Thorbjörn Jagland Thilo Rückeis
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Europarats-Chef Jagland „Die EU darf nicht auseinanderfallen“

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Der Generalsekretär des Europarats und Vorsitzende des Nobelpreiskomittes, Thorbjörn Jagland, über Wege aus der Krise, den schwierigen Reformprozess im Osten Europas – und die Auswahl der Friedensnobelpreisträger.

Herr Jagland, Sie haben der Europäischen Union den Friedensnobelpreis verliehen. Warum gerade jetzt, in ihrer größten Krise?

Wir hatten das Gefühl, dass es gerade wegen der Krise der richtige Moment ist, Europa daran zu erinnern, was wir erreicht haben und was auf dem Spiel steht. Denn es besteht die Gefahr, dass ein Auflösungsprozess einsetzt. Uns war es wichtig, eine Botschaft an die EU zu senden: Wir sollten daran denken, was wir erreicht haben – Frieden für mehr als sechs Jahrzehnte. Europa hat diese Institutionen aufgebaut und Frieden zwischen alten Feinden erreicht, beginnend mit Frankreich und Deutschland. Nach dem Fall der Mauer wurden die osteuropäischen Staaten an Bord geholt, und jetzt geht der Versöhnungsprozess auf dem Balkan weiter. Der Preis wurde für diesen historischen Prozess in Europa verliehen.

Wollten Sie die EU ermutigen, auf ihrem Weg voranzugehen?

Ja, denn die Probleme müssen gelöst werden. Der Nobelpreis ist ein Appell, Lösungen zu finden und die EU nicht auseinanderfallen zu lassen und danach einfach zur nationalen Politik zurückzukehren. Das wäre sehr gefährlich für Europa. Wenn der Euro scheitert, könnte auch der gemeinsame Markt auseinanderbrechen. Das wäre ein Rückschritt hin zu einer protektionistischen Politik und zu mehr Nationalismus. Keiner weiß, wo das enden würde.

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Sie scheinen berühmt für spektakuläre Entscheidungen zu sein. Auch die Auszeichnung Obamas stand in der Kritik.

Diejenigen, die das heute kommentieren, vergessen die Realitäten, die hinter der Preisvergabe standen. Präsident George W. Bush hatte gesagt, er wolle über die europäische Raketenabwehr nicht mit Russland diskutieren. Das ganze internationale Regime der Abrüstung und Rüstungskontrolle stand auf dem Spiel. Dann kam Obama und sagte: Ich werde mit den Russen reden. Das bereitete den Weg für Gespräche über strategische Waffen, und sie erzielten den neuen Start-Vertrag. Das ist nicht nur hinreichend für den Friedensnobelpreis, es war sogar unvermeidlich für uns, Obama dafür den Preis zu geben. Denn das Hauptkriterium für den Friedensnobelpreis ist, dass jemand etwas für Abrüstung tut.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die Welt nicht mehr in zwei Lager geteilt. Ist es jetzt schwieriger oder leichter geworden, gute Kandidaten für den Nobelpreis zu finden?

Wir haben nach dem Fall der Mauer viele gute Preisträger gefunden. Der Preis ging an ganz verschiedene Persönlichkeiten und Organisationen, die in den Bereichen Abrüstung, Menschenrechte oder Konfliktlösung tätig sind. Ich denke nicht, dass wir Schwierigkeiten haben werden, gute Kandidaten zu finden.

Auch russische Menschenrechtler waren im Gespräch. Wäre es nicht ein starkes Signal gewesen, sie auszuzeichnen?

Es gab viele gute Kandidaten. Aber wir konnten nur einen auswählen.

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