Markus Dröge, 63, ist seit 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Foto: Mike Wolff
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Berlins Bischof Dröge zum Reformationstag "Vielleicht ist unsere Botschaft wieder revolutionär"

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Bischof Markus Dröge über die politische und gesellschaftliche Bedeutung der evangelischen Kirche und Luthers Antwort auf die AfD. Ein Interview.

Herr Bischof Dröge, was würde denn Luther heute zur AfD sagen?

Da fällt mir als erstes ein, dass die Historiker in diesem Jahr immer davor gewarnt haben, aus der Vergangenheit direkte Ableitungen für unsere gegenwärtige Botschaft zu ziehen.

Sie sind aber Bischof und kein Historiker…

Ja. Also wenn Sie wissen wollen, was wir heute in der Tradition Luthers zur AfD sagen: In der Bindung an Gott werde ich selbst befreit, um mich für meinen Nächsten einzusetzen. Martin Luther hat immer gesagt, es kommt darauf an, was Christum treibet. Und die Nächstenliebe Jesu ist nicht nur die Liebe zu meinem Nächsten, zu meiner eigenen Heimat, meiner Familie, sondern gerade auch die zu meinem fernen Nächsten, dem anderen, wie es die kulturprägende Geschichte vom barmherzigen Samariter deutlich gemacht hat. Gerade in einer globalisierten Welt müssen wird den Blick für den anderen haben. Wir können gar nicht überleben, wenn wir nicht den Blick für die Menschen in anderen Teilen der Welt haben.

War Luther nicht auch Populist?

Luther war sicherlich sehr populär und konnte durch seine Rhetorik die Herzen der Menschen bewegen. Er hat auch die neuesten Medien der damaligen Zeit sofort genutzt. Es kam ihm aber immer darauf an, die Botschaft des Evangeliums damit rüberzubringen, dass er die Menschen spitz anspricht auf ihre Sünde, auf unheilvolle Zusammenhänge, die er gesehen hat. Gleichzeitig ist er auch ein sehr seelsorgender Mensch. Er konnte genau so predigen, sich für das Gemeinwohl einsetzen. Er hat sich ja auch dafür eingesetzt, dass die Bilderstürmer nicht alles zerstören, sondern dass sorgsam mit dem Erbe umgegangen wird. Er hatte also beide Seiten: das Zuspitzende und das Bewahrende.

Beim Kirchentag saßen Sie gemeinsam mit Anette Schultner auf dem Podium, der Sprecherin der Christen in der AfD. Sie hat jetzt ihren Austritt aus der AfD erklärt – eine Genugtuung für Sie?

Diese Diskussion war sehr hart, aber auch sehr fair. Wir sind uns eigentlich in kaum einem Punkt einig gewesen. Ich habe sehr davor gewarnt, sich als Christen für die AfD einzusetzen. Nicht, weil ich jemand das Christsein abspreche, wenn er in der AfD ist. Aber ich kann mir glaubwürdiges Christsein nicht in der AfD vorstellen. Ich habe ihr auch sehr deutlich gesagt, dass ich glaube, dass sie als Feigenblatt in dieser Partei missbraucht wird. Dass sie das heute nun genauso sagt, ist sicher auch eine Frucht unserer Diskussion.

Hat die Diskussion um die AfD den Kirchentag noch politischer gemacht?

Ich hatte mir das gut überlegt, ob ich auf dem Kirchentag mit der Sprecherin der Christen in der AfD diskutiere. Es gab ja sogar einen Boykottaufruf, gar nicht hinzugehen und nicht mit der AfD zu reden. Es war aber gut, diese Diskussion auf dem Kirchentag stattfinden zu lassen. Ich denke, sie war ein Stück weit exemplarisch. Denn es ist ja ein Markenzeichen des Kirchentags, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen. Das Signal war: Der Kirchentag drückt sich nicht davor, auch Positionen zu diskutieren, die vielen als nicht genehm erscheinen.

Sind Sie auch sauer auf die AfD, weil sie in diesem sehr politischen Jahr der Bundestagswahl einige Aufmerksamkeit vom Reformationsjubiläum abgezogen hat?

Wir sind jetzt erst dabei, das Jubiläum zu analysieren. Zum einen haben wir eine immense Aufmerksamkeit bekommen vom Publikumsinteresse, aus der Politik und in den Medien. Gemeinden haben mit dem Thema Reformation Veranstaltungen durchgeführt, in der sogenannten Provinz haben Ausstellungen großes Interesse gefunden. Gerade auch in Brandenburg, also im Osten, wo Menschen immer eine gewisse Scheu haben, sich mit kirchlichen Themen zu beschäftigen, erlaubte dies sich mit der Geschichte der Reformation und ihren Folgen aus einer gewissen Distanz mit kirchlichen Themen zu befassen. Ich denke auch, wir haben gezeigt, dass unser Glaube in die Öffentlichkeit gehört. Gegen die Tendenz, den Glauben privatisieren zu wollen. Ob die AfD uns dennoch die Schau gestohlen hat, weil wir sonst noch mehr Aufmerksamkeit bekommen hätten, glaube ich nicht. Es gab ja auch konkrete gesellschaftliche Erwartungen an uns.

Welche denn?

In der Entschließung des Bundestags von 2011 steht, dass die Bundesrepublik sich mit engagiert bei den Feierlichkeiten, weil die Gesellschaft wie sie heute ist, die freiheitliche Demokratie, die Betonung des Gewisses des Einzelnen, nicht zu verstehen ist, wenn man nicht auch die Geschichte der Reformation bedenkt. Und der Bundestag erhoffte sich von diesem Jahr eine lebendige Diskussion über die Fortführung der Demokratie. Damals hatte man noch keine Ahnung, dass 2017 erstmals eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag gewählt wird. Wir haben dadurch nochmal sehr stark gemerkt, dass wir als evangelischen Kirche einstehen müssen für unsere freiheitliche Demokratie, für Menschenrechte, für Menschenwürde.

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