Armut in Costa Rica. Das Foto entstand in der Hauptstadt San José. Foto: Dagmar Dehmerp

Costa Rica und der Klimawandel (2) Wo der Meeresspiegel steigt, wächst das Risiko

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Die Armen leben da, wo das Risiko für Naturkatastrophen groß ist. Der Klimawandel verschärft das Problem. Mangrovenwälder können etwas Schutz bieten, wenn sie wieder aufgeforstet werden.

Wer arm ist, hat nirgendwo ein schönes Leben. Das gilt auch für Costa Rica. Fast 20 Prozent der Bevölkerung gelten in dem kleinen mittelamerikanischen Land als arm, davon sieben Prozent sogar als extrem arm. Manche sitzen auf den Straßen der Hautstadt in San José und betteln. Andere sind so arm wie Dona Pachita, wie Francisca Guterres von allen in ihrem Dorf und auch von den Naturschutzexperten der Stiftung Fundecodes genannt wird. Die etwa 50-jährige energische Frau teilt mit den anderen Armen Costa Ricas das Pech, dass sie an einem Ort wohnt, der anfällig für Naturkatastrophen ist. Eine andere Unterkunft kann sie nicht bezahlen. Und wenn eine Springflut kommt, wird ihr gesamter Besitz weg geschwemmt. Dabei ist Dona Pachita so arm, dass sie die Muscheln, die sie im ehemaligen Mangrovenwald findet, nicht einmal verkaufen kann sondern gegen Reis und Bohnen tauschen muss.

Dona Pachita zeigt die Muscheln, die sie im Mangrovengebiet sucht. Foto: Dagmar Dehmerp

Derzeit erlebt Costa Rica die Auswirkungen eines starken El-Nino-Ereignisses. Das ist ein wiederkehrendes Wetterphänomen, das durch Temperaturunterschiede im Pazifik das Wetter der halben Welt ins Chaos stürzt. Das führt an der costa-ricanischen Pazifikküste zu extremer Trockenheit, während es an der Atlantikküste deutlich mehr regnet als ich Durchschnittsjahren. Es gibt Katastrophenschutzpläne, und die Regierung hilft auch, im Notfall. Aber alle Erfahrung zeige, dass arme Bevölkerungen es nach einem solchen Schock "nur schwer wieder erholen kann", hat Ernst Rauch von der Georisikoforschung des Rückversicherungskonzerns Munich Re vor kurzem mit Blick auf die Folgen des Taifuns, der im Frühjahr große Teile des Pazifikstaates Vanuatu schwer zerstört hatte. Das gilt auch für die armen Fischerdörfer an der costa-ricanischen Pazifikküste, und vor allem "für die Frauen", denn die meisten von ihnen seien allein erziehend, erzählt Dona Pachita.

Dona Pachita steht in Gummischlappen im Schlamm eines Gebiets auf der Nicoya-Halbinsel an der Pazifikküste Costa Ricas. Hier standen einmal Mangrovenwälder. Dann wurden sie abgeholzt, um Salz zu produzieren. Und als sich das Salzgeschäft nicht mehr lohnte, weil Bolivien es viel billiger auf den Markt bringen könnte, wurde dieses Gelände nahe der Küste einfach aufgegeben. Kniehohe Büsche und manchmal auch mannshohe Bäume wachsen hier wieder, und auf dem sandigen Schlamm rasen kleine Krebse hin und her, um sich in kleinen Höhlen vor dem Gummistiefeln einer Besuchergruppe aus Deutschland in Sicherheit zu bringen.

Mangroven sollen zurückkommen

Das Gebiet ist zu salzig, als dass die Bäume wieder richtig hoch wachsen könnten. Die alten Dämme, mit denen die Trockenbecken für das Salz gegen die Flut gesichert worden sind, verhindern nun, dass das Meer das Gelände regelmäßig überfluten und so nach und nach den hohen Salzgehalt vermindern kann, indem es ausgewaschen wird. Deshalb wachen hier derzeit auch keine Mangroven. Aber das sollen sie in Zukunft wieder tun. Das wünscht sich die regionale Naturschutzbehörde, berichtet Nelson Marin. Und Nelly Quirós und Jorge Vásquez von der Umweltorganisation Fundecodes sollen in den kommenden zehn Jahren genau dieses Ziel erreichen. In Dona Pachita haben sie eine Verbündete gefunden, die auch andere Bewohner des Küstenstreifens zum Mitmachen motivieren kann. Sie selbst hat auf zwei Kisten eine Mini-Baumschule angelegt und zieht Nachwuchs für den Mangrovenwald. Die kleinen Bäumchen will sie, wenn sie groß genug sind, an Fundecodes verkaufen.

Die kleine Baumschule von Dona Pachita. Foto: Dagmar Dehmerp

Mangroven sind Bäume, die auf ihren Stelzenwurzeln die extremen Lebensbedingungen entlang der Meeresküsten überstehen können. Sie kommen damit klar, dass die Wurzeln frei liegen, wenn Ebbe ist, und sie verkraften auch die regelmäßige Überflutung mit Salzwasser, wenn die Flut kommt. Sie sind ein außergewöhnlich produktives Ökosystem. Sie sind ein Laichplatz für viele – auch kommerziell nutzbare – Fischarten, eine Kinderstube des Meeres. Hier leben die schon erwähnten Krebse, und in einem intakten Mangrovenwald können sie eine beachtliche Größe erreichen. Außerdem, und das ist für Dona Pachita interessant, saugen sich viele Muscheln an den Baumwurzeln fest. „Gesunde Mangrovenwälder helfen, die Ernährung dieser sehr armen Menschen hier zu sichern“, sagt Nelson Marin.

Außerdem können die Mangroven noch etwas anderes, was bei steigenden Meeresspiegeln wegen des Klimawandels immer wichtiger wird: Sie sind eine natürliche Barriere gegen Springfluten und sogar gegen Wirbelstürme. Die Bäume bremsen das Tempo von Wasser und Wind – und geben Dona Pachita so eine Chance, ihre drei glücklichen Schweine, die sich vor ihrer Hütte im Schlamm suhlen, wegzutreiben, bis das Hochwasser ihr bescheidenes Heim überflutet.

Dona Pachita (Mitte) sammelt Muscheln für ihren Lebensunterhalt. Sie hofft auf eine Restaurierung der Mangrovenwälder, damit sie wieder mehr davon findet. Neben ihr steht links Michael Schlönvoigt, der für die deutsche GIZ Biodiversitätsprojekte in Costa Rica koordiniert. Rechts von ihr steht seine chilenische Kollegin. Foto: Dagmar Dehmerp

Es gibt also viele gute Gründe, für die Wiederaufforstung der Mangrovenwälder Geld auszugeben, argumentiert Michael Schlönvoigt, der für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Reihe von Naturschutzprojekten in Costa Rica umsetzt. Doch obwohl Costa Rica 25 Prozent seiner Landfläche unter Schutz gestellt hat, und in seinem Haushalt beträchtliche Mittel für die Wiederaufforstung eingeplant hat, bleibt für die Mangrovenwälder nicht allzu viel übrig. Da trifft es sich gut, dass die deutsche Firma Ristic, die in Puntarenas am Golf von Nicoya eine Shrimpsfabrik betreibt, einen guten Grund hat, dafür Geld auszugeben. Das Unternehmen vertreibt Bio-Shrimps, und der Zertifizierer von Naturland verlangt Kompensationszahlungen dafür, dass die Vertragspartner von Ristic im ehemaligen Mangrovengebiet derzeit 16 Shrimpsfarmen betreiben, die eine Fläche von 550 Hektar bedecken, etwa die Häfte der Costa-Ricanischen Shrimpsproduktion.

Bio-Shrimps aus einem Teich auf der Pazifik-Halbinsel Nicoya in Costa Rica. Sie haben Platz, müssen nicht mit Hilfe von Kunstdünger in Rekordzeit wachsen, und werden nicht mit Antibiotika behandelt. Gefüttert werden sie mit Öko-Futter ohne Gentechnik. Foto: Dagmar Dehmerp

Ristic ist ein Handelsunternehmen aus der Nähe von Nürnberg. Vor einigen Jahrzehnten begann das Unternehmen, Meeresfrüchte zu importieren – und spezialisierte sich schließlich auf Shrimps. Dass die Shrimps-Fischerei nicht besonders nachhaltig ist, ist den Verantwortlichen des Unternehmens schnell klar geworden. Aber der Versuch, in Costa Rica mit der Fischereibehörde bessere Fangmethoden und Ruhezeiten einzuführen, scheiterte. Also begab sich Ristic an Land und kaufte Shrimps aus Aquakulturen ein. Rene Diers, Geschäftsführer von Ristic in Costa Rica, stellte bei seinen Besuchen der Shrimpsfarmer fest, dass die wegen des bereits gesetzlich vorgegebenen Verbots, weitere Mangroven zu zerstören, schon sehr nahe an den Vorgaben des EU-Biosiegels und der Naturland-Zertifizierung für Aquakulturen arbeiteten. Dafür gibt es in Deutschland einen langsam, aber stetig wachsenden Markt. Und weil Diers im Gegensatz zu den konventionellen Shrimpsvermarktern das ganze Jahr über stabile Abnahmepreise bietet, die auf das ganze Jahr gesehen über denen des lokalen Marktes liegen, haben viele Farmer gerne mit gemacht.

Gerardo Acón zieht in diesen Salzwasserteichen Bio-Shrimps für den deutschen Markt. Foto: Dagmar Dehmerp

Mit dieser nachhaltigen Shrimpsaufzucht kann sich auch Nelson Marin anfreunden. Und vor allem eröffnet diese Kooperation mit Ristic der Naturschutzbehörde Einnahmen, die sie in die Restaurierung der Mangroven stecken kann. Ristic versucht derzeit über die zehn Hektar, die das Unternehmen selbst finanziert, Finazierungsmittel für weitere 90 Hektar Mangroven zu finden. Ristic hofft auf seine Handelspartner in Deutschland. Mit der Ökosupermarktkette Alnatura gebe es bereits konkrete Gespräche. Aber auch Rewe und Aldi-Süd verkaufen die corsta-ricanischen Bio-Shrimps von Ristic.

Die Autorin hält sich derzeit auf Einladung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Costa Rica auf.

Den ersten Blogeintrag über die ambitionierte Klimapolitik Costa Ricas finden sie Hier: Kleines Land, große Rolle.

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