Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein. picture alliance / dpap

Denkmale in BerlinWo bleiben die Mahnmale für die Asozialen?

von Harald Martenstein36 Kommentare

Berlin ist die Metropole der Mahnmale. Gedacht wird vor allem an alle, die von den Nazis ermordet wurden. Doch unser Kolumnist vermisst einige Gruppen.

In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Baukosten für das Einheitsdenkmal am Berliner Stadtschloss um fünf Millionen Euro gestiegen sind, es sollen jetzt 14,5 Millionen Euro werden. Natürlich verzögert sich auch die Fertigstellung, aber daran tragen diesmal keine Architekten, Manager und keine Baufirmen Schuld. Es hängt vor allem mit den Fledermäusen zusammen, die an dieser Stelle in einem alten Gemäuer lebten und in den Plänterwald umgesiedelt wurden. Es geht ihnen dort bestens, wie zu lesen war.

Allmählich kriegen wir in Berlin eine Mahnmals- und Denkmalslandschaft, die weltweit einmalig sein dürfte. In der Mahnmalmetropole Berlin wird des Holocausts und des Bombenkriegs gedacht, demnächst der Wiedervereinigung und bald auch der Vertriebenen, der Mauertoten, der verfolgten Homosexuellen, der Sinti und Roma, des kommunistischen Widerstands, der Opfer der Euthanasie, und bestimmt habe ich ein oder zwei Mahnmale vergessen. Das wird eine super Stadtrundfahrt, „Berlin mahnt und gedenkt“. Ein paar Gruppen fehlen, nicht zufällig. Kommen Sie drauf? An die Zeugen Jehovas, 1500 Ermordete, erinnern immerhin einige Stolpersteine.

Es fehlen zum Beispiel die sogenannten Asozialen. Das Wort wurde, ähnlich wie das Wort „Arbeitsscheue“, von den Nazis als Sammelbegriff für Personengruppen verwendet, die schon vor 1933 am Rand der Gesellschaft standen, und nach 1945 ebenfalls – für die Bettler, die Obdachlosen und Landstreicher, für Alkoholiker und Drogensüchtige, für Prostituierte und Kleinkriminelle. Die Nazis führten sogenannte „Bettlerrazzien“ durch, 1938 wurden bei einer einzigen Razzia 10 000 Personen festgenommen.

Unsere Gedenkkultur, einer Art Ersatzreligion

Unnütze Esser, so hieß es. Im KZ trugen sie einen schwarzen Winkel und standen in der Hierarchie unten, im Gegensatz zu den „Berufsverbrechern“, grüner Winkel, die oft mit der SS paktierten. Die Obdachlosen, Landstreicher und so weiter sind so unwichtig, dass bis heute nicht mal die Zahl der Toten bekannt ist. Entschädigung, etwa 2600 Euro, bekamen nach dem Krieg gerade mal 163 „Asoziale“.

Da gibt es keine Lobby. Wer meldet sich da schon. Wer sagt: Mein Großvater war Bettler, arbeitsscheu, meine Mutter war Prostituierte und Trinkerin, deshalb ist sie ermordet worden? In unserer Gedenkkultur, einer Art Ersatzreligion, sind wir nicht so edel, wie wir denken, wir sortieren aus. Darf man einen drogensüchtigen Taschendieb nicht vielleicht doch ein bisschen erschießen? Ist das die Botschaft der Gedenkreligion? Ob es um Toleranz geht, um Meinungsfreiheit oder um dieses Mahnritual, das alles fällt wunderbar leicht, wenn einem die Leute sympathisch oder ähnlich sind. Nun, für die Fledermäuse war jedenfalls Geld da, und das gönne ich diesen Tierchen voll und ganz.