Eine Stadt macht sich schön. Helsinki boomt. Im weriteren Hafengebiet (hier nicht zu sehen) entstehen neue, attraktive Wohnviertel. Foto: © Sergio Azenha / Alamy Stock Photo
p

100 Jahre Finnland Bildung macht den Unterschied

Henrik Meinander
1 Kommentare

Ein Jahrhundert Selbstbehauptung im hohen Norden – eine Variante der europäischen Geschichte.

Wie sollen wir nationale Geschichte im 21. Jahrhundert schreiben und verstehen? Diese Frage wird in ganz Europa diskutiert, während das Vertrauen in das gemeinsame Projekt des Nationalstaats und dessen Stabilität aus allen Richtungen in Frage gestellt wird. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben viele Historiker mehr und mehr versucht, die patriotischen Narrative des Nationalstaats zu dekonstruieren und die transnationalen und globalen treibenden Kräfte hinter der Entwicklung eines bestimmten Landes oder einer Region zu betonen. Aber solche Narrative sind für den normalen Leser, der es gewohnt ist, sein historisches Bewusstsein um familiäre und nationale Geschichten zu errichten, schwer zu verstehen.

Eine oft angewandte Lösung, um dieses didaktische Problem zu lösen, ist es, die traditionelle nationale Perspektive als Ausgangspunkt des Narrativs zu wählen, um dann systematisch zu zeigen, wie stark die Entwicklung von größeren Kettenreaktionen in der Geschichte der Menschheit beeinflusst wurde.

Finnland ist tatsächlich ein interessantes Beispiel dafür, wie sich ein peripherer Teil unseres Kontinents durch eine Anzahl struktureller Umstände und glücklicher Kettenreaktionen zu einem eigenen Land und Staat entwickelt hat. Und mehr noch, wie seine parlamentarische Demokratie sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch in direkter Nachbarschaft der „großen und mächtigen Sowjetunion“ überleben konnte.

Demzufolge hatte Finnland sich auch während seiner russischen Zeit kulturell und sozial in die gleiche Richtung entwickelt wie während seiner schwedischen Epoche. Das hatte entscheidende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie seine Zivilgesellschaft sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete. Es ebnete den Weg für finnischen Nationalismus, wachsende Forderungen der politischen Rechten innerhalb des Großherzogtums und die Einführung des universellen Wahlrechts in den finnischen Parlamentswahlen im Jahr 1906 – bei denen übrigens zum ersten Mal Frauen in Europa wählen durften. Finnland folgte in dieser Hinsicht dem skandinavischen Muster verhältnismäßig früher Demokratisierung, was zu erhöhter Spannung zur russischen Regierung führte, die Finnland quasi als Pufferzone in der nordwestlichen Ecke ihres Reiches sah.

Als die russische Revolution im Frühjahr 1917 ausbrach, war Finnland daher sowohl politisch als auch ideologisch reif für nationale Souveränität. Dennoch war die Unabhängigkeitserklärung, die das finnische Parlament im Dezember 1917 verabschiedete, vor allem eine Reaktion auf den bolschewistischen Staatsstreich. Zwei Monate später breitete sich die Revolution nach Finnland aus und seine Bürger griffen in einem kurzen Krieg gegeneinander zu den Waffen, der mit dem Sieg der von einer deutschen Division entscheidend unterstützten bürgerlichen Seite endete. Die Allianz mit Deutschland blieb eng bis zur Kapitulation Deutschlands im November 1918. Die deutsche Niederlage hatte eine Zeit der Unsicherheit zur Folge, aber das Chaos in Russland gab der neugeborenen Republik Finnland die nötige Zeit, sich zu erholen und ihre demokratische Verfassung einzuführen.

"Zusammen" ist das offizielle Motto der Hundertjahrfeier der Republik. Kollage zu 100 Jahre Finnland. Foto: promo
p

Ein Zeichen dieser schnellen sozialen Erholung war, dass die Sozialdemokraten weniger als ein Jahr nach ihrer Revolte im Frühjahr 1919 80 von 200 Sitzen im finnischen Parlament gewannen und in einigen Kommunalwahlen sogar eine absolute Mehrheit erreichten. Trotzdem war es unvermeidlich, dass der tragische Beginn der Unabhängigkeit eine tiefe Narbe in der finnischen Identität hinterlassen würde, was unter anderem zu einem lang anhaltenden Streit führte, wie der Krieg von 1918 genannt werden sollte. Die bürgerliche Seite sprach bis in die 1960er von einem Unabhängigkeitskrieg, während die Sozialisten es bevorzugten, von einer Revolte oder Klassenkampf zu sprechen, während er in Wirklichkeit eine Kettenreaktion und Teil des Ersten Weltkriegs sowie der Russischen Revolution war.

Finnland war bekanntlich nur eine von vielen Nationen im östlichen Teil Europas, die ihre Unabhängigkeit während und in den Nachwehen des Weltkrieges erlangten. Von einem geopolitischen Standpunkt aus gesehen stellte dieser Gürtel aus neuen Staaten eine Grauzone zwischen Russland und Deutschland dar, die beide in den 1930er Jahren, nachdem sie sich erholt hatten, versuchten, zurückzuerlangen. Das Ergebnis dieses harten geopolitischen Spiels war der Zweite Weltkrieg und die Expansion der sowjetischen Pufferzone nach Zentraleuropa.

Nichtsdestotrotz war Finnlands Schicksal in diesem brutalen Tauziehen zwischen den zwei Diktaturen definitiv glücklicher als das all der anderen kleinen Staaten Osteuropas, die in den Krieg gezerrt wurden. Ein Grund dafür war, dass Finnland sich, trotz seiner Nähe zu Leningrad, in der nördlichen Peripherie und hinter dem Finnischen Meerbusen und der Ostsee befand.

Zusammen mit Polen und den Baltischen Staaten wurde Finnland mit der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop -Paktes im August 1939 zur sowjetischen Pufferzone erklärt. Aber nachdem es der Roten Armee im kurzen Winterkrieg 1939-1940 nicht gelungen war, Finnland zu erobern, schwenkte die geopolitische Balance zugunsten der Finnen um. Hitler sah das sture Finnland als nützlichen Verbündeten bei seinem Kreuzzug gegen die Sowjetunion und gewährte Finnland substanzielle militärische und materielle Unterstützung während dieses Bündnisses von 1941–1944.

Dank dieser Unterstützung konnte Finnland eine zweite sowjetische Invasion abwenden und brach die Verbindungen nach Deutschland im September 1944 ab, als es das Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten unterzeichnete. Viele westliche Beobachter nahmen an, dass Finnland trotz dieser kunstvollen Kehrtwende gezwungen werden würde, sich dem von Moskau kontrollierten militärischen Block anzuschließen. Im Frühjahr 1948 unterzeichneten die Länder einen Vertrag, wonach der finnische Staat sich verpflichtete, jeglichen Angriff auf Finnland oder die Sowjetunion durch finnisches Gebiet abzuwehren. Das verhinderte natürlich, dass Finnland der Nato und der EWG beitreten konnte und machte eine vorsichtige Selbstzensur in öffentlichen Debatten über die Sowjetunion erforderlich und gab westlichen Journalisten Anlass zu behaupten, dass das Land mehr und mehr unter die Kontrolle Moskaus gerate.

Manche dieser sogenannten „Finnlandisierungs-Vorwürfe“ in westdeutschen Zeitungen waren ohne Zweifel zutreffend. Und doch ignorierten sie oft die substanzielle Ernte, die Finnland durch die Stabilisierung der Beziehungen zu seinem östlichen Nachbarn eingefahren hatte. Die sowjetische Führung akzeptierte Finnlands demokratische Verfassung und Marktwirtschaft, so lange das Land eine deutliche Distanz zur Nato einhielt und Kritik am sozialistischen Block vermied. Im Gegenzug dazu konnte Finnland lange und profitable Handelsabkommen mit der Sowjetunion abschließen, die die Konjunktur stabilisierten und so das finnische Wirtschaftswachstum und die schnelle Errichtung des Nordischen Wohlfahrtsmodells stimulierten.

Henrik Meinander, Professor für Geschichte an der Universität Heslinki, Autor von "Finnlands Geschichte. Linien, Strukturen, Wendepunkte", Scoventa 2017 Foto: Scoventa
p

Das moralische Dilemma dieser pragmatischen Ostpolitik, die die finnische Regierung energisch als Neutralitätspolitik bewarb, ähnelte in Wahrheit der militärischen Allianz mit Deutschland von 1941-1944. In beiden Fällen entschied sich die finnische Führungsriege für eine Politik, die vorteilhaft für Finnlands nationale Existenz und Wohlfahrt, aber von einem ethischen Standpunkt aus gesehen problematisch war. Das Aha-Erlebnis in dieser Frage war der Winterkrieg 1939–1940 gewesen, in dem Finnland wegen seines naiven Vertrauens auf westliche Unterstützung auf sich allein gestellt war, um um seine Existenz zu kämpfen. Keine einzige finnische Regierung ist seitdem das Risiko eingegangen, zu glauben, dass irgendeine ausländische Regierung dem Land militärische Unterstützung zusichern würde, wenn die Frage sich nur um die Unabhängigkeit Finnlands drehen sollte. 1941 ging die deutsche Unterstützung im Gegenzug mit der Beteiligung an dem „Unternehmen Barbarossa“ gegen die Sowjetunion einher. Während des Kalten Kriegs wurde die nötige Sicherheit durch die verächtlich kritisierte Finnlandisierungs-Strategie erreicht. Und seit Finnland der Europäischen Union 1995 beigetreten ist, ist Finnland erneut aufmerksam der schwedischen Sicherheitspolitik gefolgt. Das heißt, im Stillen eine enge militärische Kooperation mit den Vereinigten Staaten aufzubauen, aber gleichzeitig vorsichtig eine offizielle Mitgliedschaft in der Nato zu vermeiden, weil eine solche zu Verantwortung für die Sicherheit der baltischen Nato-Staaten führen würde.

Bildung wird in Finnland groß geschrieben und ist teil des Erfolgs des finnischen Modells. Zahlreiche Menschen nehmen am 22.04.2017 in Helsinki am "March for Science" teil. Foto: Mikko Stig/Lehtikuva/dpa
p

Viel dieser Stabilität ist sicherlich dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass Nordeuropa sich in der Peripherie der geopolitisch viel umkämpften Regionen in Zentral- und Osteuropa befindet. Als genauso wichtig hat sich aber das, um es mal so zu sagen, exzellente Wirtschaftswachstum der nordischen Staaten, erwiesen, das maßgeblich das Ergebnis ihrer Erfolge auf dem globalen Markt seit 1890 ist. Manche dieser Errungenschaften können durch gute Handelsbeziehungen und natürliche Ressourcen erklärt werden. Aber ein umso substanziellerer Grund für den Wandel von armen Agrarländern zu konkurrenzfähigen postindustriellen Gesellschaften waren frühe und effiziente Investitionen in nationale Bildung und Erziehung und in ein nationales Sozialhilfesystem, die die Einbettung von neuen Technologien und Lebensführungen erleichtert haben.

Finnland musste seit dem Ausbruch der letzten globalen Finanzkrise 2008 mit einer Anzahl struktureller Herausforderungen kämpfen, die zusammen mit Defiziten innerhalb der EU seine nationale Verschuldung hochgetrieben hat und die finnische Regierung dazu gezwungen hat, substantielle Kürzungen im Bereich der nationalen Bildung und Forschung durchzuführen. Diese Kürzungen können nicht fortgeführt werden, ohne der finnischen Wettbewerbsfähigkeit und seinen demokratischen Institutionen erheblichen Schaden zuzufügen. Die finnische Republik feiert daher ihren 100. Geburtstag im vollen Bewusstsein dessen, dass starke und mutige Entscheidungen heute wieder notwendig sind, um ein neues Level von Stabilität und Wachstum zu erreichen. Aber wie in so vielen europäischen Ländern ist es nicht einfach, diese Erkenntnis in konkrete Handlungen umzuwandeln…

Henrik Meinander: "Finnlands Geschichte. Linien, Strukturen, Wendepunkte", Scoventa Verlag, Bad Vilbel 2017. Foto: Scoventa
p

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität Helsinki. Aus dem Englischen von Annika Brockschmidt

Von ihm ist das Buch "Finnlands Geschichte. Linien, Strukturen, Wendepunkte" (Aus dem Finnischen von Roman Schatz, Scoventa Verlag, Bad Vilbel 2017, 300 Seiten, 24,90 Euro) erschienen.

Zur Startseite