"Jetzt hat es endlich mal gekracht", sagt Regina König. In Dorfchemnitz in Sachsen gab es bundesweit die meisten AfD-Wähler. Foto: Deike Diening
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Bundestagswahl Warum haben im Osten so viele AfD gewählt?

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12,6 Prozent erreichte die AfD auf nationaler Ebene, 21,5 Prozent im Osten. Was hatten die etablierten Politiker übersehen? Eine Reise durch die aufgewühlte Republik.

Sind die jetzt alle rechts? Regina König lacht schon los, wenn man ihren Tante-Emma-Laden betritt. Na klar, Reporter erkennt sie sofort. Hinter ihr das Brett mit Batterien, Tortenkerzen, Zeitungen, Briefmarken, Waschmittel und dem Zubehör für den Hermes-Versand. Was man so „das Nötigste“ nennt. Als Erstes, und sie wusste gar nicht, woher der das schon wieder hatte so in aller Früh, meldete sich ihr Sohn am Montagmorgen nach der Wahl: „Mama, ihr seid die Besten.“ Die Besten in Deutschland! 47,4 Prozent Stimmen für die AfD, hier in Dorfchemnitz. Rekord. Und wie sie das erzählt, bricht immer wieder ein Glucksen aus ihr heraus.

„Jaha“, sagt sie. Mit diesem Ergebnis habe niemand gerechnet. „Jetzt hat es endlich einmal gekracht.“ Damit die mal aufwachen in Dresden und sich ’nen Kopp machen.

Als Deutschland am Montagmorgen nach der Wahl erwacht, fühlt es sich für viele an, als seien sie plötzlich in einem anderen Land: Die AfD hatte bundesweit 12,6 Prozent geholt, in Sachsen ist sie die stärkste Kraft, die Partei wird mit 94 blauen Sitzen in den Bundestag einziehen. Wie konnte das passieren? Verdatterte Politiker fragen sich: Wer ist das Volk? Sofort losfahren also an diesem Blauen Montag. Fragen stellen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Antworten sammeln in Dresden, an der tschechischen Grenze, in Leipzig, Bornhagen, Witzenhausen und Frankfurt an der Oder. Dort, wo die Ergebnisse am extremsten sind.

Frauke Petry war die einzige Politikerin, die vorbeigekommen ist

Man müsse die Zahlen vor allem im Vergleich sehen, sagt die gut gelaunte Regina König in Dorfchemnitz. Sie sind ja eigentlich treue CDU-Wähler hier. 59,2 Prozent waren es bei der letzten Wahl 2013, das war der höchste Wert der CDU in ganz Mittelsachsen. „Das sind ja die gleichen Leute!“ Die werden ja jetzt nicht plötzlich alle ihre Gesinnung geändert haben. „Das wäre ja schlimm!“

Alles habe damit begonnen, dass Frauke Petry am 6. September um 19 Uhr in die leer stehende „Gaststätte am Chemnitzbach“ gekommen sei. Die ersten Zuhörer kamen zweieinhalb Stunden vor Beginn. Reine Neugier. Kommt ja sonst keiner hierher. 500 Leute waren bereit, sich endlich beeindrucken zu lassen. Danach, sagt sie, sei hier alles umgeschlagen.

Dorfchemnitz hat so gar nichts von dem abwartenden Misstrauen, das einem in rechten Dörfern sonst oft entgegenschlägt. Hier herrscht eine mühsam zurückgehaltene Hochstimmung. In der Sonne liegen eine Bäckerei und die Fleischerei. Weil die Bewohner sich nicht blicken lassen, interviewen sich die Reporter aus Versehen gegenseitig. Am Irrsten sei ja, sagt die Fleischerin – und irgend etwas schüttelt sie dabei von innen – dass das alles ohne Absprache geklappt habe! Nicht wahr? Es ist jetzt nicht mehr nur der Glanz ihrer Theke, Ute Herold leuchtet von innen.

Sie zahlen, aber andere bestimmen

„Ausländer können nicht der Grund gewesen sein, die haben wir ja hier gar nicht“, sagt sie. Sie sind keine eingefleischten Rechten. Genau genommen sei das eine Protestwahl gewesen. Und zwar genau genommen gegen die CDU in Sayda, Ost-Erzgebirge, die nächstgrößere Stadt, die nach der Reform auch ihre Verwaltung übernehmen soll und sich das viel zu hoch bezahlen lässt. Sagt’s und wird jetzt doch sehr ernst. Sayda, viel höher verschuldet als Dorfchemnitz, saniere sich auf ihre Kosten. Sayda nehme ihr Geld und bestimme dann über ihren Kopf hinweg. Sayda wollen sie nicht mehr länger ausgeliefert sein.

So rosig und von Empörung durchpulst, kommt einem ihr Gesicht plötzlich bekannt vor. Selbst zahlen, aber andere bestimmen – es ist das Grundmotiv der globalen Empörung. Es ist das Gesicht, dass Bayern gegenüber der Bundesregierung macht, England gegenüber der EU und Trump gegenüber der Nato. Aus ihm spricht die Wut des vermeintlichen Nettozahlers, der aus einer Gemeinschaft, in die er einzahlt, nicht genug herauszukriegen glaubt.

Man regt sich hier schon lange darüber auf. Aber bei 47,4 Prozent hört auch mal jemand zu.

"Rechts? Ja, wenn Sie die AfD für rechts halten."

„Ja, erstaunlich, nicht wahr?“, fragt Thomas Schurig. Ganz ohne Absprache. Schurig waltet seines Amtes als ehrenamtlicher Bürgermeister der 1500-Seelen-Gemeinde, indem er im Gemeindehaus, erster Stock, Eingangsstempel auf Briefe knallt. Er muss ja jetzt vieles zugleich machen. Alles im Ehrenamt. Gestern, am Tag nach der Wahl, hat man ihn auf Facebook schon bedroht: Sein Haus solle man anzünden, das „braune Nest“ abfackeln. Schurig findet es eine empörende Unterstellung, dass sein Dorf rechts sei.

Aber haben nicht eben 47,4 Prozent AfD gewählt?

„Jaha.“

Dann hat also die Gemeinde gewählt, was sie gar nicht denkt?

„Wenn Sie die AfD für rechts halten, dann ja.“ Etwas Schlaues huscht über sein Gesicht. Für ihn handelt es sich um eine bürgerliche Partei, schließlich ist sie demokratisch wählbar, rechte Einzelmeinungen hin oder her. Aber Frauke Petry habe sich ja von der Fraktion schon distanziert. Gerade eben, vor ein paar Minuten, Schurig schwenkt sein Handy, sei sie aus der Partei ausgetreten.

Was also ist das Dorfchemnitzer Problem? Arbeitslosigkeit? „Null“, sagt Schurig. „Höchstens ein Prozent.“ Ausländer? Keine. Null Verwahrlosung, eher Fachkräftemangel. Der Bäcker würde deshalb gerne einen Iraker ausbilden, gerade richte man eine Wohnung für ihn her. Nie habe es jugendliche Gröler gegeben. Die Probleme, mit denen AfD-Wählen immer begründet wird, existieren hier gar nicht. Aber letztlich, sagt Schurig, interessiere sich niemand für sie und ihre tatsächlichen Probleme.

Und dann redet er sich in Rage. Er habe, blöder geografischer Zufall, mit seiner kleinen Gemeinde von 1500 Leutchen 24 Kilometer Nebenstraßen zu unterhalten. Dafür bräuchte man Extra-Mittel. 27 Jahre lang seien immer nur einzelne Teerflatschen in die Löcher gekippt worden. Seit der Wende alles Flickwerk! Vor einigen Jahren wurde die Grundschule geschlossen, die man mit wenig Aufwand hätte in Schuss bringen können. Das habe auch politische Gründe gehabt. Kinder waren genug da. Die fahren jetzt täglich Schulbus. Der Schulbus ist überhaupt der einzige Bus, der fährt.

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