Wunder über Wunder. In Berlin gibt es nie konkrete Ursachen oder Verantwortliche für Pleiten, Pech und Pannen. Foto: imago/David Heerdep

Polemik auf BerlinEine Stadt wie eine sanfte Katastrophe

von Bernd Matthies196 Kommentare

Berlin, das ist der Ort, an dem nichts funktioniert und trotzdem alles irgendwie immer weiterläuft. Dafür bewundert uns die halbe Welt – aber die muss ja auch nicht hier leben.

Der BER: das Gift der Stadt

Grün ist die Hoffnung. Kann ja noch werden mit dem BER, wenn nicht im Herbst 2019, dann vielleicht 2020, oder allenfalls ganz wenig später. Foto: Patrick Pleul/dpap

Leitbild der Politik: Wolkenkuckucksheim

Leitbild der Politik ist das Wolkenkuckucksheim gesunder, fröhlich strampelnder junger Menschen, die ihren lukrativen IT-Job per Home Office erledigen, sich im Bio-Markt um die Ecke mit gentechnikfreiem Wurzelgemüse eindecken und die Kinder in fußläufiger Entfernung allerbestens eingeschult wissen.

Für den Einkauf halten sie im Hausflur ein mit Ökostrom aufgeladene Lastenfahrrad bereit und freuen sich schon das ganze Jahr darauf, an einem Sommersonntag wieder einmal über die Stadtautobahn zu radeln, um sich dort unter Gleichgesinnten ihrer moralischen Überlegenheit zu versichern und den Zorn der festgenagelten Autofahrer durch die Funktionsjacke glühen zu spüren.

Das Komische an diesem nicht nur in Berlin heimischen Diskurs liegt allerdings darin, dass er folgenlos bleibt. Das lässt sich, wie auch die neue, parteilos grüne Verkehrssenatorin schon begriffen hat, allemal mit den enorm komplizierten Verfahrensabläufen begründen. Während also Städte wie München und Stuttgart die Sache mit dem Dieselverbot in der Innenstadt recht direkt ansteuern, herrscht in Berlin, wo die Messwerte ja auch nicht ohne sind, klammheimliches Schweigen.

Parkplätze und die Patrouillen des Ordnungsamtes

Aber logisch: Niemand muss Verkehrsprofessor sein, um zu ahnen, dass die Stadt erledigt ist, wenn Hunderttausende von Pendlern, Stadtrandbewohnern und Lieferanten nicht mehr in die Innenstadt dieseln dürfen. Denn dann würden die schon jetzt offensichtlichen Defekte des Berliner Verkehrs ihre volle Wucht entfalten. An denen ist natürlich auch Brandenburg nicht unbeteiligt, wo sie immer abwinken, wenn es um Parkplätze an der Bahn, um den Ausbau eingleisiger oder ganz erloschener Strecken und andere nützliche Maßnahmen geht, die irgendwie nach Kosten riechen - Erbe des unsäglichen Volksentscheids gegen die Länderfusion.

Draußen leben also unzählige Eigenheimbesitzer, die zum großen Teil nicht an der Bahn wohnen, aber weder am nächsten Bahnhof noch auf Berliner Gebiet einen Parkplatz finden. Denn der im Dienstwagen kommod dahingleitende Senator respektive Stadtrat kennt Parkplätze nur unter dem Stichwort „stadtverträglicher Rückbau“ und liefert sie bis dahin einträglich den Patrouillen des Ordnungsamtes aus. So verstopfen die Autos aus OHV und TF und MOL schon täglich von 7 bis 18 Uhr die gebührenfreie Peripherie in Hermsdorf, Wannsee oder überall sonst, wo noch eins dazwischen passt. Und die legendäre Berliner Verkehrslenkung lässt es zu, dass alle Gewerke nach Geschmack jede Hauptstraße aufbaggern und zustellen dürfen - beide Verbindungen nach Kladow gleichzeitig oder das überlastete Reichpietschufer in Schöneberg, wo nur noch eine Spur übrig ist, weil dort ein Haus gebaut werden soll.

Signalsysteme aus den 20er Jahren

Und nun addiere man zu dieser schon heute kaum noch tragbaren Situation den wackligen Zustand des ÖPNV mit seinen Verzögerungen im Betriebsablauf, mit den Signalsystemen aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, den asthmatisch rumpelnden Schrottzügen, die immer nur eine Schraubenlänge vom Liegenbleiben entfernt sind, und mit den ewig steckenbleibenden Bussen, die demnächst durch ein paar neue Tempo-30-Zonen zuckeln dürfen.

Man füge die ohnehin schon überfüllten Züge hinzu, erinnere an die Liste der dort endemischen Lästigkeiten von lärmend trötenden Bettlern über Alkoholleichen bis zu Quartalsschlägern, denen das Leben ihrer Zufallsopfer völlig egal ist.

All das ergäbe in Verbindung mit einem Innenstadtverbot für die meisten Dieselautos zweifellos den kompletten Exitus auf allen Kanälen, das könnte selbst die neue Stadthymne „Is mir egal“ nicht mehr überdecken. Deshalb wird der Verkehr vorerst bleiben, wie er ist, außer, die vagen Neigungen zum politischen Suizid im Senat nehmen überhand.

Möglicherweise ruft aber gerade die Erkenntnis, dass sich Berlin als Objekt sachgerechter Politik einfach nicht eignet, all die Absurditäten hervor, an denen sich Senatoren und Bezirksverordnete ersatzweise abarbeiten. Niemand muss aus seinem Herzen eine Mörder*innengrube machen, wenn er die Klagen winziger Minderheiten mit windschiefen wissenschaftlichen Theorien fusioniert und daraus abendfüllende Debatten über Gendersterne, Unisextoiletten und längst verschimmelte sexistische Werbeplakate ableitet, Themen zwischen Unfug und Utopia, die von den Alltagsnöten der Bürger so weit entfernt sind wie die Grünen von der absoluten Mehrheit.

Der BER - das Gift der Stadt

Aber weinerliches Moralisieren liegt nicht nur im Trend, es führt auch viel schneller zu greifbaren Ergebnissen als der Kampf gegen die organisierte Kriminalität, gegen die zerbröselnden Straßen und gegen Lehrer- und Polizistenmangel. Und es belastet auch den Etat kaum, anders, als es sinnlos abgeschlossene Verträge zur Unterbringung nicht mehr vorhandener Flüchtlinge tun. Das peinliche Versteckspiel um das mit warmer Hand auf Jahre gemietete und nie genutzte Tetrapak-Gebäude in Heiligensee zeigt das andere Gesicht der Berliner Verwaltung: Kommt es richtig dick, bricht Panik aus, und Geld spielt auf mysteriöse Weise keine Rolle mehr.

Von Heiligensee bis zum Flughafen BER ist es insofern nur noch ein winziger Schritt. Er kostet bekanntlich tagtäglich eine siebenstellige Summe, die zum Fenster rausgeblasen wird und die Stimmung in der Stadt stärker vergiftet, als es noch so viele Dieselautos könnten. Allerdings: An diesem Weltklasse-Desaster sind drei Seiten beteiligt, Berlin, Brandenburg und der Bund. Dass dennoch weltweit alle immer nur über die unfähigen Berliner höhnen, ist gemein. Aber es zeigt auch, dass unsere Stadtoberen es nicht einmal schaffen, sich effektiv zu wehren, wenn sie von ausgebuffteren Profis vorgeführt werden.

Das Wunder ist dennoch Alltag: Irgendwie kommen wir durch, selbst genervt, aber bewundert von der halben Welt, die von all den Verzögerungen im Betriebsablauf außer beim Flughafen kaum etwas mitbekommt. Aber das kann sich irgendwann auch mal ändern.