staatskanzlei und der CDU- Wahlkampforganisation agierte. Zu diesem gehörte der stellvertretende Regierungssprecher Herwig Ahrendsen ebenso wie der schleswig-holsteinische CDU- Generalsekretär. Manche „Ferkelei“ (Engholm) – wie jene in einer CDU-Wahlkampfzeitung lancierte Infamie, eine siegreiche SPD werde pädophilen Sex mit Kindern begünstigen – hatte sogar den Segen des damaligen CDU-Landesvorsitzenden Stoltenberg.

Möglicherweise wäre das alles nicht so weit gekommen, hätte Barschel seines Ver-Pfeiffers wahre Qualitäten entdeckt und ihn zum Beispiel mit dem Posten des Innenministers belohnt, für den Pfeiffer sich für befähigt hielt. Stattdessen ging der „MP“ nach seinem zweimonatigen Krankenhausaufenthalt infolge des Flugzeugabsturzes auf Distanz zu ihm. Gekränkt suchte sich der servile Diener neue Freunde. Er wandte sich an das Umfeld Engholms und vertraute sich scheibchenweise dessen Pressesprecher Klaus Nilius an, der wiederum Engholm scheibchenweise informierte. Doch sie trautem dem Informanten mit der konspirativ sonoren Stimmfrequenz nicht und begannen herumzutelefonieren. Dieses Kapitel kam aber erst in einem zweiten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Kiel heraus, der zwischen 1993 und 1995 den Fall noch einmal aufrollte. Im ersten Ausschuss hatten Nilius wie Engholm frühe Kenntnisse bestritten – und gelogen.

Aber noch Schlimmeres kam ans Licht. Dass der Springer-Konzern den Arbeitsvertrag mit Pfeiffer trotz seines Seitenwechsels zum „Spiegel“ erst am 20. Oktober, neun Tage nach Barschels Tod, auflöste und ihm dann auch noch eine Abfindung von immerhin 45 000 Mark zahlte, mag zynisch und geschmacklos, aber rechtlich wahrscheinlich sogar in Ordnung gewesen sein. Aber es war nicht so naiv, wie das, auf was die SPD- Spitze in Kiel sich mit Pfeiffer eingelassen hatte. Weil dieser durch ein Fehlinvestment seiner „Honorare“ ausgerechnet in ein Sonnenstudio angeblich in finanzielle Nöte geraten war, erbarmte sich der offenbar pathologisch gutmütige SPD-Landesvorsitzende Günther Jansen seiner, entnahm seiner Küchenschublade im November 1988 und November 1989 insgesamt – teilweise noch banderolierte – 50 000 Mark und ließ diese Pfeiffer von dem Engholm-Mitarbeiter Nilius konspirativ zustecken. Diese politische Dummheit Jansens und die Lüge im ersten Ausschuss kosteten nun auch Engholm, den seit einem erdrutschartigen Wahlsieg 1988 regierenden Nachfolger Barschels als Ministerpräsident, am 3. Mai 1993 das Amt – und die SPD-Kanzlerkandidatur dazu.

Der tiefe Fall und Tod Barschels, der jähe Absturz Engholms sowie vieler ihrer Mitstreiter waren kein Zufall. Er waren Unfälle im politischen Normalbetrieb. Wer gehofft oder auch nur geglaubt hatte, der Skandal werde zur demütigen Läuterung im deutschen Politikbetrieb beitragen, der irrte. Von Anfang an begannen Parteigänger Barschels und viele Kräfte in der Union, an der Legende zu stricken, in Wahrheit seien Engholm, Pfeiffer und die SPD die Täter und Barschel das arme, von Dunkelmännern gemeuchelte Opfer. In den Medien führte Barschels Ende zu einem absurden, mittlerweile ins dritte Jahrzehnt gehenden Glaubenskrieg mit wechselnden Fronten. In einem aber scheinen sich alle einig. Mord verkauft sich besser. Ganz nebenbei, als Fußnote, produzierte der „Spiegel“ dabei einen eigenen kleinen Skandal an Selbstzensur. Wer dieser Tage bei Spiegel-Online jene berühmte Titelstory vom 14. September 1987 „Barschels schmutzige Tricks“ nachlesen wollte, erlebte eine große Überraschung: Denn das Magazin hat diese Enthüllungsgeschichte aus seinem Archiv entfernt und ganz offensichtlich für die Öffentlichkeit sperren lassen. Angeblich wegen einer einstweiligen Verfügung in einem, wie sich bei Nachfragen herausstellte, nebensächlichen Punkt. Es hätte genügt, die paar Worte und Zeilen, um die es ging, zu schwärzen und ihn mit einem redaktionellen Hinweis zu versehen wie anderswo.

Einer der Chefermittler in Genf prophezeite schon vor 20 Jahren, dass die Deutschen mit Barschels Tod ihr Marilyn-Monroe-Syndrom geliefert bekommen hätten. Und es hätte zu Barschel gepasst, seinen Selbstmord durch falsche Fährten und offene Fragen wie einen Mord aussehen zu lassen. Vielleicht ist das ja sein wirkliches Vermächtnis. Der schleswig-holsteinische Generalstaatsanwalt Erhard Rex jedenfalls sagte dieser Tage, auch nach 20 Jahren spreche immer noch mehr für Selbstmord als für Mord. Zwar bleibe der Tod Barschels letztlich rätselhaft. Aber „einige verführerisch anmutende mysteriöse Mordthesen brechen bei nüchterner Betrachtungsweise in sich zusammen.“

Der Autor verfasste zusammen mit Cordt Schnibben das Buch „Macht und Machenschaften – Die Wahrheitsfindung in der Barschel-Affäre“.

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