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Diversity Die Vielfalt darf nicht den Populisten geopfert werden

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Ehe für alle, erfolgreiche Integration und drittes Geschlecht: die Bundesrepublik ist bunt. Die politische Bandbreite einer Jamaika-Regierung könnte diese Vielfalt zusätzlich stärken. Ein Kommentar.

Jetzt kommt Tempo ins Spiel. Die Bundesrepublik verändert sich, maßgeblich. Themen, die jahrzehntelang für Kontroversen und Debatten sorgten, werden von jetzt auf gleich beschlossene Sache: Homosexuelle dürfen heiraten, das Geschlecht muss weder männlich noch weiblich sein und ein Spitzenpolitiker nicht mehr urdeutsch. Das sind revolutionäre Schritte ohne großes Tamtam. Der Wandel kommt mit großen Sprüngen, aber auf leisen Sohlen. Oder versucht er nur, mit der Gesellschaft Schritt zu halten?

Die Gesellschaft ist nicht erst seit einigen Monaten vielfältig. Auch vor der Ehe für alle gab es homosexuelle Liebe, auch vor dem dritten Geschlecht ein Leben jenseits der Mann-Frau-Dichotomie und auch vor Cem Özdemir Erfolgsgeschichten von Migrantenkindern. Die Bundesrepublik ist bunt. Es wird Aufgabe der nächsten Regierung sein, dieser Realität Rechnung zu tragen und sie zu fördern. Die Zeichen dafür standen selten besser.

Die größte Herausforderung der Koalition wird sein, die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels zu kontrollieren, denn der Fortschritt wird oft zur Geisel seines eigenen Tempos. Er existiert im Spannungsfeld zwischen denen, die ihn auf Biegen oder Brechen durchboxen wollen, und jenen, die ihn mit Protestplakaten und Hasstiraden auszubremsen versuchen. Obschon der Fortschritt und die Vielfalt eine eigene gesellschaftliche Dynamik besitzen, besteht stets die Gefahr, dass sie weder im ersten noch im sechsten Gang, sondern im Leerlauf versacken. Steigende Vielfalt sät Angst, denn sie bringt Veränderungen mit sich und dadurch Herausforderungen. So erklärt sich auch das Erstarken der Populisten.

Die offene Gesellschaft muss die Kritik an sich akzeptieren können

Es wäre jedoch fatal, aus Furcht vor ihnen die Vielfalt zu beschneiden. Populisten sind Papiertiger, die protestieren, aber nicht regieren. Sie sind Produkt und Bestandteil der pluralistischen Gesellschaft – nicht ihr Gegenpol. Vielfalt ist mehr als Herkunft, Hautfarbe, Geschlechteridentität oder sexuelle Orientierung, sie ist auch politische Gesinnung. Wenn die offene und fortschrittliche Gesellschaft es ernst meint, muss sie die Ablehnung ihrer selbst akzeptieren. So stark muss sie sein. So stark ist sie auch.

Das ist das Fundament, auf dem Deutschlands politischer Wandel, der Obama-Moment, aufbauen kann. Auch im innerpolitischen Betrieb steht Historisches bevor, werden alte Strukturen durchbrochen. Eine mögliche Koalition, nicht ganz regenbogenfarben, aber bunt wie nie zuvor, schickt sich dazu an. Die Schnittmenge zwischen den Koalitionären ist teilweise gering, die ideologischen Gräben weit – zum Glück. Die Regierungspartner werden ein Spektrum bedienen müssen, das sich vom christsozialen Schwarz über das liberale Gelb hin zum progressiven Grün erstreckt. Einfältige Politik verbietet sich angesichts dessen. Und vielleicht wird die Vielfalt sogar zum verbindenden Element der nächsten Regierung. Das wäre ein starkes gesellschaftliches Zeichen. Was die Partner an Lücken lassen, könnte der gesellschaftliche Diskurs füllen. Denn im Alltag ist Diversität längst Realität.

Die Wirtschaft hat gezeigt, wie es geht, wie man „Diversity“ managt und welche Vorteile sie mit sich bringt. Die Politik muss es ihr jetzt gleichtun, anstatt der Realität hinterherzuhecheln. Der Fortschritt kennt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Merkel und Co. müssen einen Gang hochschalten, wenn sie ihn nicht aus dem Blick verlieren wollen.

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